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Hans Georg Backhaus

Adorno und die metaökonomische Kritik der postivistischen Nationalökonomie

In der 2003 von Rolf Tiedemann veröffentlichten Auswahl aus den Notizen Adornos findet sich im ersten Satz seiner letzten Notiz vom Juli 1969 eine kritische Äußerung über die “Sprachmanieren von Marx”, seine “Rhetorik und Metaphorik”, die ihm “längst [...] suspekt” sei. Der sich anschließende Satz scheint diesen Verdacht in einem radikaleren und prinzipielleren Sinn konkretisieren zu wollen: “Wie aber, wenn eine einschneidende Kritik der gesamten [!] Theorie von der Sprache her zu führen wäre” – eine frappierende Erwägung, die eine Fülle von Fragen und Problemen aufwirft, zunächst philologischer, doch vor allem sachlicher Art.

Sollte dieser zweite Satz der letzten Notiz wortwörtlich zu verstehen sein, müßte der Terminus “gesamte Theorie” auf Marxens philosophische Theorie, die “materialistische Dialektik”, ebenso bezogen werden wie auf seine ökonomischen Theorie. Doch im Fall einer wörtlichen Auslegung müßte man unterstellen, Adorno hätte erwogen, die Grundlagen seiner eigenen Philosophie in Frage zu stellen, seiner “materialistischen” oder “negativen Dialektik”, sie erwiese sich als ein grandioser, lebenslang verfochtener Irrtum. 1959 waren es für ihn “Marx und Engels”, die “die kritische Theorie der Gesellschaft konzipierten” (8/120) [ 1 ], 1963 wird das “Marxische System” als “eine durchaus kritische Theorie” [ 2 ] charakterisiert, 1966 ist ihm die “dialektische Theorie [...] weithin die Marxische” (6/197) und Das Kapitalein Vorläufer seiner eignen Dialektik: keineswegs bloß eine fachökonomische Theorie, vielmehr primär deren “Kritik”, eine metaökonomische “Phänomenologie des Widergeistes” (6/349), d. h. eines “Geistes”, der sich in dem darstellt, was Marx “reelle Mystifikationen” (13/35) nennt; und noch 1968 erläutert er “kritische Theorie der Gesellschaft” so, daß für sie “prototypisch die Marxsche einsteht” [ 3 ] .

Ist es daher ein sinnvolles Unternehmen, den zweiten Satz der letzten Notiz so zu interpretieren, daß in den letzten Wochen seines Lebens Adorno den Widerruf seines philosophischen Lebenswerks, letztlich eine Kritik der kritischen Theorie ins Auge gefaßt haben könnte, das salto mortale einer selbstzerstörerischen Selbstkritik? Lorenz Jäger, der Verfasser einer Adorno-Biographie, scheint den Satz zumindest als den Beginn einer prinzipiellen Distanzierung der Marx’schen Theorie deuten zu wollen.

Angesichts der unabsehbaren, letztlich desaströsen Konsequenzen einer wörtlichen Interpretation sollte man damit beginnen, zunächst philologisch dessen semantisches Umfeld in den Blick zu nehmen, vor allem die Fortführung der kritischen Überlegungen in den sich anschließenden Sätzen derselben Notiz, sodann die zwei wenige Wochen vorher, im Juni verfaßten Notizen. Hierbei stellt sich heraus, daß sie einer wörtlichen Auslegung der Marx-Kritik entgegenstehen, Adornos Orthodoxie vielmehr bekräftigen. Es ist daher zu vermuten, daß es die folgenden Sätze sind, die den Zweifel spezifizieren und eingrenzen sollten, geht es jetzt doch keineswegs mehr um die “gesamte Theorie”, sondern bloß noch um einen von ihr separierbaren, theoretisch akzidentellen Sektor, den geschichts-philosophischen Teil; fragt er doch: “zeugt” jene “Rhetorik und Metaphorik” nicht geschichtsphilosophisch gegen ihn. Daß er für das, was er meinte, nicht das richtige Wort hat finden können, müßte nach seiner und Hegels Logik, beweisen, daß eben der “Weltgeist [...] nicht mit ihm war.”

Die folgenden, Adornos letzte Notiz abschließenden Sätze, befassen sich mit der “Tatsache, daß das Proletariat nicht die fortgeschrittenste Klasse war, sondern als entmenschlichte, regressiv, zurückgeblieben” sei. Der von Adorno mehrfach gebrauchte Begriff “Entmenschlichung” bezeichnete den “zur Totalität entfalteten Warencharakter von Arbeitskraft” (6/261), “dinghaft Entmenschlichtes” (6/192), einen Prozeß der “Entsubjektivierung” (6/130), daß “denen drunten Individualität versagt (wird) durch die Ordnung des Eigentums” (8/389). In diesem Begriff zentriert sich Adornos “kritische Soziologie” als “Kritik der Gesellschaft” (8/557). Die Juli-Notiz hält also an der Marxschen Begriffsbildung zumindest in dem Sinn fest, daß die “Entmenschlichung” als Funktionsbedingung der kapitalistischen Demokratie, ihres Vermögens zur Integration des Proletariats begriffen wird: Ist es doch grade etwas Negatives, seine “Entmenschlichung”, “Zurückgebliebenheit”, seine geistige Pauperisierung, die seine “Integration in die bürgerliche Gesellschaft erlaubt”. Den beiden letzten Sätzen der Notiz, also Adornos überhaupt letzten schriftlich fixierten Äußerungen zufolge äußert sich der “regressive” Zustand des Proletariats auch in dem Kitsch der “Hymnen” und “Revolutionslyrik” östlicher Staaten: “Diesen Zusammenhängen einmal aufs genaueste nachgehen. Sehr wichtig” [ 4 ] Unterstellt man, daß primär der zweite Teil der Notiz deren erste Sätze konkretisieren sollten, so geht es in der ganzen Notiz durchweg um geschichtsphilosophische und ästhetische Zusammenhänge; mithin nicht um die “gesamte Theorie” von Marx. Weder ist von ihrem ökonomischen Teil, noch von ihrem philosophischen Ansatz die Rede, ihrem Entwurf einer negativen oder “materialistischen Dialektik”.

Um die “gesamte Theorie” geht es hingegen in der Notiz vom 14.6.1969 [ 5 ] , die sich mit dem “Zusammenhang von Verdinglichung und Idealismus” befaßt, wobei Adorno davon ausgeht, daß den “Menschen das Ihre, lebendige Arbeit, virtuell Leben entzogen” und sie der “realen Vormacht der versteinerten menschlichen Verhältnisse über die Menschen” (S. 37), des gesellschaftlichen Objekts über das gesellschaftliche Subjekt unterliegen. Der Idealismus möchte “subjektivistisch [...] das Subjekt wiedererwecken”, was aber nur “ideologisch, scheinhaft” gelingen könne – philosophiekritische Thesen, die mehrwerttheoretisch begründet, auf einen Scheinbegriff verweisen, der in der Marxschen Ideologienlehre gründet. Im gleichen Geist verfaßte Adorno zwei Tage vorher, am 12.6.1969 die gewichtige Notiz Zum neuen Vorwort der Dialektik der Aufklärung: “Der Begriff einer kritischen Theorie – K[ritik] d[er] pol[itischen] Ök[onomie] im doppelten Sinn [...] Das heißt für uns heute [!] wie je, daß der Marxismus uns keine Weltanschauung ist und daß er zwar alles (!) vermittelt aber nichts von oben her vorentscheidet” (S. 36), also von einem obersten Prinzip her. Die Autoren wollen sich demnach einem antidogmatischen, erneuerten “Marxismus” zugerechnet wissen.

Die Juni-Notiz zum neuen Vorwort ist vor allem unter dem Aspekt aufschlußreich, daß Adorno sich in ihr korrigierend auf einen umfangreicheren Entwurf zu einem neuen Vorwort bezieht, den er bereits im Februar 1969 geschrieben hatte. Die in ökonomietheoretischer Hinsicht zurückhaltenden Formulierungen sollen durch radikalere ersetzt werden. Jener erste Entwurf charakterisiert die Dialektik der Aufklärung unter einem bislang verschwiegenen Gesichtspunkt. Es wird m.W. erstmals berichtet, daß der Dialektik der Aufklärung ein “Verzicht” zugrunde lag: der Verzicht auf eine “ausgeführte ökonomische Analyse”. Innerhalb dieses Kontext’ signalisiert der Terminus “Verzicht”, daß dem Werk ein gravierender Mangel inhäriert, der Verzicht als unfreiwilliger zu verstehen ist. Adorno zufolge resultiert er aus einem prinzipiellen “Dilemma”: “entweder” sind die “Kategorien der politischen Ökonomie wie Mehrwert, Verelendung [...] Klasse streng festzuhalten”, womit man die veränderte “Realität” krass “verfehlen” mußte, “oder” die Kategorien waren “aufzuweichen”, was das andere Übel einschloß, einem “begriffslosen Positivismus anheimzufallen”, der als “begriffsloser” keine Alternative zur Marxschen Theorie sein konnte.

Freimütig bekennt Adorno: Die Autoren hätten in der Dialektik der Aufklärung>dieses “Dilemma nicht gemeistert”, eine “Grenze [!] des Buchs und stets noch die von kritischer Theorie”, mithin eine Grenze des Standes nicht bloß im engeren Sinn ökonomischer, sondern gesellschaftstheoretischer Erkenntnis überhaupt.

Ob und wie das Dilemma zu meistern, die “Grenze” zu überschreiten ist, blieb eine offene Frage. Einerseits postulieren sie, die Marxschen Kategorien der Ökonomie seien “neu zu bestimmen” oder “vielleicht weiterzutreiben”, andererseits äußern sie “Zweifel daran, ob das Geforderte überhaupt sich vollbringen läßt” (ebd. S. 7). Es handelt sich um denselben Verzicht, der auch die Grenzen der Negativen Dialektik bedingt, in der er sich eignen Bekunden zufolge “den Übergang in die explizite [!] Ökonomie versagen mußte” [ 6 ] ; ein Übergang, der also intendiert war und heute noch aussteht. Die Rede von der “expliziten” Ökonomie verweist allerdings darauf, daß das Werk eine implizite enthält, deren Grundzüge meist ignoriert worden sind, ungeachtet solch provokanter Begriffe wie “Ausbeutung” (6/255).

Die implizite Ökonomie der Negativen Dialektik>kulminiert vor allem in der Kritik am “heute universale[n] Tabu über den Zweifel an Produktion als Selbstzweck”, die sich schwerlich anders denn auf der Basis der Marxschen Theorie der Überakkumulation begründen läßt; also jener Theorie der objektiven “Zwangsgesetze”, das Kapital “fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten”, “Produktion um der Produktion willen” (6/300ff) zu betreiben; daß die Gesellschaft, “um sich selbst zu erhalten, sich gleichzubleiben” immerwährend “expandieren, weiter gehen, die Grenzen immer weiter hinausrücken” muß, “sich nicht gleich bleiben” kann; als kritische kritisiert die Theorie primär den als “ruheloses Ad infinitum (6/37) beschriebenen Wachstumszwang, den strukturellen “Zwang zur erweiterten Investition” (6/387); daß das objektive System Ruhe, ökologisches Gleichgewicht, Null-Wachstum negieren muß, weil einfache Reproduktion, Statik Verfall bedeutet; es ist die “Erfahrung” dieses Prozesses, in der eine überindividuelle “Totalität” erfahren wird, in deren “immerwährender” Dynamik sich eine reale>Antinomie ausdrückt, die “Antinomie von Totalität und Unendlichkeit” (6/37). Es ist die “erfahrbare” Realität dieser “Antinomie”, die in Adornos Sicht zwingend auf die Gültigkeit der Marxschen Wert- und Mehrwerttheorie verweist.

Es ist kaum glaubhaft, daß Adorno im Juli 1969 diese Marxschen Fundamentaltheoreme einer “einschneidenden Kritik” unterziehen wollte. Es bestand auch keine Veranlassung, dieses ökonomietheoretische Fundament seiner Negativen Dialektik anzuzweifeln, da die im Entwurf zum neuen Vorwort im Februar 1969 vermerkten “Veränderungen der Realität”, die ökonomischen Veränderungen, die Gültigkeit obiger Theoreme keineswegs in Frage stellten. Im Gegenteil, sie waren wohl nur mittels ihrer erklärbar. Die in der “Einleitung” zum Positivismußtreit wiederholte These von der “immanenten, ‘logischen’ Widersprüchlichkeit” der “Warenform”, der “immanenten Dynamik” des “Tauschprinzips” (8/307), damit der Akkumulation des Kapitals, antizipierte die erst nach seinem Tode beginnende ökologische Debatte über die “Grenzen des Wachstums”. Sie bestätigte also die hochaktuelle Bedeutung der auf der Arbeitswerttheorie fußenden Marxschen Überakkumulationstheorie.

Es entsprach daher auch dem orthodoxen Gedankengang der “Einleitung”, wenn Adorno im Juni anders als im Februar-Entwurf seine ökonomietheoretischen Bedenken zurückstellen und sich entschließen sollte, das neue Vorwort zur Dialektik der Aufklärungin dem Sinn zu verschärfen, daß er ostentativ den ökonomiekritischen>Aspekt des “Marxismus” herausstellte. So käme es einem regelrechten Bekehrungswunder, einem sozialphilosophischen Damaskus-Erlebnis gleich, wenn er schon knapp vier Wochen später eine neue Kehre vollzogen haben, vom dialektischen Saulus zum positivistischen Paulus.

Dieser Annahme widersprechen zwei weitere Gründe. Eine Kritik der Marxschen Ökonomie primär “von der Sprache her”, müßte primär die im Kapital enthaltene ökonomische Sprache überhaupt kritisieren, jenes verdinglichte und metaphorische Vokabular, dem doch die Marxsche Kritik galt. Sie vermöchte Marx daher keinesfalls primär “von der Sprache her” zu kritisieren, gar im Sinn der mehrfach zurückgewiesenen “positivistischen Sprachkritik” (8/458), vielmehr hätte sie sich zu einer Kritik ‘von der Sache her’ fortbestimmen müssen. Schließlich ist nicht zu bezweifeln, daß Adorno ‘Kritik’ immer nur als “bestimmte”, nicht als “abstrakte Negation” (S. 35) verstanden hatte, das zu Kritisierende also nur im dialektischen Sinn “aufzuheben” ist; wenn also selbst der Positivismus immanent in der Weise kritisiert werden soll, daß er “zu sich selbst gebracht, dadurch freilich [ein] sich negierender” (6/298) ist, so wäre er gerade im Fall einer fundamentalen Marx-Kritik entsprechend dieser Kritik-Maxime verfahren, was dem Positivismus recht war, mußte auch dem Marxismus billig sein. Nichts deutet in der Juli-Notiz darauf hin, daß Adorno eine systematische Metakritik der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie angestrebt, also beabsichtigt haben könnte, die Marxsche durch eine neue zu ersetzen zumal die vermerkte ökonomietheoretische “Grenze” der kritischen Theorie auch die “Grenzen” einer ökonomischen Marx-Kritik einschließt.

Hält man daran fest, daß Adorno seine eigene Sozialkritik keineswegs annullieren wollte, stellt sich nachdrücklich die Frage nach einer Alternative zur Marxschen Ökonomie-Kritik. Hier ist in erster Linie darauf hinzuweisen, daß aus prinzipiellen, nicht zuletzt philosophischen Gründen Adorno die konkurrierende Schulökonomie kompromißlos verwerfen mußte. Unabdingbar galt sein Urteil, daß “die “subjektive” Ökonomie ideologisch” (8/50) ist. Hierbei gilt es genauer zu untersuchen, in welcher Hinsicht Adorno die auf der subjektiven Wertlehre basierende Ökonomie als “positivistische Ökonomie” (6/198) bestimmt und kritisiert hat. Eine neue nicht-“ideologische” und zugleich nicht-“positivistische” Ökonomie müßte also jenseits der Marxschen wie der subjektiven Ökonomie in dialektischer und nicht bloß abstrakten Negation beider ausgearbeitet werden. Ein solch dritter Weg war nirgendwo in Sicht und ist es auch heute weniger denn je.

All diese Holzwege vor Augen, wird man sich schwerlich Lorenz Jägers extremer Deutung der Juli-Notiz anschließen wollen. Dies will aber nicht besagen, daß ihr kaum mehr als ein Körnchen Wahrheit innewohnt, vermag sie sich doch zu Recht auf Adornos klare Aussage zu berufen, daß Marx “dem, was er meinte, sich nicht das richtige Wort hat finden können”, auf eine Differenz zwischen dem Meinen und dem Gesagten in seiner “gesamten Theorie” verweist, die Adorno mehrfach konstatiert und kritisiert hatte. In dieser Hinsicht handelt es sich tatsächlich um eine prinzipielle Marx-Kritik, die er nicht auf dessen Geschichtsphilosophie eingegrenzt wissen wollte. Doch dies hatte Adorno in der Tat “längst” bemerkt, wobei ihm diese Kritik gewiß “sehr wichtig>war.

So las man schon in der Negativen Dialektik>– er verstand sie als die kritisch fortgebildete Gestalt einer “materialistischen Dialektik” (6/198) – daß “erneut zu reflektieren” sei, “was in Hegel und Marx theoretisch unzulänglich blieb” und sich der geschichtlichen Praxis mitteilte. Bei Marx besteht dies “Unzulängliche” darin, daß er zwar den “antinominalistischen Aspekt” der Politischen Ökonomie, ihr begriffsrealistisches Moment “immer wieder hervorgehoben” hat, doch “ohne ihm freilich philosophische Konsequenz zuzubilligen” (6/299). Und in seiner letzten theoretischen Arbeit, der Einleitung zum Positivismußtreit’ in der deutschen Soziologie>von 1969 heißt es dezidiert anti-dogmatisch, “daß der Dialektiker Marx keine voll entfaltete Vorstellung von Dialektik hegte” (6/306), die also der vollen Entfaltung noch bedarf.

Es ist diese These, die den tieferen Grund der Marx-Kritik Adornos bezeichnet, die der akademisch-ökonomistischen deshalb weit voraus ist, weil sie jenes Kardinalproblem bezeichnet, das in der nationalökonomischen Begriffsbildung überhaupt ungelöst geblieben ist: Dieser eignet unabdingbar ein “antinominalistisches”, antipositivistisches Moment, das vom positivistischen Hauptstrom permanent verdrängt wird und bloß von einigen Außenseitern, von heterodoxen Ökonomen wahrgenommen worden ist, am klarsten allerdings aus der metaökonomischen Perspektive der Simmelschen Geldphilosophie. Adorno dürfte wohl als erster Interpret erkannt haben, daß in dem “Marxschen Ansatz eine Art von Selbständigkeit des Begriffs liegt, die einem primitiven materialistischen Nominalismus ganz fremd wäre” [ 7 ] . Die Marxsche Werttheorie ist tatsächlich eine solche, die “eine Art von Selbständigkeit des Begriffs” unterstellt, damit auch seine Theorie des Kapitalismus; man denke nur an Marxens Definition der ökonomischen “Kategorien” als “objektive Gedankenformen” (23/90), die aber zugleich “Daseinsformen, Existenzbestimmungen” des lebendigen Ganzen “ausdrücken”. (42/40) Um die Legitimierung dieses “Begriffs” oder “objektiven Gedankens” ist es Adorno wesentlich zu tun: “Der Begriff einer kapitalistischen Gesellschaft ist kein flatus vocis; daher sind ebensowenig jene Begriffe ein flatus vocis, bloßer Hauch der Stimme, “wie Klasse, Ideologie, neuerdings überhaupt Gesellschaft”, die der “offiziellen Wissenschaft”, der prinzipiell positivistisch-nominalistisch orientierten, bloß noch als “peinliche Entitäten” (6/59) gelten können.

Schon gar nicht konnte der Nominalist [ 8 ] Marx seine Grundbegriffe nominalistisch als “flatus vocis” delegitimieren wollen. Ihr “begriffsrealistisches” Moment der Grundbegriffe begegnet in kapitaltheoretischer Hinsicht zwar auch noch im Begriff des “übergreifenden Subjekts” (23/169) des 4. Kapitels, doch im werttheoretischen ist es scheinbar ganz verschwunden. Tatsächlich ist es in Gestalt der Kategorie “Verdopplung” und der ihr korrelierenden “Ware überhaupt” erhalten geblieben, die allerdings erstmals im dritten Kapitel auch namhaft gemacht worden sind, nämlich in der Formel der “Verdopplung” (23/109). Hingegen wird das “antinominalistische” Moment der “Form” des Werts, des Begriffs “Natur des Warenwerts” (23/75), vor allem des Grundbegriffs “abstrakt allgemeine Arbeit” nicht mehr ausdrücklich thematisiert, es bleibt unentfaltet. Anders jene werttheoretisch relevanten Texte, die der zweiten Ausgabe des Kapital vorangingen, vor allem die des ‘Rohentwurfs’. Expressis verbis ist es aber selbst noch im Text des werttheoretischen Kapitels der Erstausgabe des Kapital enthalten, der jedoch offiziell nie rezipiert worden und sowohl der traditionellen Marx-Rezeption und Kritik wie auch Adorno verborgen geblieben ist.

Dort ist zum einem nachzulesen, daß Marx die Allgemeinheit der Äquivalenzform, d. h. in letzter Instanz des Geldes, als eine dialektische, als eine Totalität im Sinn eines Universale in re bestimmte: “Es ist als ob außer und neben Löwen, Tigern, Hasen [...] auch noch das Thier existierte [...] ein solches Einzelne, das in sich selbst alle wirklich vorhandenen Arten derselben Sache einbegreift, ist ein Allgemeines,>wie Thier, Gott u.s.w.”, wobei sich in diesem Kontext herausstellt, daß Marx den Begriff der “allgemeinen Arbeit ebenfalls in antinominalistischer Bedeutung verwendet, damit auch den “Wert” als eine “Totalität” versteht, die grundlegenden Kategorien überhaupt als “Totalität und Abstraktion” (42/218).

An erster Stelle nennt Adorno den “Widerspruch”, jenen “dialektischen Widerspruch”, den der Text so verstanden wissen will, daß er jene “realen Antagonismen” ausdrückt, die zwar “innerhalb des logisch-szientistischen Denksystems nicht sichtbar werden”, daher auch der Schulökonomie ein Greuel sind, dennoch den “Kern [!] des zu Kritisierenden” (8/308) ausmachen. Zweitens soll das Begriffspaar “Wesen und Erscheinung” thematisiert werden, damit die These, daß der “Fetischcharakter der Ware”, also der “Schein das Allerwirklichste” [ 9 ] ist, ein “notwendiger Schein” (8/369) – die Marxsche Lehre vom “gegenständlichen Schein”. Drittens, auf der Basis beider Thesen die Lehre von der “Deutung” in einer “auf Totalität, das reale [...] Gesamtsystem”, also auf die Bewegung des Gesamtkapitals bezogenem Sinn; es geht mithin um eine “Totalität, die ‘ist’ und keine bloße Synthesis logischer Operationen darstellt”. Es geht hierbei um ein vermutlich gegen Habermas gerichtetes Postulat, daß die “Idee des ‘Vorgriffs’ auf Totalität, die allenfalls ein sehr liberaler Positivismus zu billigen bereit wäre” (8/315), nicht ausreicht. In der Tat, wie sollten sich auf dieser methodologischen Basis die Realität der makroökonomischen Gesamtbegriffe, das Real-Allgemeine der monetären Ökonomie, begründen lassen?

Fragt man danach, worin für Adorno der harte Kern der Marxschen “Ökonomie” besteht, ihre “Grundeinsichten”, so geht es um zwei Sachverhalte: um die Existenz einer antagonistischen Totalität und um den subjektiv-objektiven Prozeß der realen Abstraktion. Mehrere Dokumente, vor allem Vorlesungen, vermögen hierüber Aufschluß zu verschaffen. Im Entwurf zur Vorlesung zum 19.12.1949 entwickelt er “Grundthesen” für eine “Theorie der Gesellschaft”, wobei er an den “Anfang” die These setzt, daß “die Gesellschaft eine antagonistische Totalität sei [...]. Antagonistisch vermöge des Klassenverhältnisses”. In einem am 23.12.1949 geschriebenen Brief an Horkheimer heißt es hierzu: “Ich entwickelte zuletzt den Begriff der Theorie der Gesellschaft als antagonistischer Totalität und damit ohne das Wort zu verwenden, die Konzeption des dialektischen Materialismus [!])” (Bd. 18/85); immerhin hieß es im Entwurf, der “Antagonismus” sei der “Grund der dialektischen Methode von der Realität aus gesehen”. Diese “Methode” “sucht das Wesen der Gesellschaft in der Konstruktion des Widerspruchs, weil ihr Objekt ein in sich widerspruchsvolles, zugleich aber in sich einheitliches, gewissermaßen das ‘System’ ist, dem die Philosophie nachhängt, aber im negativen Sinn”.

Für die Vorlesung vom 20.12.1948 notiert er die Frage: “warum muß eigentlich die Theorie der Gesellschaft dialektisch sein?”. Die “Antwort darauf, liegt nun bei der Kategorie der Totalität”. Die Gesellschaft werde zu ihrer “Ganzheit (!) zusammengeschlossen nur vermöge ihrer Widersprüche”, wobei sie sich “nur durch diese” erhält; diese “Widersprüche” werden präzise so gekennzeichnet: Die Gesellschaft “erhält sich” nur “durch” diese, “d. h.” durch die Trennung von Kapital und Arbeit am Leben, reproduziert sich durch den Widerspruch. Diese Struktur wird aber genau von der dialektischen Methode ausgedrückt [...]. Das Wesen ist die im Phänomen bestimmte Totalität, d. h. die Strukturgesetzlichkeit. Das ist die wahre Schranke gegen den Positivismus”. [ 10 ]


Adorno interpretiert also im Marxschen Sinn das Verhältnis von Kapital und Arbeit wie noch der späte Horkheimer nicht als harmonisches im Sinn der akademischen Ökonomie, sondern als ein “antagonistisches”, d. h. als ein dialektisches, realdialektisches dergestalt, daß die “Widersprüche” nicht bloß “zwischen den Phänomenen herrschen”, sondern diese “in sich widerspruchsvoll sind [...], weil das Ganze selbst widerspruchsvoll ist, ist es auch das Phänomen.” Die “Struktur als in sich und jedem Phänomen antagonistisch[e]” ist insofern “mit der Dynamik eins” (ebd.); jede statische Theorie, und die Schulökonomie hat Adorno im Anschluß an die Untersuchungen Grossmanns [ 11 ] als statische verstanden – mehrfach bekannte er sich als dessen Schüler, er gebrauchte in seinen Seminaren mehrfach die Formulierung “mein Lehrer Grossmann” – verfehlt danach die dynamische oder antagonistische Struktur ihres Objekts.

Das will nicht heißen, daß derSchulökonomie immer und ausnahmslos die widerspruchsvolle Struktur des volkswirtschaftlichen Ganzen und einzelner Kategorien gänzlich entgangen ist. Einige ihrer prominenten Vertreter haben die paradoxe oder zirkuläre Struktur ihres Objekts bemerkt, doch nur, um die Reflexion hierüber sogleich abzubrechen, sich weiteres Nachdenken über jene Struktur zu verbieten. Kenneth Joseph Arrow konstatiert eine “rätselhafte zirkuläre Eigenschaft” des “Werts” des Geldes, daß Verkäufer es akzeptieren, weil andere es ihrerseits akzeptieren und umgekehrt. “Trotz mehrerer hundert Jahre des Nachdenkens [...] ließ sich diese Ungereimtheit nicht erklären” [ 12 ] . Einige deutsche Autoren sahen tiefer und verlegten die “rätselhafte” Eigenschaft in das Verhältnis von Ware und Geld selbst, das sie ähnlich der Marxschen Form-Analyse als ein “zirkuläres” wahrgenommen haben, Alfred Amonn und vor allem Friedrich von Gottl-Ottlienfeld, am klarsten freilich der Philosoph Georg Simmel.

In Marxschen Termini handelt es sich um die reale Einheit des realen Widerspruchs von privater und gesellschaftlicher Arbeit bzw. gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung, um den Widerspruch, daß die gesellschaftliche Produktion nur als solche privater Produzenten stattfindet. Dies “Motiv des Widerspruchs, und damit das einer dem Subjekt hart, fremd, zwangvoll gegenübertretenden Wirklichkeit” ist aber das “Gesamtprinzip” der Hegelschen wie der Marxschen Philosophie [ 13 ] . “Nach ihm trägt die dialektische Methode ihren Namen”. [ 14 ] Die “Erfahrung” des “Widerspruchs” – ein für die kantische wie der positivistische Philosophie fremder, unmöglicher Begriff der Erfahrung – ist also die soziale Erfahrung jener “gegenübertretenden” sozialen Wirklichkeit, in die der periodischen Wiederkehr der Krisen, der Arbeitslosigkeit, letztlich auch der imperialistischen Kriege.

Es versteht sich, daß das “Motiv des Widerspruchs” als “Gesamtprinzip” der Marxschen Ökonomie qua “Kritik der ökonomischen Kategorien” der akademischen Volkswirtschaftslehre schlechthin inakzeptabel ist. Im Widerspruch zu ihrem methodologischen Selbstverständnis ist es tatsächlich ihr Geschäft, permanent mit widersprüchlichen Einheiten zu operieren, also mit Einheiten, die, wie ihre oberste Einheit, die Volkswirtschaft selbst, gleichzeitig keine Einheiten sind, sondern in Gegensätzliches auseinanderfallen. Dies betrifft zunächst die “erste Kategorie, worin sich der bürgerliche Reichtum darstellt, die “Ware”:>“Obgleich unmittelbar in der Ware vereinigt, fallen Gebrauchswert und Tauschwert” – Sinnliches und Übersinnliches – “ebenso unmittelbar auseinander” (42/767). Dieser Widerspruch reproduziert sich in den aus der Ware “entwickelten” Kategorien.

Dies tritt am deutlichsten in der Geldtheorie zutage, die Adorno zufolge auch unter einem anderen, doch verwandten Gesichtspunkt gesellschaftstheoretische Relevanz besitzt, dem des “Zentralpunkts” der kritischen Theorie, der “realen Abstraktion”: daß “hinter” der “Äquivalenzform des Geldes” die gesellschaftliche Arbeit als die “wahre Einheit” steht, freilich als eine “selbstverständliche” Form, die das “naive Bewußtsein” von der Reflexion auf jenen realen Abstraktionsprozeß “dispensiert” [ 15 ] , der aber auch insofern “durch die Köpfe hindurch” sich vollzieht, als Geld nicht bloß eine “objektive”, eine “gegenständliche Form” darstellt, sondern wie jede andere Kategorie zugleich eine “Gedankenform” (23/90) im Marxschen Sinn, eine “subjektive”. Die Kategorie Geld, insbesondere in ihrer Gestalt als Geldkapital, ist das jedermann bekannte, doch nicht erkannte Resultat jenes sozialen “Lebensprozesses”, der “sich über den Köpfen der Individuen, freilich auch durch sie hindurch vollzieht” [ 16 ] – also “insofern vorweg antagonistisch” (6/299).

Marx hat diesen mysteriösen Sachverhalt auch so beschrieben: “Jeder kann Geld als Geld brauchen, ohne zu wissen, was Geld ist”, jeder kann ebenso Kapital als Kapital brauchen, ohne zu wissen, was Kapital ist: “Die ökonomischen Kategorien spiegeln im Bewußtsein sehr verkehrt ab” (26.3/163), jede, “selbst das einfachste Element, wie z.B. die Ware”, ist daher “schon eine Verkehrung” (26.3/498). Negativ formuliert: Vermag der Geldtheoretiker etc. die Genesis von Geld etc. nicht als Resultat von “Verkehrungen” zu begreifen, die “sich über den Köpfen der Individuen hinweg” vollziehen, so kann er es zwar brauchen, vermag sich seiner “Funktionen” zu bedienen und sie zu beschreiben, doch vermag er nicht “zu wissen, was Geld”, was Kapital ist etc., was es in seinen Funktionen “ist”, was deren Seinsweise ausmacht; die ökonomische Kategorie Geld spiegelt sich insofern auch im Bewußtsein des Geldtheoretikers “sehr verkehrt ab”.

Adorno zählt zu den wenigen Interpreten, die jene hochgradige Komplexität des ökonomisch-philosophischen Charakters der Marxschen Begriffsbildung erkannt haben: “Wenn die Philosophie [...] sich so in Fragen des Produktionsprozesses hineinbegibt [...] dann kann sie dabei sich nicht nur die Finger schmutzig machen, sondern [...] auch ordentlich verbrennen” – Hegel und Simmel haben vergeblich mit den Aporien von Wert und Geld gerungen; “alle diese Fragen sind [...] voller Probleme der schwersten Art”. Es handelt sich wesentlich um dieselben, die auch Adorno im Auge hatte, als er fortfuhr: “Wegen der Neurotisierung, die das Bewußtsein Marx gegenüber erfahren hat, sind sie überhaupt noch gar nicht in Angriff genommen worden”; hierbei ist zu bedenken, daß die “Neurotisierung” nicht allein politische Ursachen hat.

Max Weber beobachtete Ähnliches im Verhalten der Fachökonomen zur Simmelschen Philosophie des Geldes:>angesichts “schwieriger logischer und anderer philosophischer Probleme” – auch Simmels häufig fragwürdigen Gebrauchs der Analogie – “wirft der ökonomische Fachmann [...] das Buch erbittert in die Ecke”. So konnte Weber “bei Nationalökonomen z. B. förmliche Wutausbrüche über ihn erleben”, eine “zuweilen an das Gehässige streifende Stimmung”. [ 17 ] Ähnlich dürfte sich der heutige Ökonom zum Marxschen ‘Rohentwurf’ und zum ‘Urtext’ verhalten, die gleichfalls “schwierige logische und andere philosophische Probleme” enthalten – oft sind es dieselben wie im Simmelschen Werk – und beide ebenfalls “erbittert in die Ecke” [ 18 ] werfen.

Wie Max Weber und Simmel befaßte auch Adorno sich mit “philosophischen Problemen” der Ökonomie, geht es ihm doch u. a. um eine “gegenüber der gesamten offiziellen Marx-Interpretation abweichende These” sozialontologischen Charakters, seinen originären Beitrag zur Erkenntnis des “kritischen Charakter des Marxischen Systems”: daß es in der Marxschen Kritik der ökonomischen Kategorien darauf ankam, die “Scheinhaftigkeit des bürgerlichen Systems an der Scheinhaftigkeit seiner tragenden Kategorien zu entwickeln”, die “empirische Realität des Scheins”. [ 19 ] Nachdrücklich ist daran zu erinnern, daß Marx den “Fetischismus” der ökonomischen Kategorien auch als den “gegenständlichen Schein der gesellschaftlichen Arbeitsbestimmungen” definiert hat, von dem das ökonomische Bewußtsein “getäuscht wird” (23/97). Adorno dürfte wohl als erster Interpret den Schlüsselcharakter der Marxschen “Kritik” erkannt und der positivistischen Nationalökonomie entgegengesetzt haben, die Bestimmung auch ihrer Kategorien als “scheinhafte” und zwar im Sinn dessen, was Marx “notwendigen Schein” (25/877) genannt hat.

Wenn Adorno davon sprach, daß die “Probleme der schwersten Art [...] noch gar nicht in Angriff genommen worden” sind, also der nationalökonomischen Analyse sich bislang entzogen haben, so hatte er zweifellos den Problemkomplex der “objektiven” oder “realen Abstraktion” vor Augen, wobei in der Einleitungs-Vorlesung die Struktur des “Abstraktionsprozesses [...] im Augenblick unerörtert bleiben” mußte, ein Verzicht im Hinblick auch darauf, daß er das Marxsche Kapital>nur als einen “Entwurf zur Kategorie der Totalität” [ 20 ] , nicht als ein ausgearbeitetes System charakterisiert hatte (8/306). So verstand Adorno auch seine eignen Reflexionen nur als “Marginalien zu einer nicht vorhandenen [...] Theorie der Gesellschaft” (20.1/165), als ein Forschungsprogramm.

Dies geht vor allem aus einem bis heute selbst im Umkreis der kritischen Theorie meist gemiedenen Text hervor, seinen Notizen von einem Gespräch>mit Alfred Sohn-Rethel, das am 16.4.1965 stattfand. In diesem stichwortartig verfaßten fünfseitigen Text ging es um den Gesamtkomplex der Realabstraktion in ihrer philosophiegeschichtlichen, soziologischen und ökonomischen Fundamentalbedeutung, insbesondere um die “Konstitution der Kategorien”, nicht bloß der ökonomischen, sondern um die Analyse ihrer Verflechtung mit den Kategorien des “philosophischen Bewußtseins”. Der Text bezeugt die Intensität, mit der Adorno insbesondere die “Wertkategorie” reflektierte, ihren qualitativen Sinn. Er gelangte vermutlich unabhängig von Marx zu jener originellen Definition, dieser hatte sie lediglich im ‘Rohentwurf’ gebraucht, sowie in der Erstausgabe des Kapital,allerdings mehr andeutungsweise als in ausgearbeiteter Form: “Der Wert ist die Einheit des Vielen, der sinnlich verschiedenen Dinge, der Gebrauchswerte”, also die Totalität der Gebrauchswerte, die übersinnliche Einheit einer sinnlichen Vielheit. Die Notizen schließen mit dem Postulat: “Systematische enzyklopädische Analyse der Tauschabstraktion notwendig”.

Deren theoretische Durchdringung in “systematischer”, “enzyklopädischer” Form steht also noch aus; “Realabstraktion” ist wie bei Marx und Simmel mehr ein umfassender Problemkomplex, Gegenstand eines Forschungsprogramms, keineswegs Inhalt einer fertigen Theorie. Hierbei geht es nicht zuletzt um eine ideologiekritische Frage, in welchem Maß das “Vulgärbewußtsein der Tauschenden von der Tauschabstraktion notwendig bestimmt wird”; wie drei Jahre später in der Einleitungs-Vorlesung wird Geld, welches eine “Unendlichkeit von Täuschen synthetisiert, eine Totalität”, nur als “notwendige Bedingung der Tauschabstraktionsbewußtwerdung” interpretiert, da in ihm die “Tauschabstraktion in Erscheinung tritt”,>also keineswegs im Sinn der akademischen Geldtheorie als Werk des Geldes, genauer seiner Wertmesser-Funktion zu begreifen ist, vielmehr umgekehrt in ihm nur sich darstellt, verkehrt darstellt oder “erscheint”. [ 21 ]

Das wert- und geldphilosophische Forschungsprogramm Adornos kann man als Antithese zum Simmelschen verstehen, dessen 1900 erschienene Philosophie des Geldes>in der älteren Geldtheorie mehr als Steinbruch, als Zitatenschatz gebraucht – insbesondere im Kontext des Problembereichs “Entmaterialisierung” – denn systematisch diskutiert worden ist. Dies geschah erstmals 1993 in einem interdisziplinär angelegten Sammelband von Aufsätzen, in dem 17 Autoren von der gemeinsamen Überzeugung ausgegangen sind, daß “wir dem Wesen des Geldes kaum nähergekommen sind oder daß wir noch immer nicht in der Lage sind, es zu verstehen”. Aldo J. Haeslers drückte dies so aus, daß die “systematische Verdrängung” des Geldes einerseits die “Wirtschaftswissenschaft als Wissenschaft ‘konstituiert’ [...]” oder vielmehr relativiert, andererseits auch die Philosophie diese Misere mitverschuldet hat: “Das Thema ‘Geld’ ist das große abwesende Thema jeder Philosophie seit dem 18. Jahrhundert”, seit Locke und Hume. Der Problembestand ist für ihn ein doppelter, einmal ist zu untersuchen, in welcher Weise seiner Genesis ein “Prinzip der Selbsterschaffung [...] der Autopoesis” zugrundeliegt, zum anderen geht es um die Klärung jener Wertmesser-Funktion genannten “Leistung” des Subjekts Geld, die Haesler trefflich als “magische Operation der Abstraktion” benannt hat, daß “sich “unbewußt” Abstraktionsoperationen” realisieren, die die “Quantifizierung [...] inaugurieren” [ 22 ] , die Herstellung der Homogenität, Gleichartigkeit der wirtschaftlichen Dimension.

Der Geldtheoretiker Hajo Riese provozierte 1995 mit einer These, die der ökonomistische Hauptstrom seiner Disziplin, wie er sich in nahezu allen Lehrbüchern präsentiert, nicht unwidersprochen hinnehmen konnte: Die Geldtheorie “gestattet es sich, dicke Bücher über money>zu schreiben, ohne zu wissen, was Geld ist” [ 23 ] , damit ebensowenig was Preis ist. Von Mitgliedern seiner Schule herausgegeben, erschienen drei Sammelbande über das ‘Rätsel Geld’ [ 24 ] , einer der Bände ist der überwiegend fachspezifisch orientierten Betrachtung der Simmelschen Geldphilosophie gewidmet. Ein weiterer Sammelband meist österreichischer Autoren befaßt sich ähnlich der Simmel-Diskussion von 1993 mit interdisziplinären, insbesondere sozialontologischen Problemstellungen. In ihm geht es dem Philosophen Peter Heintel um das Geld in seiner “Widersprüchlichkeit zwischen einem Nichts und einem begründenden Sein”, in der Terminologie von Marx und Adorno um seinen “Scheincharakter”, wobei er seiner Abhandlung den Satz als Motto voranstellt, daß es sich um ein “Hochabstraktes und Knallkonkretes zugleich” [ 25 ] handelt, in der Terminologie von Marx um ein “Sinnlich Übersinnliches”, einen realen Widerspruch.

Ihren vorläufigen Höhepunkt erfuhr die Diskussion in einer von Riese 2000 initiierten Generaldebatte über seine These: “Geld die unverstandene Kategorie der Nationalökonomie”, an der 19 Autoren teilnahmen, meist Ökonomen. Den ökonomischen Hauptstrom auch darin repräsentierend, daß er mit der dogmengeschichtlichen Entwicklung der monetären Aporien nur mangelhaft vertraut ist, bekundete Michaelis seine “Verärgerung” darüber, daß Rieses “Ausgangsthese” zufolge nach “rund 250 Jahren geldtheoretischer Forschung” dieses Etwas immer noch “sich der Erkenntnis der Ökonomen entzieht” – eine Behauptung, die sich als “starker Tobak” darstellt. Mit der Mehrheit der Diskussionsteilnehmer bestritt er daher heftig das Vorhandensein eines Rätsels. Umgekehrt argumentierte Elmar Altvater, der die Rätselhaftigkeit an der Unzulänglichkeit der Problemexplikation Rieses demonstrieren konnte, dem daher “das Geld eine Sphinx” geblieben sei, “die er nicht hat zum Sprechen bringen können”. [ 26 ]

Die Antinomie, es gibt ein Rätsel des Geldes – es gibt kein Rätsel des Geldes dürfte die Wahrheit der zentralen These Adornos bestätigen: “Die Gesellschaft ist widerspruchsvoll und doch bestimmbar; rational und irrational in eins” (8/548). Es geht hierbei um den “Widerspruch” im Begriff der Gesellschaft “als einer verständlichen und unverständlichen” (8/296), um das “Urphänomen irrationaler Rationalität” (6/304) im Sinn einer “Irrationalität der partikular verwirklichten ratio” (ebd. 311). Das Geld scheint so geartet, daß seine ‘Funktionen’ sich zwar “rationell”, d. h. im Sinn zumindest der heutigen Ökonomie “positivistisch” beschreiben lassen, daß sie aber alle auf jenen ‘Wert’ verweisen, den Georg Simmel auf der Basis der subjektiven Wertlehre vergeblich zu ergründen suchte und dies Scheitern seiner Definitionsversuche ihn zu der Aussage motivierten, daß der “Wert” als ein “Urphänomen”, als ein Apriori gekennzeichnet werden müsse. Beide Sichtweisen, die ökonomistisch-subjektive und die metaphysische, dürften sich als komplementäre erweisen. Vermutlich zeigt sich hierin, daß “Subjektivismus und Verdinglichung nicht bloß divergieren, sondern Korrelate sind” (6/98). Adorno vermag den Wert scheinbar ebenso wie Simmel als ein “Ding an sich” zu bestimmen, doch im diametralen Gegensatz zu Simmel äußert sich für ihn bloß die “Naturwüchsigkeit der kapitalistischen Gesellschaft”. Der “Wert als Ding an sich” ist vielmehr ein sozial Hergestelltes, ein “Gemachtes”, das als eine soziale “Mystifikation” zu dechiffrieren ist, er ist “real und zugleich Schein” (6/348f), notwendiger Schein.

Die neurotische, irrationale Abwehr geldphilosophischer Bestimmungen findet sich selbst noch bei jenen Geldtheoretikern, die sich wie die der Riese-Schule zumindest ansatzweise mit dem Simmelschen Werk beschäftigt haben. So möchte Riese einerseits es zwar gar als das “Forschungsprogramm der Moderne” überhaupt verstanden wissen, doch andererseits meidet er beharrlich die erste Hälfte des Buchs, seine “transzendentale”, eigentlich “metaphysische” Grundlegung. Seine Maßstäbe begreift er als “wissenschaftliche” und allein um eine “wissenschaftliche” Geldtheorie ist es ihm zu tun, wobei er wie nahezu alle Ökonomen ganz nicht-wissenschaftlich sich für die an den naturwissenschaftlichen Problemen orientierte Wissenschaftstheorie Poppers und Lakatos’ entscheidet. Von diesem dogmatisch vertretenen Standpunkt her mag er nur die zweite Hälfte des Buches, seinen historischen, psychologisch-soziologischen Teil zu akzeptieren, werde er doch “als Philosoph zum Nationalökonomen”, für Riese also zum Wissenschaftler. Und wenn im gleichen Sammelband der Ökonom Dietz befürchtet, seine zwar von Marx irgendwie inspirierte, doch eklektizistisch-metaphorisch abgewandelte Formanalyse könne von der herrschenden Lehre als “philosophischer Hokuspokus abgetan” [ 27 ] werden, so kommt die andere Wurzel jener “Neurotisierung” zum Vorschein: die Angst, daß sie von den waschechten Positivisten in der Geldtheorie als metaphysische Zauber- und Dunkelmänner diskreditiert, ihre Überlegungen als “philosophischer Hokuspokus abgetan” werden könnten; sie fürchten um ihren wissenschaftlichen Ruf, sofern sie sich auf metaphysikverdächtige Philosophie einlassen könnten.

Nun ist aber gar nicht zu bezweifeln, daß Simmel “in die letzten Tiefen der Geld- und Wertlehre hinunterreichende” [ 28 ] Fragen stellen will, die den “Wert” in seiner Eigenschaft als “abstrakte oder ideelle Einheit” betreffen und die ihn als eine “metaphysische Kategorie” ausweisen soll, womit sein Ort “jenseits des Dualismus von Subjekt und Objekt” (S. 15) zu suchen ist, womit ihm Simmel ähnlich wie Adorno einen subjektiv-objektiven Status zugewiesen hat. Man könne seine “Geldtheorie [...] im Gegensatz zu den materialistischen als transzendentale bezeichnen”, denn die “Transzendentalphilosophie” lehre “auch die Materie ist Geist”. Dabei gehe es ihm um die “Erkenntnis, daß jegliches Objekt körperhafter oder geistiger Art, für uns nur besteht, insofern es von der Seele in ihren Lebensprozeß erzeugt [...] eine Funktion der Seele ist” (S. 158). Dies nennt man eine Unbekannte – das “Objekt geistiger Art” – mit einer anderen erklären, der “letzten Tiefe” in Gestalt einer auch die Natur erzeugenden überindividuellen “Seele”. Nun ist die “abstrakte oder ideale Einheit” die des Werts, der ausdrücklich als ein Unbekanntes charakterisiert wird: “daß es ihn gibt, ist ein Urphänomen [...]. So wenig man zu sagen wüßte, was denn das Sein eigentlich sei, so wenig kann man diese Frage dem Wert gegenüber beantworten” (S. 60, womit zumindest über die subjektive Wertlehre der heutigen Ökonomie der Stab gebrochen worden ist, im Grunde über jede “wissenschaftliche” Werttheorie. “Wissenschaft” löst sich hier auf in Metaphysik.

Da Marxens dogmengeschichtlicher Bericht über die “Theorien von der Maßeinheit des Geldes” (13/59) durchweg, auch von Simmel ignoriert worden ist, mußte das Rätsel der “idealen Einheit” neu entdeckt werden. Am wirkungsmächtigsten wurde es 1905 in Knapps Staatliche Theorie des Geldes angesprochen, agnostizistisch: Geld definiert er als “Zahlungsmittel”, doch eine “wirkliche Definition des Zahlungsmittels dürfte schwerlich zu geben sein; ebenso wie man in der Mathematik nicht sagen kann, was eine Linie oder was eine Zahl ist; zwar>könne man sagen, es sei eine “Trägerin von Werteinheiten [...] Aber es sei ferne, dies als Definition auszugeben, denn dabei wird die Werteinheit als eine selbstverständliche Vorstellung behandelt – was sie gar nicht ist”. Die metaphorische Rede vom “Träger” ist in heutigen Lehrbüchern gang und gäbe, was diesen ideellen “Träger” vom Eisenträger, Sackträger etc. unterscheidet, bleibt im>Dunklen, ebenso jener “vielumstrittene Begriff”. Seine Klärung umgeht man dadurch, daß er mit dem harmloseren Terminus “Recheneinheit” [ 29 ] versehen wird. Wohl erstmals geschah dies bei Gustav Cassel, der ihn aber nur “postulieren” konnte. Schumpeter übergroß ihn mit Spott und Hohn, da er “sorgfältig den Ausdruck ‘Wertmaß’ [vermeidet]”, damit den viel umstrittenen Begriff “Wert” – “nur daß das nichts am Sachverhalt ändert”. Diese höchst aktuelle Kritik könnte auch heute konstatieren: “von irgendeiner Ableitung oder Begründung” der sog. Recheneinheit oder des wieder häufiger gebrauchten Begriffs ‘Wertmaß’ findet sich “keine Spur”. [ 30 ] Knapp meint, das Kind beim richtigen Namen zu nennen, “Werteinheit”; doch so wird sie nicht genannt, sie hat zwar “überall einen Namen”, doch einen andern: Pfund Sterling, Krone etc., heute Euro, Dollar etc.. Und diese rätselhaften Namen – Marx spricht ironisch vom “Geheimsinn dieser kabbalistischen Zeichen” (23/115) – führen ihn zu seiner heute wieder von ausnahmslos allen Geldtheoretikern gemiedenen Hauptfrage: “Es fragt sich nur, was der Name bedeute”, ist er “definierbar?”, er nannte dies die “Sorge” [ 31 ] seiner Theorie – eine “Sorge”, die sich letztlich auf die darin enthaltene Frage beziehen muß: Es fragt sich nur, was der Name Wert bedeutet. Was kann es heißen, daß die Namen Euro, Dollar etc. einen “Wert” bezeichnen? Was für einen Wert? Der Terminus “abstrakte Werteinheit” verweist auf einen “abstrakten Wert? Es fragt sich nur, was das heißen soll. Soviel dürfte einleuchten, daß zumindest hier Adornos “Zentralpunkt einer Theorie der Gesellschaft” ins Spiel kommt, der Begriff der “realen” oder “objektiven Abstraktion”. Knapp hätte ihn bei Simmel finden können. Simmel “schließt mit dem Stil des Lebens, während ich mit der österreichischen Währung schließe”. [ 32 ]

Knapps Enttäuschung über das Simmelsche Werk änderte freilich nichts daran, daß er und seine Schule es als einen Problemaufriß anerkannten und er weiterhin die “Zuständigkeit [!] und Methodik der herkömmlichen Theoretischen Nationalökonomie auf diesem Felde radikal bestritt”, daß für ihn alle Versuche, die “Lösung des Geldproblems aus einem reinen Wirtschaftsbegriff des Geldes abzuleiten [...] schlecht unannehmbar [!]” [ 33 ] waren; daß stattdessen nur interdisziplinäre, metaökonomische Untersuchungen die Aporien der “reinen wirtschaftlichen”, also der rein wirtschafts-“wissenschaftlichen” Begriffsbildung aufzulösen vermöchten. Von den Knapp/Bendixenschen Fragestellungen angeregt – die “theoretische Konstruktion” der “Einheit”, des Gelds als “Wertmesser” ist für ihn der “eine Grundstein der Geldtheorie” [ 34 ] – ging es Schumpeter ähnlich wie Adorno um eine “originäre Vision der inneren Logik der abstrakten Gegenstände” [ 35 ] , also auch um eine – nicht-wissenschaftliche – “materiale Logik” [ 36 ] des Geldes, wohl auch des Kapitals jenseits des positivistischen Begriffs von Theorie.

Zwar ist selbst aus der Sicht heutiger Geldtheoretiker die “Lektüre älterer Werke besonders zu empfehlen” [ 37 ] , wobei regelmäßig das Knappsche genannt wird, doch verschweigen sie ausnahmslos dessen “Sorge” hinsichtlich des “vielumstrittenen Begriffs” Werteinheit. Doch selbst in den ökonomistischen Varianten der Geldrätsel-Debatten bleibt dieser Problembereich ein Tabu. So zitiert ein Teilnehmer an der von Riese initiierten Generaldebatte über das Geldrätsel – er will die “Meister” nicht “verachtet” wissen – zwar die Knappsche Definition des Zahlungsmittels “als Träger von Werteinheiten”, doch schon den nächsten Satz, die eigentliche These, unterschlägt er: “Es sei ferne, dies als Definition auszugeben”, da es sich um einen “viel umstrittenen Begriff” handle. Kein Wunder, daß ihm auch der Satz “Gegenständlichkeit in der Welt des Seins ist dem Geld nicht abzustreiten” glatt über die Lippen geht, als ob die spezifische Natur dieser “Gegenständlichkeit”, einer “Wert”-Gegenständlichkeit im Unterschied zur physischen, nicht immer wieder Philosophen wie Max Scheler und Bruno Liebrucks ergebnislos beschäftigt hat, aber auch reflektierte Ökonomen wie Alfred Amonn, Schumpeter und Otto Veit [ 38 ] , während für andere monetäre Größen “realiter nicht existieren” [ 39 ] .

An dieser Antinomie der akademischen Geldtheorie: Geld ist ein Gegenständliches, Geld ist kein Gegenständliches, sondern etwa im Sinn Milton Friedman eine bloße “Konstruktion”, kann man die Aktualität der für Adorno zentralen These von der “Scheinhaftigkeit” der “tragenden Kategorien” des “bürgerlichen Systems” demonstrieren, der Marxschen These von ihrem “notwendigen” und “gegenständlichen Schein”: Sie sind scheinhaft, sofern sie ein “gesellschaftliches Produkt so gut wie die Sprache” (23/88), doch gleichzeitig kommt ihnen das zu, was Adorno wie Simmel “Objektivität” nennen. Der junge Marx sprach treffend von der “Operation” des Geldes, als “Sache außer den Menschen und über den Menschen”, Resultat einer “entäußerten Gattungstätigkeit”, in der wie in der Religion Gattungseigenschaften auf den “Mittler übertragen” [ 40 ] werden, “verrückt”, “transponiert”, “projektiert”, wobei es sich vor allem um das Moment der “Einheit” der allgemeinen Arbeit handelt, das den Menschen als eigengesetzliche Sache, als deren “übernatürliche Eigenschaft” (23/71) entgegentritt.

Dies stellt sich der Geldtheorie in der Weise “verkehrt” dar, daß die “übernatürliche” Werteinheit einer “Verkörperung” in einem Materiellen bedarf, das überindividuelle Geltung beansprucht und intertemporale Existenz besitzt. Besonders Schumpeter hatte in seinem Manuskript Wesen des Geldes mit diesen Fragen gerungen, die des für ihn “ersten Grundsteins” der Geldtheorie. So nennt er es einmal das “Problem der Rechnungs- und Abrechnungseinheit über die Zeit hin”, daß diese Einheit in jedem Zustand “daßelbe bedeuten” müsse, eine “in der Zeit invariante Einheit”, ihre Wirtschaftsgeltung” und ihre “Verkörperung”. Die den “einzelnen Zahlungsakt überdauernde Einheit” muß “irgendwie [!] verkörpert” sein, wobei man nicht vergessen dürfe, daß “man sich einer metaphysischen Ausdrucksweise bedient”. Schließlich macht ihn das dialektische Problem stutzig, daß die “Verkörperung” oder “Verknüpfung offenbar noch nicht logische Identität” bedeutet. Am schwierigsten erscheint ihm das erste “Problem einer über die Zeit hin gleichen Inhalt [!] bewahrenden Einheit” – “Wir sind noch nicht in der Lage es zu lösen” [ 41 ] . Als Neopositivist angetreten, findet Schumpeter “metaphysische” Begriffe in der scheinbar bloß “wissenschaftlich” konzipierten Geldtheorie.

Die Arbeit am “ersten Grundstein” der Geldtheorie dürfte ihn hinsichtlich der Frage nach dem “Inhalt” und damit nach der Existenzweise der “Einheit” die größten Schwierigkeiten bereitet haben. Hier scheint sich eine Aporie abzuzeichnen: Einerseits kann der Einheit als einer “abstrakten”, qualitätslosen kein Inhalt zukommen, andererseits muß sie einen Inhalt haben, da eine qualitätslose Quantität nur als bloße Zahl gedacht werden kann, die als solche bloß eine geistige Existenz besitzt. Bendixen quälte sich noch wenige Tage vor seinem Tod auf seinem Krankenlager mit dieser Frage herum. Er “muß bekennen”, daß der Geldtheoretiker nicht den “ökonomischen Kern der Werteinheit” bezeichnen kann. “Diesen bloßzulegen, ist seine Aufgabe”. Sei es “wirklich die abstrakte Werteinheit”, die bei “Zahlungen übertragen” werde?

“Die Logik verlangt den Stoff zu wissen, der in Metern oder Kilogramm übertragen werden soll. Nichts anderes muß man sagen können, welcher Stoff es denn ist, der in Werteinheiten übertragen wird [...] ein ungelöstes Rätsel [...] es ist die Frage nach dem Wesen des Geldes” [ 42 ] .

Wie schon in den frühen englischen Debatten wird das Geldrätsel neben den Problemen des “zweiten Grundsteins”, der Quantitätsgleichung, hier klar als das Rätsel der “abstrakten Werteinheit” bestimmt, die Probleme der Geldtheorie verweisen auf die der Werttheorie. Es bestätigte sich die Marxsche These: “Das Rätsel des Geldfetischs ist nur das sichtbar gewordene, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs” (23/108). Der Kritiker der Marxschen Wertlehre, Bortkiewicz, ein Anhänger der subjektiven Wertlehre, erregte sich über einen Knappianer, daß dieser angeblich “immer wieder zum Überfluß” hervorhebe, “daß der Terminus ‘Wert’ in der Wortverbindung ‘Werteinheit’ etwas durchaus anderes bedeute als den subjektiven Gebrauchswert” [ 43 ] . Tatsächlich stand er wie noch jeder mathematisch, d. h. einseitig an quantitativen Fragen orientierte Marx-Kritiker dies “andere”, d. h. dies “qualitative” Moment des Werts positiv zu bestimmen. Darüber hinaus muß der “abstrakte Wert” jeden subjektiven Werttheoretiker zur Verzweiflung bringen, weshalb ihn Menger als ein “Phantasiegebilde”, seine Existenzbehauptung als “Irrlehre” [ 44 ] verdammte und verdammen mußte. Kein Wunder, daß die Wertdebatten des ersten Jahrhundertdrittels eine “Verzweiflung über das Werträtsel” hervorriefen, die Werttheorie sich als ein “Chaos, Labyrinth” darstellte, als “hoffnungslose Wirrnis” [ 45 ] , schließlich ein schwarzes Loch hinterließen.

Deshalb mußte aber auch die Knappsche Schule der selbstgestellten Frage nach dem Inhalt der “abstrakten Werteinheit” ausweichen und sich nur mit den Gründen ihrer überindividuellen Geltung beschäftigen, resultatlos. Wohl der letzte Knappianer, der Präsident des Statistischen Reichsamts und namhafter Konjunkturtheoretiker, Ernst Wagemann, suchte wie Günter Schmölders nach sozialpsychologischen Antworten; offenbar hoffte er auf der Basis überindividueller, holistisch konzipierter Strukturen, nämlich Emile Dürkheims’ “Kollektivbewußtsein”, die Geltung der abstrakten Werteinheit ableiten zu können. All diese Versuche, den Knappschen Ansatz zu präzisieren und konsequent weiterzudenken, sind gescheitert. Wie der Wert überhaupt für ihn eine “kollektive Erscheinung” darstellt, ist ihm auch der “absolute Geldwert” eine “Erscheinung des kollektiven Bewußtseins”, ein Wert, der als solcher der “wissenschaftlichen Einsicht durchaus nicht den Platz räumen will” [ 46 ] . 1900 wußte dies bereits Georg Simmel.

1981 mußte Werner Ehrlicher denn feststellen, in “jüngerer Zeit” sei die “Frage nach den Gründen der Geltung des Geldes [...] verdrängt worden”, wie aufgrund einer “parallelen Entwicklung” auch in der Zinstheorie und der Wertlehre die Frage nach den “Ursachen [...] kaum noch diskutiert” werde - man denke nur an die “funktionellen” Theorien vom Typus Cassel/Neumark – das “Problem der Wesensbestimmung des Geldes” wurde durch die “weniger tiefschürfende Frage nach der Funktion des Geldes abgelöst. Es wurde nicht mehr gefragt, aus welchen Ursachen es seine Geltung als Geld ableite”, sondern bloß noch “funktional”, welche “Dienste” die Geld genannte “Einrichtung [...] leiste” [ 47 ] ; die genetische und “substanzielle” Frage, wer diese “Einrichtung” einrichtet und “was” sie “ist”, unterlag bis zum Beginn der Geldrätsel-Debatten 1994 einer kollektiven Verdrängung. Diese findet auch weiterhin insofern statt, als die Rätseldebatten bis heute von der Lehrbuch-Literatur ignoriert werden und selbst die problembewußten Geldtheoretiker die Wiederaufnahme der “Werträtsel-Debatte” scheuen.

Wie sich schon zeigte, stellt die Geldfunktionen-Lehre keineswegs eine “weniger tiefschürfende Frage”, wenn es dem Hauptstrom der Geldtheorie auch so erscheint. Richtig, “tiefschürfend” verstanden, hätte sie sich mit der Genesis der schon vom jungen Marx beschriebenen “Fetisch”-Dienste zu befassen, die er als “Operation eines Wesens außer dem Menschen” kennzeichnete, Aldo Haeslers “magische Operation”. Den Ökonomen stellt sich die Dienstleistungs-Einrichtung Geld in einer extrem fetischistischen Formel dar: “Geld ist, was es tut!” [ 48 ] , dieses Etwas erscheint als ein Quasi-Subjekt, das den Menschen “gegenständlich scheinhaft”, nämlich eigengesetzlich gegenübertritt, während es doch nur die Gesellschaft sein kann, die in ihrem Sein als “Objekt” sich selbst, sich in ihrem Sein als “Subjekt” gegenübertritt.

Dem “Fetischismus” oder Positivismus ökonomischer wie soziologischer Geld bzw. Medientheorien liegt eine undurchschaute Struktur zugrunde, die Adorno so beschreibt: Die “Gesellschaft als Subjekt und Gesellschaft als Objekt sind daßelbe und doch nicht daßelbe” (8/317). Dieses Theorem schließt das andere ein: Die “Volkswirtschaft als Subjekt und als Objekt sind daßelbe und doch nicht daßelbe” – sie ist ein Subjekt-Objekt. Besteht für Adorno die metasoziologische Kritik der Soziologie in der Kritik ihrer “Substitution von Gesellschaft als Subjekt durch Gesellschaft als Objekt”, die “das verdinglichte Bewußtsein der Soziologie” (8/316) ausmacht, so gilt Analoges auch für seine Kritik des verdinglichten Bewußtseins der Nationalökonomie; in beiden Disziplinen wird also “verkannt”, daß das Subjekt ein “sich selbst fremd und gegenständlich Gegenüberstehendes” (8/316) ist, ein “Objekt”. Motiviert dies Adornos “Kritik der soziologischen Kategorien”, so auch die der ökonomischen. Der homo oeconomicus “tritt sich selbst gegenüber” als ein Objektivierter. Es ist eine absurde, mystische Vorstellung, wonach jenes Geld genannte physische Etwas, Papier oder Metall in nicht-physischer Weise etwas “tut”, sog. “Dienste” für den Menschen “leistet”. Da der Ökonom ‘Geld’ und Geld-“Menge” kategorial nicht von Papier und Metall, von der physischen Papier- und Metallmenge zu unterscheiden vermag, vielmehr beide bewußtlos identifiziert, bedarf es nicht nur einer Kritik des “verdinglichten Bewußtseins der Soziologie”, sondern primär einer des “verdinglichten Bewußtseins” der Nationalökonomie, freilich ebenso eine des “verdinglichten Bewußtseins” [ 49 ] der soziologistischen Medientheorie.

Die Begriffsbildung Adornos, in eingeschränkter Weise auch Simmels, könnte reflektierten Ökonomen – mögen sie auch in ihren subjektivistischen Glaubenssätzen befangen sein – noch in anderer Hinsicht behilflich sein: in bezug auf die Beschreibung wesentlicher Eigenschaften der Werteinheit. Dabei geht es zunächst um Bendixens quälende Frage nach dem “Inhalt” der “abstrakten Werteinheit”. Schumpeter umschrieb diesen Inhalt mit Termini, die auch von anderen Ökonomen wie John Stuart Mill verwandt worden sind: Er faßt die als Kapital verstandene “Kaufkraft als abstrakte Macht – d. h. nicht in konkreten Gütern festgelegte – über Güter im allgemeinen” oder “Güter überhaupt”. [ 50 ]

Schumpeter, in dessen späteren Werken diese Formel und damit seine Definition des Kapitals wieder verschwinden sollte, reflektierte ebensowenig wie Mill, Robertson etc., daß sie damit den ‘Wert’ in seiner Marxschen Fassung umschrieben haben, als ein existierendes Allgemeines oder reale Totalität. Noch auf derselben Seite behauptet er im Widerspruch zu jener Formel: “Werte müssen in einem Bewußtsein leben [...] müssen ihrer Natur nach individuell sein”; wird man aber ernsthaft behaupten können, die “abstrakte Macht” oder der Wert könne nur “in einem Bewußtsein leben”? Offenbar ist sie an ein Ding außerhalb des Bewußtseins gebunden als dessen “übernatürliche Eigenschaft” (23/71) im Marxschen Sinn.

Albrecht Forstmann, dem es im Gegensatz zum Hauptstrom auch darum zu tun ist, den “Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Kategorie” in der Ökonomie herauszuarbeiten, hat intuitiv die monetären Kategorien ebenfalls als existierende Allgemeinheiten gefaßt und spricht von der “Kaufkraft” als einer “allgemeinen Tatsache, Möglichkeit oder Fähigkeit” und zugleich von ihr als einer “abstrakten Fähigkeit” [ 51 ] des Geldes, also von einer abstrakt-allgemeinen Tatsache – positivistisch gesehen ebenso eine contradictio in adjecto wie Schumpeters “abstrakte Macht” und “Güter überhaupt”, Güter im allgemeinen”; handelt es sich also um die Erscheinungsweise dessen, was Adorno “realer Widerspruch” nannte? Im Anschluß an Forstmann geht es Otto Veit um den “immanenten Sinn” (!), um eine “Sinngebung” des Geldes, also antinominalistisch um das, was Adorno “objektiven Begriff” nennt; so betont er wie Forstmann, daß die “Kaufkraft” des Gutes als “qualitative Fähigkeit [...] keine quantitative Bestimmtheit enthält”, keine “quantitative Aussage”. [ 52 ]

In einer früheren Arbeit befaßt sich Forstmann unmittelbar mit dem Bendixen-Problem des Inhalts der “abstrakten”, also scheinbar gänzlich qualitätslosen “Werteinheit”, er “definiert” sie als “das ‘durchschnittliche Güterquantum’, das durch die Geldeinheiten repräsentiert wird”. Wiederum in Sperrdruck gesetzt, gebraucht er mehrfach den Begriff “absoluter Wert”, unabgeleitet und illegitim, denn er vertritt jene subjektive Werttheorie, die seine Existenz immer wieder energisch bestritten hatte. Doch er scheint uneingestanden einen inneren Zusammenhang zwischen beiden Begriffen zu vermuten, ‘Güterquantum’ und ‘absoluten Wert’ gleichzusetzen. Hierauf verweist vor allem seine Interpretation des auch heute noch gebrauchten Simmelschen Begriff des “Generalnenners” (S. 97), mit dem einst Bendixen die Werteinheit des Geldes umschrieben hatte: daß das Geld “nicht nur Relationen anzeigen soll”, also relative Werte, “sondern auch absolute Werte” [ 53 ] . Eine erstaunliche Behauptung, die sich nur vom ‘absoluten Wert’ der Marxschen Arbeitswerttheorie her begründen läßt, den auch der späte Schumpeter wieder beschäftigen sollte. Die obigen Definitionen Schumpeters und Forstmanns legen es nahe, zwischen dem Marxschen Wert der ‘Ware überhaupt’ in seinen Eigenschaften als allgemeiner, abstrakter und absoluter einerseits, den beiden Grundbegriffen der akademischen Geldtheorie andererseits, also der qualitativen Kaufkraft und dem Wert in der Wortverbindung “Werteinheit” einen inneren Zusammenhang zu sehen: der Begriff ‘Kauf- bzw. Tauschkraft’ scheint den absoluten Wertbegriff zu implizieren und damit die Marxsche Arbeitswerttheorie zu legitimieren.

Diese Vermutung drängt sich insbesondere im Hinblick auf Adornos Definition dieses Werts als der “Einheit des Vielen, der sinnlich verschiedenen Dinge” auf, eine absolute und keine relative. Die Definition schließt ein, daß auch “die” Arbeit als Einheit der vielen, der sinnlich verschiedenen Arbeiten verstanden werden muß, der konkreten, d. h. als Einheit “der” Arbeit, der “Arbeit überhaupt”, der Marxschen “Gesamtarbeit”. Diese ist eine “Totalität” nur insofern von ihrer Vereinzelung qua konkret-private Arbeit “objektiv abstrahiert” wird. Nur als Teil oder Moment dieser Totalität ist die Arbeit eine wertbildende; sie “erscheint”, “verwirklicht” sich nur in der Totalität, “Einheit” der ihr gegenüberstehenden “sinnlich verschiedenen Dinge”: Der Gebrauchswerte. Wie anders vermöchte man Forstmanns Definition des “Werts” in der Wortverbindung “abstrakte Werteinheit” als “durchschnittliches Güterquantum”, als ein Quantum des Guts überhaupt, rationell zu entwickeln, wenn nicht auf der Basis der Marxschen Lehre von der Arbeit und vom Wert als “Totalität und Abstraktion”. Es ist freilich “die Arbeit, wie sie dem Kapital gegenübersteht” (42/218), die Arbeit als Lohnarbeit.

So vermag man auch Adornos Lehre von der “objektiven” oder “realen Abstraktion” nicht in der “Sphäre der einfachen Zirkulation”, des Ware/Geld-Tauschs zu präzisieren, sondern nur in der “Sphäre der entwickelten Zirkulation”, des Tauschs von Lohnarbeit und Kapital, also im Hinblick auf eine Arbeit, die Marx so beschrieben hat: “Es ist nicht eine Person, die arbeitet, sondern das aktive Arbeitsvermögen” – ein Allgemeines, nämlich “variables Kapital” – “personifiziert im Arbeiter” (43/51), eine “abstrakte Person” (2/38), “subjektivierter Tauschwert”, der Arbeiter als Arbeitskraftbehälter und insofern als “Totalität und Abstraktion”. So ging es in Adornos Einleitungsvorlesung von 1968 auch gar nicht um den einfachen Tausch, gar den um Produkte, sondern um den “Begriff des Tauschs [...] in seiner Dynamik”, um ihn als ein “dynamisches Prinzip” (S. 71), um die “Entfaltung dieses objektiv in der Gesellschaft selbst gelegenen Begriffs (!)” (S. 60) – eines objektiven Begriffs – oder um die “Entfaltung dieses Prinzips” (S. 63), des Prinzips als eines existierenden.

All diese Begriffe stehen im inneren Zusammenhang mit jener mehrfach angesprochenen Qualität des Werts oder des Geldes als ein Universale.>Er findet sich in der älteren Geldtheorie Eduard Lukas’, der als erste Funktion und “Grundeigenschaft des Geldes”, d.h. seines “logischen Prius”, die angibt, den “abstrakten wirtschaftlichen Wert schlechthin zu repräsentieren.” Im Geld werde – “so paradox es klingen mag – abstrakter wirtschaftlicher Wert zu realer Erscheinung gebracht” – eine “nachdenkliche Angelegenheit für jene, die [...] dem ‘Abstrakten’ keinerlei Art von Existenz zubilligen möchten” [ 54 ] , also einem existierenden Abstrakten. Was es mit diesem von Menger als “Phantasiegebilde” verworfenen Wert auf sich hat, bleibt bei Lukas im Dunklen; als Casselianer verwendet er diesen Wertbegriff illegitim. Offenbar ist hier die Geldtheorie genötigt, den Boden einer rein empirischen Theorie zu verlassen und sich in Nähe der metaphysischen Betrachtung von Wert und Geld zu begeben, monetärer Ausprägungen des “objektiven Begriffs” Adornos.

Hegel bereits antizipierte den arbeitswerttheoretischen Gedanken der Real- oder “höchsten Abstraktion” [ 55 ] : “Geld ist [...] die reale Existenz des Allgemeinen” [ 56 ] . Auch für Simmel war es ein “Universale” nicht bloß nominalistisch “post rem”, Resultat komparativer Abstraktion, ausschließlich eine allgemeine Vorstellung im Bewußtsein, sondern: “Es ist die Sonderverwirklichung dessen, was den Gegenständen als wirtschaftlichen gemeinsam ist – im Sinn der Scholastik könnte man es sowohl als universale ante rem wie in re wie post rem bezeichnen” (S. 87) – “die Greifbarkeit des Abstraktesten, das Einzelgebilde, das am meisten seinen Sinn in der Übereinzelheit hat”. (S. 99)

Dem “objektiven Begriff” korrespondiert bei Adorno die “reale” oder “objektive Abstraktion”. Diesen Prozeß kennt auch Simmel, der von Marx unbeeinflußt innerhalb der akademischen Literatur als Erster diesen anonymen Prozeß gesehen und benannt hatte. Gar nicht anders als bei Adorno handelt es sich auch bei ihm um einen über den Köpfen der Individuen hinweg sich vollziehenden Prozeß, um einen überindividuellen “objektiven [!] und oft genug auch das Bewußtsein der Einzelnen beherrschenden Vorgang”, den er so beschreibt: Er “abstrahiert sozusagen davon, daß es Werte (d. h. Gebrauchswerte; H.G.B.) sind, die sein Material bilden, und gewinnt sein eigenstes Wesen an der Gleichheit derselben”, also an ihrer Gleichartigkeit oder Homogenität: “Daß so nicht die Betrachtung der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft selbst sozusagen in einer realen Abstraktion aus der [...] Wirklichkeit der Wertungsvorgänge besteht”. (S. 32)

Wie bei Adorno handelt es sich also nicht um die konstitutive Begrifflichkeit des erkennenden Subjekts; diese Abstraktion sui generis bleibt bei Simmel deshalb ein unbekannter Prozeß, weil er die Unhaltbarkeit der geldtheoretischen Funktionenlehre durchschaut, die der “Rechen”- oder “Werteinheit” jene “Leistung” unterstellt, die von Haesler treffend die “magische Operation der Abstraktion” genannt hatte. Zwar schweigen sich ein Teil der Lehrbücher über deren “Funktion” aus – z. B. Ciaassen, Richter, Issing – doch andere phantasieren ungeniert über diese ‘magische Operation des Papiers oder Metalls: durch “Einführung einer Recheneinheit wird es möglich, den Wert aller Güter [...] in Einheiten ein und derselben Bezugsgröße auszudrücken und auf diese Weise vergleichbar zu machen”. [ 57 ]

Und in dem älteren, weit verbreiteten Lehrbuch erzählt Wilhelm Röpke ähnliches: “Der Dienst, den uns das Geld leistet”, der Dienst als “Generalnenner” oder “Maßeinheit” besteht für ihn darin, daß es den “Wert [...] auf einen objektiven [...] Ausdruck bringt. Es [!] macht das Verschiedenartige gleichartig und löst das sonst unlösbare Exempel, Äpfel und Birnen zu addieren”. Unter den “Diensten” die das Geld “leistet”, verdiene “zunächst [besondere Hervorhebung” seine primäre Eigenschaft, “alle Gegenstände [...] untereinander vergleichbar zu machen”; dies ist sein “Dienst” als “Wertmaßstab”, z. B. der “Franken als Recheneinheit”. Es folgt sein “Dienst” als “Wertträger durch Raum und Zeit” [ 58 ] , wobei offen bleiben muß, was dies für “Werte” sein könnten, die der Subjektivist Röpke durch Raum und Zeit durch ein Etwas “tragen” läßt, das doch nur durch solcherlei magische “Dienste” definierbar sein soll und also nur zirkulär definiert werden kann.

Die schärfste Kritik des Pseudotheorems der Wertmessung stammt von einem heterodoxen Außenseiter der akademischen Ökonomie, Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld, der das “Chaos der Wertlehre von der wirtschaftlichen Dimension aus klären” wollte, jener von der physikalischen Dimension der Dinge unterschiedenen, einer “sozialen Dimension”, dem sozialen oder metaökonomischen Element des Ökonomischen. Für sie “setzt sich [...] der Name ‘Wert’ fest”, der besage, “Gleichheit trotz sachlicher Ungleichheit”, eine “paradoxe, der Ungleichheit abgetrotzten Gleichheit”. Die Ökonomie eskamotiert auch heute noch dieses fundamentale Problem der “Äquivalenz”, d. h.>der “paradoxen Gleichheit”, indem sie die Tauschenden “mit der wunderbaren Gabe der unmittelbar größenhaften ‘Schätzung’ ausstattet”. Doch “wer soll da eigentlich messen, wann soll es geschehen, und was in aller Welt soll da erst aus der Messung hervorgehen?”. Diesen “Fabeleien” der Ökonomie, die “die einfachsten Dinge umnebelt”, setzt er die metaökonomischen Thesen entgegen: “Niemand mißt und nichts wird gemessen” – “alle Messung kommt da längst zu spät, wo das Ausmaß gleich zahlenhaft geboren wird”, quasi-apriorisch. Wir finden die Dinge immer schon als “paradox” gleichgesetzte vor, als “Gleiche”; dies kann aber nur heißen, daß man Gleich-Artige, Homogene vorfindet. Gottl sieht hierbei ebenso wie Marx, daß dies in einem Verhältnis sui generis zum Ausdruck kommt,>in einem “Verhältnis der ‘Wechsel Wertigkeit [...], indem sich das Eine je auf das Andere als dessen ‘Wert’ bezieht”, also nicht bezogen wird – Marx hat dies in seiner Lehre von den drei Eigentümlichkeiten der Äquivalentform dargelegt. Auch für Gottl “gehört die Vorstellung von jenem, in>beiden Objektmengen enthaltenen Gleichen” hinzu, wie es “mit dem gleichen Ausmaß an Verfügungsmacht vorliegt”. In diesen beiden Punkten rückt Gottl, dem die subjektive Werttheorie als gänzlich indiskutabel gilt, dicht an die Wertgedanken Marxens heran, dessen “grandioses Werk” [ 59 ] er schließlich>doch noch mißverstehen sollte. Er beschreibt Dialektisches, läßt es aber als Ungeklärtes stehen: daß es eine “abstrakte” Verfügungsmacht ist, überging er ebenso wie später etwa der dezidierte Anti-Dialektiker Hans Albert. [ 60 ]

Simmel verwirft ebenso wie Gottl die ökonomistische These von der “Reduktion der Objekte auf einen Generalnenner [...] einen gemeinsamen Wertnenner”, wobei ebensowenig wie bei Gottl zu sehen ist, daß und warum “Geld [...] die Lösung des abstrakten Werts” (S. 97) ist, generell, was es mit diesem dem “konkreten” entgegengesetzten “abstrakten Wert” auf sich hat. Es ist zwar ganz im Marxschen und im Gottlschen Sinn, wenn er jene wohl erstmals von Turgot vertretene These festhält, “daß man von allen Waren sagen kann, sie seien in gewissem Sinn Geld. Jeder Gegenstand [...] spielt jenseits seiner Dingqualitäten die Rolle des Geldes”, doch die hierin enthaltene Relation, die “substanzgewordene Relativität” (S. 96) bleibt ihm ein Apriori: Ist es für ihn doch die “deutlichste Wirklichkeit der Formel des allgemeinen Seins, nach der die Dinge ihren Sinn (!) aneinander finden und die Gegenseitigkeit der Verhältnisse, in denen sie schweben, ihr Sein und Sosein ausmacht” (S. 98). Im Inhaltsverzeichnis bezeichnet er “Geld als eine Substanziierung der allgemeinen Seinsform, nach der die Dinge ihre Bedeutung [!] aneinander, in ihrer Gegenseitigkeit finden” (S. XI), womit er wie Adorno den Dingen einen objektiven Begriff zuspricht, ihre objektive “Bedeutung”. Zwar ist hier von einem neuen Apriori die Rede, doch die Verwandtschaft zum Marxschen Denken - sie gründet im Hegelschen Begriff des “Verhältnisses” - liegt auf der Hand. Es ist sicher kein Zufall, daß er dieses Verhältnis wie Marx ein “objektive Füreinandersein” (S. 98) nennt und für dieses “objektive” oder “überpersönliche Verhältnis zwischen Gegenständen” (S. 30), diese “Gegenseitigkeit des Sichaufwiegens” der “Objekte” einmal den Marxschen Begriff “Wertform” (S. 31) verwendet hat, eine “gegenständliche”, seiende und zugleich “geltende Form”.

An diesem Punkt offenbart sich einerseits die Gemeinsamkeit, andererseits der unüberbrückbare Gegensatz der Wertlehren von Marx und Simmel. Zunächst begreift Marx dieses auch für Simmel “überpersönliche Verhältnis von Gegenständen” im fundamentalen Gegensatz zu Simmel als eine “Verkehrung”: das “gesellschaftliche Verhältnis” erscheint “verkehrt [...] als Verhältnis der Dinge unter sich” (26.3/127) – ein Hegelsches “Verhältnis” der “Kraft” zu ihrer “Äußerung”. Aus der Perspektive der “Verkehrung” mußte nach seiner sozialen, überindividuellen “Substanz” im Sinn eines “innren Grunds” (26.3/135) gefragt werden. Während Marx das “entscheidend Wichtige” seiner Werttheorie darin gesehen hatte, “zu entdecken” und “zu beweisen”, daß die Wertform aus dem Wertbegriff entspringt, dessen “innrer Grund” in einem menschlichen “Verhältnis” und einem “Verhalten” gründet, kann Simmel lediglich auf zwei metaphysische Aprioris verweisen, auf den nicht-subjektiven Wert in seiner Eigenschaft als “abstrakte und ideelle Einheit” – eine “metaphysische Kategorie” (S. 15), ein “Urphänomen” (S. 6) – und auf den nicht-subjektiven Wert qua objektive “Form”, für ihn die “Substanziierung einer allgemeinen Seinsform” (S. XI), zwei unvermittelte Aprioris.

Schlimmer noch, er muß ein drittes Apriori aufbieten. War doch bislang nur vom Schumpeterschen “ersten Grundstein” der Geldtheorie die Rede, der zweite betrifft das Problem, daß das “Geld als Tauschmittel [...] in bestimmten Tauschrelationen zu andern Gütern stehen” [ 61 ] muß. Seit Ewigkeiten umstritten ist die Quantitätsgleichung der Quantitätstheorie, deren David Humesche Fassung, die immer noch der heutigen zugrundeliegt, von Marx als eine “begriffslos dumpfe Vorstellung” (13/139) kritisiert worden ist, “verschwindle” man doch die “Warenwelt in eine einzige Gesamtware”, wobei sich ein “Teil des Warenbreis” mit einem Teil des Metallbergs austausche” (23/138). Ernst Wagemann kritisiert ähnlich, daß die Quantitätstheorie, im Grunde die Geldtheorie generell, den “Brei des Sozialprodukts dauernd in das Packpapier der Geldmenge wickelt” [ 62 ] , also mit begriffslos dumpfen Vorstellungen operiert. Simmel sieht diese Schwierigkeiten und flüchtet in den scheinbaren Ausweg der Konstruktion eines dritten Aprioris: ein “wirksames, wenn auch nicht gewußtes Apriori” (S. 105).

Die Geldphilosophie des “Halbkantianers” [ 63 ] Simmel zerfällt also in drei Aprioris, die unvermittelt nebeneinanderstehen. Falls es nicht gelingen sollte, aus dem ersten und zweiten Apriori die “reale Abstraktion” und das Geld als “Universale” abzuleiten, hätte man es hierbei mit einem vierten und einem fünften Apriori zu tun. Hinzu kommt ein weiterer unzulänglich durchdachter Problembereich. Simmel erkennt richtig die “Doppelheit” der “Rollen” des Geldes “außerhalb und innerhalb der Reihen der konkreten Werte” (S. 89), doch bleibt dabei wiederum im diametralen Gegensatz zu Marx die dialektische, damit dynamische Struktur der Doppelheit als Prozeß einer “Verdopplung” unterbelichtet. Doch damit versperrt sich Simmel die Einsicht in die Struktur der ökonomischen “Metamorphosen”, damit der “Zirkulation” als Gegenbegriff zum bloßen “Tausch”.

In seiner Studie Über den logischen Ort des Geldes>insistiert Bruno Liebrucks darauf, daß das Geld “nicht gegenständlich im Kantischen Sinn” ist und der Wert keineswegs “außerhalb des sozialen Prozesses steht [...] überzeitlich”. Zwar will auch Simmel das Apriori irgendwie historisieren, doch ist nicht zu sehen, wie er dies mit seiner “Urphänomen”-These vereinbaren will. Liebrucks kritisiert wohl vor allem unter diesen Aspekten Simmel als “eher geistreich als philosophisch”, so daß “er nicht denken [kann], was das Geld ist” [ 64 ] , zwar eine Überfülle von Problemen ausbreitet, die sich mehrfach zu Antinomien und Aporien verdichten, doch das von ihm vermeintlich gesehene “Licht im Tunnel” erwies sich als bloßes Irrlicht.

Ungeachtet der Unvereinbarkeit der heterogenen Ansätze läßt sich in formaler Hinsicht Gemeinsames herausarbeiten: ihr metaökonomischer Charakter. Adornos metaökonomische Kritik der etablierten Ökonomie gilt insbesondere der subjektiven Werttheorie und der auf ihr basierenden subjektiven Ökonomie. Besonders in seinen Seminaren betonte er immer wieder aufs Eindringlichste, daß ihr das korrespondiere, was er als “subjektive Soziologie” bezeichnete, während der “objektiven Werttheorie” die “objektive Soziologie” entsprechen soll. So heißt es denn in der Vorlesung 1964/65 über Freiheit und Geschichte, daß bei Simmel die “eigentlichen Konstitutionsprobleme [...] nicht radikal gestellt werden”, sondern sich seine Erwägungen “in einer je schon konstituierten Welt” abspielten, wo dann die “Verhaltensweisen untersucht werden”; und zwar “analog” wie die “subjektive Ökonomik, die Grenznutzenökonomik”, die die Tauschbeziehungen innerhalb der bereits konstituierten Tauschgesellschaft analysiert, ohne aber dabei der Konstitution des Tauschverhältnisses, also seinem eigenen objektiven Sinn” [ 65 ] , seinem objektiven Begriff nachzufragen.

Der Einleitungs-Vorlesung von 1968 enthält die ausführlichsten Stellungnahmen Adornos zu jener “subjektiven Ökonomik”. So betont er in seiner Auseinandersetzung mit einem “sehr berühmten und bedeutenden Nationalökonomen” – zwar fällt kein Name, doch dürfte es sich um Fritz Neumark handeln – es gebe in der Ökonomie “Unerledigtes”, das vom “Kollektivbewußtsein verdrängt” worden sei, das aber “vielfach gerade das” sei, “worauf es ankommt”. Dies von Neumark als “veraltet” der “Dogmengeschichte” Zugewiesene gebe vielmehr zu “außerordentlich aktuellen Reflexionen” Anlaß, während die “Rede vom Veralten [...] selber ein Stück Ideologie” sei. Die “Volkswirtschaftslehre” weise alles, was nicht “mathematisiert, berechnet” werden könne, als Geschichte, Soziologie, Philosophie von sich. Ähnliches geschehe in der Soziologie. Dadurch werde in beiden Disziplinen das “Entscheidende verscheucht”; die Ökonomie habe es nur mit “geronnenen Beziehungen zwischen Menschen” zu tun, während die Soziologie sich zwar mit diesen Beziehungen zwischen Menschen befaßt, ohne jedoch “an ihre objektivierte ökonomische Gestalt allzu viel Aufmerksamkeit zu verschwenden”. Es kommt aber grade auf das an, “was dazwischen fehlt – und dieses ‘Dazwischen’ ist [...] die Reflexion beider Wissenschaften in sich [...]. Das ist genau das, was einmal mit dem Begriff der ‘Politischen Ökonomie’ gemeint war”.

Man kann sich diese Reflexionen Adornos an einer Marxschen Formel veranschaulichen, die nur in diesem “Dazwischen”, diesem “Niemandsland” zwischen den Disziplinen, entwickelt werden konnte, daß die “Personifizierung der Sache und Versachlichung der Personen” (23/128) zwei Seiten ein und desselben Prozesses einer universellen “Verkehrung” darstellen. Metaökonomisch und zugleich metasoziologisch wird hier der Ursprung beider Disziplinen aufgezeigt. Hier muß vor allem der eine Pol des Konstitutionsprozesses interessieren: die Bestimmung der Genesis ökonomischer Kategorien im Prozeß einer “Personifizierung der Sachen” oder ihrer “Versubjektivierung” (25/887). Ausdrücklich wird die “Versubjektivierung der Sachen” und die “Versachlichung der Subjekte” als ein “Quidproquo”, als eine “Verkehrung” (26.3/484) bezeichnet. Handgreiflich begegnet uns jene “Versubjektivierung” darin, daß Papier und Metall mit “Fähigkeiten”, “Kräften” ausgestattet werden, im “Tun” des Geldes und des Kapitals, die Marx deshalb als “Subjekte” kennzeichnet. Die Formel erzwingt die Aussage, daß Ökonomie und Soziologie als Bestandteile des “ideologischen Überbaus” zu analysieren sind, die auf die Verkehrungsprozesse der ökonomischen “Basis” zurückführbar sind. Marxens “Kritik der ökonomischen Kategorien” soll den historischen Materialismus, die Theorie der Gesellschaft begründen.

Durch die “strikte Scheidung von Volkswirtschaftslehre und Soziologie”, durch “ihre Trennung voneinander”, durch dieses scheinbar bloß formelle Tun, werden aber solcherlei metaökonomischen Reflexionen apriori blockiert; durch die vermeintlich nur formell, bloß arbeitsteilig bedingte Trennung wird in Wahrheit Inhaltliches präformiert bewußtlos. So wird die zentrale These Adornos verständlich, daß die Trennung “eigentlich darauf hinausläuft, die Marxsche Theorie ante portas zu verweisen”. So ist es kein Zufall, daß in der Habermasschen Logik der Sozialwissenschaften, die jene Trennung bewußtlos akzeptiert, die Marxsche Ökonomie-Kritik spurlos verschwunden, “ante portas verwiesen” ist. Hingegen konvergiert Hans Alberts treffliche Feststellung, der in der Ökonomie verwandte “Begriffsapparat” ist “selektiv”, er “verkörpert eine Perspektive, die in die Problemstellung eingeht und die Theoriebildung mitbestimmt” [ 66 ] – eines der Grundmotive seiner “Kritik der reinen Ökonomik” – mit Adornos Kritik derselben Disziplin: daß von der “Ökonomie genau das zu fordern wäre, was sie nicht leistet: nämlich die Rückübersetzung” der “objektivierten ökonomischen Gestalt” jeder ökonomischen Kategorie und der “ökonomischen Gesetze in geronnene menschliche Verhältnisse”. Eine solche “Rückübersetzung” und “Konstitution” soll die Kategorien einmal als “systematische, aus dem Begriff entwickelte Kategorien” erweisen, zum andern aber dies, daß die “systematischen Kategorien zugleich historische Kategorien sind”. [ 67 ]

Wie man sieht, werden auf metaökonomischer Ebene jenseits der traditionellen Trennung der Disziplinen die sich erst aus dieser Trennung ergebenden Schulgegensätze zumindest neutralisiert. Spricht Hegel davon, daß in der Ökonomie die “spezifische qualitative Bestimmtheit in quantitative verwandelt” [ 68 ] wird; “Im Werth ist (die) Sache in eine quantitative Bestimmtheit verwandelt [...], so daß mir die spezifische als solche gleichgültig ist”. Die Bestimmungen der subjektiven Wertlehre wie “Mühe” und “Seltenheit” müssen “sich alle in quantitative verwandeln” [ 69 ] . Dieser von Hegel wie von Marx verwandte Begriff der “Verwandlung” oder “Metamorphose” findet sich nicht bloß bei objektiven Werttheoretikern wie Ricardo, sondern auch bei subjektiven wie Jean Baptiste Say. Auch ein subjektivistisch orientierter, aber an metaökonomischen Problemen interessierter Ökonom wie Andreas Paulsen beschreibt gleichfalls den paradoxen Sachverhalt, daß das “Geld alles Qualitative [...] in ein Quantitatives verwandelt”; es sei die Gesellschaft, die “Wirtschaftsgesellschaft”, ein “Ganzes”, also eine anonyme Totalität, die “den subjektiven Bewertungen ihre objektiven Werte entgegenstellt: Preise! Der Ausdruck der qualitativ unvergleichbaren Objekte in völlig homogenen Quanten [...] konstituiert [!] die verkehrswirtschaftlichen Beziehungen”. Damit sei “mehr gemeint, als die ‘Funktionen’ des Geldes [...] erkennen lassen”, es entsteht eine “Form, in der alles Qualitative [...] ausgelöscht ist, in einer Leerform bloßen Quantums”; eine höchst einseitige These, die schließlich dazu führen kann, daß wie bei Adolph Lowe diese Quanten gar als “reine Quantitäten” von “wirtschaftlicher Energie” gedeutet werden, in der die “qualitativen Unterschiede” der Güter “verschwinden” [ 70 ] , eine Konstruktion, die sich als höchste Form der “Verkehrung” charakterisieren läßt. Ignoriert wird, daß die “völlig homogenen Quanten” oder “reinen Quantitäten” nur als ein Moment innerhalb eines komplizierten Gebildes existieren, der Ware-Geld-Relation. Keineswegs sind sie bloß abstrakt, rein und homogen, sondern potenziell ihr Anderes, konkrete Güter: daß jenes Abstrakte der Verwirklichung in einem Konkreten bedarf, also auch die “wirtschaftliche Energie” einer Realisierung in einer physischen bedarf, getrennt von ihr also gar nicht existiert, kurzum, daß die scheinbar “völlig homogenen Quanten” sich als Resultat des Kaufprozesses in heterogene “verwandeln” müssen.

Paulsen bezieht sich positiv auf eine These des Begründers der neoösterreichischen, neosubjektivistischen Wertlehre, Hans Mayer: Ihm zufolge ist nach jenem “Gesetzen” zu fragen, nach denen “Subjektives (Bedürfnisse [...] subjektive Wertungen) sich [!] in gesellschaftlichen Beziehungen und Vorgängen [...] ‘objektiviert’ und [...] also im Wechselspiel zwischen Subjektiven und Sozialen” [ 71 ] Preise entstehen. Die subjektive Wertlehre sieht sich also mit dem erstmals wohl von Simmel demonstrierten Problem konfrontiert, der “Objektivierung” des “Subjektiven”, also einen transsubjektiven, eben “objektiven”, überindividuellen Prozeß, eine bis heute ungelöst gebliebene metaökonomische Problemstellung. Damit ist aber das ungeklärt geblieben, was Mayer den eigentlichen “Preisbildungsvorgang” nannte, der von den “funktionellen Preistheorien”, den mathematischen Gleichgewichtstheorien der Neoklassik, insbesondere der Walrasianischen, unreflektiert vorausgesetzt werde; kurzum, es existiere keine Preistheorie im Sinn einer Theorie der Bildung des objektiven Preises aus subjektiven Wertschätzungen.

Dies ungelöste Problem der “Konstitution” hätte Adorno vor allem mit Blick auf Alfred Ammonns These erläutern können, daß die Nationalökonomie nur den “Inhalt des Preises, das ist eine bestimmte Größe des Austauschverhältnisses” zu thematisieren vermag: “sie setzt die Preisform einfach als gegeben voraus”, fragt also nicht, “wie die Preisform entsteht” [ 72 ] . In der Marxschen Perspektive ist diese “Preisform” nur die vollendete Gestalt der Wert-Form als geltende und gegenständliche, d. h. als ein dialektisches “Wert-Verhältnis” von Preisform und Geldform, ihren “sich wechselseitig bedingenden [...] zugleich einander ausschließenden” (23/63) Polen. Adorno hätte sich weiterhin auf eine Studie von Julius Wyler berufen können, die im Sinn einer subjektivistischen Selbstkritik die konstitutionstheoretischen Mängel der subjektiven Wertlehre aufgezeigt hat: “Wir finden [...] einen Wert vor, der über den zeitgebundenen Gefühlen und Wertschätzungen steht und dem Objekt wie eine Eigenschaft zukommt [...] die ‘Werte’ sind am Objekt, ob sie mir in einem Erfassungsakt gegeben sind oder nicht”; sie sind als “geltende” am Objekt und “entstehen nicht in einer beliebigen Wertschätzung durch das Subjekt. Insofern sind sie “objektiv” [...] wie ein anderes Objekt”, so daß er gar nicht anders wie Adorno von einer “Objektivität des Gegebenseins” des “geltenden Werts” sprechen kann. Wie später Ernst Wagemann sondiert er den wunden Fleck der neoklassischen Werttheorie: “Von den Gefühlsstärken in einer einzelnen aktuellen Wertung führt keine Brücke zum geltenden Güterwert”.

Aus dieser Sachlage resultiert die konstitutionstheoretische Aufgabenstellung Adornos: Die Genesis der “Objektivität der Waren, deren ‘Gegenständlichkeit’ überhaupt erst sich bildet [!]” (6/181) ist so nachzuzeichnen, daß zugleich der “Scheincharakter der ökonomischen Kategorien” durchsichtig wird. Als Alternative hierzu wird man wohl kaum eine andere als die von Wyler beschrittene vorstellen können: Die “Substanz des Preises”, also den “Grund des Daseins” des Preises als Erscheinungsform eines “objektiven Geistes”. [ 73 ] Die Problematik dieses Ansatzes zeigt sich allein schon darin, daß die Geldtheoretiker Walter Taeuber und Otto Veit die Lösung nicht in der Werttheorie, sondern in der Geldtheorie oder besser in einer “Ontologie des Geldes” suchen: Geld wie andere “quasi-räumliche Einrichtungen” der Kultur zu begreifen, nämlich als “Objektivationen des objektiven Geistes, als seine “Vergegenständlichung”. [ 74 ]

Erst in den metaökonomischen Beiträgen zur Debatte über Simmels Wert- und Geld-Analyse ist das ungelöste Problem der ökonomischen “Objektivität” wieder zur Sprache gekommen. So betonte der Philosoph Raymond Boudon, daß “die Ökonomie das Phänomen des Werts als eine Gegebenheit” betrachtet. “Aber sie kann uns nichts über den Ursprung dieses Phänomens als solchen beibringen”, weil es auch “keine Antwort im Rahmen der Wirtschaft selbst finden kann”. Wie Wyler geht es ihm um die Paradoxie, daß einerseits “eine Objektivierung der Werte” stattfindet, daß der Wert eine “Eigenschaft der Dinge” zu sein “scheint”, daß er andererseits dies “selbstverständlich nicht ist” – Marx’ und Adornos Problem des “gegenständlichen Scheins”. Auch der Soziologe Alessandro Cavalli befaßt sich mit der Simmel “nicht voll bewußt” gewordenen “Schwierigkeit”, wie es möglich ist, “subjektive Bewertungen [...] in objektive Marktpreise umzuwandeln [!] [...] wie subjektive Werte zu Marktpreisen werden [!]”. Selbst bei Simmel findet er noch eine “Unterscheidung zwischen Philosophie und Ökonomie”, die “eine künstliche ist”, ihm aber “erlaubt, schwierige Probleme auszuschließen” [ 75 ] ; Adorno hatte die “künstliche” Arbeitsteilung in der Einleitungs-Vorlesung ähnlich kritisiert.

Das “Werden” oder die “Verwandlung” von “subjektiven Werten” in “objektive” Preise möchte die etablierte Ökonomie als einen “Dienst” des Geldes begreifen, läßt diesen Prozeß also in der Zirkulationssphäre stattfinden. In der Marxschen Analyse ist es “bloßer Schein des Zirkulationsprozesses, als ob das Geld die Waren kommensurabel macht”, die “Verwandlung” (13/52f) bewerkstelligt, ein Schein”, dem schon Aristoteles mit der These aufsaß: “Das Geld macht einem Maße gleich [...] die Dinge kommensurabel” (ebd.). Marx verlegt diesen Prozeß in die Sphäre des überindividuellen “Produktionsprozesses”: Die “Verwandlung” kann nur deshalb stattfinden, weil die heterogenen Gebrauchswerte als Waren homogene “Werte” sind, “qualitativ gleiche”. Damit ist das “Geld als Wertmaß” gar nicht das eigentliche Maß, es ist in Wahrheit etwas ganz anderes als es die Nationalökonomie behauptet, nämlich bloß “notwendige Erscheinungsform” eines Anderen, des wirklichen, jedoch “immanenten Wertmaßes der Waren”, der abstrakt-allgemeinen, gesellschaftlichen Arbeitszeit. Dieses ist ein Maß nur “an und für sich” (23/109), kein den Tauschenden bewußtes, es ist nur “an sich oder für uns”, die wir die Ware “analytisch” zerlegt haben. Es findet eine “Transposition” dergestalt statt, daß “alle Eigenschaften” der “allgemeinen Arbeit [...] sich als Eigenschaften des Geldes darstellen” (43/252), daß “alle Wertformen der Ware” sich als “Formen des Geldes”, d. h. als seine Funktionen “projektieren” (23/634) und damit verkehren. Die Ware am Anfang der Analyse ist nur “Ware an sich>(16/245), all ihre Bestimmungen sind nur an sich seiende, die erst “gesetzt” sind als Geld und so als dessen Eigenschaften “erscheinen”.

Unbezweifelbar findet ein Prozeß der “Verwandlung” oder Transformation von Heterogenem in Homogenes, von Qualitativem in Quantitatives, Konkretem in Abstraktes statt. Er betrifft in Marxscher Sicht das primäre Problem der Transformation, während für ihn das der Transformation der Werte in Preise nur ein abgeleitetes darstellt, da es die Existenz der “Preisform” immer schon voraussetzt. Der primäre Akt der Transformation - verwandt dem subjektivistischen Problem der “Objektivierung” des Subjektiven - wirft zwei grundlegende Probleme auf, einmal das einer rationellen Dechiffrierung dieser Metapher “Verwandlung”. Es scheint, daß nur Marx eine Lösung bereithält: daß es die “Privatarbeit>ist, die der “Verwandlung” bedarf und einem solchen Prozeß zugänglich und “verwandelte Arbeit [...] als ihr unmittelbares Gegenteil, gesellschaftliche Arbeit”. Marx unterscheidet die “erste Verwandlung” von einer “zweiten”, die “ideelle” in der Preisgebung und die zweite im “wirklichen Prozeß” (26.3/133) des Austauschs. Ein “immanentes Maß” des Werts zeichnet sich bei Marx dadurch aus, daß es “außer der Kategorie>des Werts stehn muß” und nur so den “Wert konstituiert”, ihn nur so zu “konstituieren” vermag. Der Marxschen Werttheorie geht es um die “Genesis und immanente Natur des Werts selbst” (26.3/154f), der vom Ökonomen immer schon, quasi-apriorisch, eben als “Urphänomen” vorausgesetzt wird; sie ist eine Theorie seiner “Konstitution”, die seiner “Formen” und damit auch des “Formwechsels” oder seiner “Verwandlung”.

Das zweite Grundproblem der Transformation oder “Verwandlung” von Heterogenem, Sinnlichem, Konkretem in Homogenes (Gleich-Artiges), Übersinnliches, Abstraktes sieht Marx in dem, was Simmel und Adorno “objektive” oder “reale Abstraktion” genannt haben. Hierbei ist von der Marxschen Feststellung auszugehen, daß die “Gleichheit toto coelo verschiedener Arbeiten nur in einer Abstraktion von ihrer wirklichen Ungleichheit bestehn” (23/87) kann. Dieser Satz ist zu verallgemeinern. Es geht nicht allein um die Arbeit, sondern unmittelbar um jede makroökonomische Größe. Sofern die Nationalökonomie es mit “Gesamtheiten” im Sinn einer “einheitlich homogenen Gütermasse” wie dem Sozialprodukt zu tun hat, einer als “homogen angenommenen Gütermenge” [ 76 ] , unterstellt sie bewußtlos den Prozeß einer “realen Abstraktion”. Existiert ihrem nominalistischen Selbstverständnis gemäß doch nur Einzelnes, Heterogenes, also die nicht-addierbaren Gebrauchswerte oder die hierauf bezogenen einzelnen Akte der Wertschätzung, so unterstellt sie illegitim die Existenz also einer homogenen, unterschiedslosen Gütermasse, eines Allgemeinen, das existiert, daher nicht bloß das Resultat eines individuellen und bewußten Prozesses komparativer Abstraktion sein kann. Dieser überindividuelle Sachverhalt erscheint im Bewußtsein des Ökonomen nur in verkehrter Gestalt, nämlich als Resultat der magischen Operation der Wertmessung. Unreflektiert bleibt, daß selbst in diesem fingierten Prozeß eine “Verwandlung” von Konkretem in Abstraktes unterstellt wird, d. h. eine Abstraktion vom Konkreten. Tatsächlich finden wir in den Preisen die besonderen, konkreten Güter je schon als Allgemeines, Abstraktes, Gleichartiges vor, d. h. als ein nicht bloß in meinem Kopf existierendes, sondern als “Real-Allgemeines”, “Real - Abstraktes”.

In seiner Abstraktheit enthält der ‘Wert’ bei Marx in der Tat “kein Atom” Sinnliches, Konkretes, Gebrauchswert. Was in seiner Erscheinung als Geld zutage tritt, damit auch als “Preis”, beide als Dasein von “abstrakter Verfügungsmacht”: Preis, Geld, Kapital “sind nicht empirisch-reale, anschauliche Phänomene, sondern abstrakte Begriffe”, es sind “Gedanken”, die eine “reale Existenz” [ 77 ] haben. Preise erfahren wir nicht allein sinnlich, was wir unmittelbar erfahren sind allein Druckerschwärze, Papier und Metall, aber weder Preise, noch Geld; was wir sinnlich wahrnehmen sind Maschinen, Eisen, nicht Kapital.

Im Entwurf zum ursprünglich vorgesehenen 6. Kapitel des ersten Bandes, Resultate des unmittelbaren Productionsprocesses,>findet sich ein Hinweis, daß dieser Prozeß der realen Abstraktion auf der Ebene der “einfachen Zirkulation”, der sog. Zirkulationssphäre, sich nicht zureichend thematisieren läßt. Marx reflektiert dort erneut den Unterschied von konkreter und abstrakter, “allgemeiner Arbeit”. Als “unterschiedslose” Arbeit stellt sich die allgemein-abstrakte dar in dem “unterschiedslosen Geldausdruck”, dem Preis. Hieraus folgt die antinominalistische These: “Innerhalb des Productionsprocesses nun tritt uns dieser Unterschied activ>entgegen. Es sind nicht mehr wir, die ihn machen, sondern er wird im Productionsproceß selbst gemacht”, im gesellschaftlichen, überindividuellen; d. h. der Unterschied von ‘konkret’ und ‘abstrakt’ ist kein nur von uns gemachter im Sinn einer bloß begrifflichen Unterscheidung, der Unterscheidung des einen Artbegriffs von einem andern, er ist vielmehr ein “realer”, der sich zum “realen” Gegensatz und Widerspruch zuzuspitzen vermag. Im selben Manuskript findet sich sodann die These, daß die “gesellschaftlichen Formen” der Arbeit “subjektiv-objektive” sind, da in diesen “Bildungen” die “gesellschaftlichen Charaktere ihrer Arbeit” dem Arbeiter “gegenübertreten” [ 78 ] . Ökonomie wird als ein Subjekt-Objekt verstanden.

Adorno suchte den Ursprung des realen Unterschieds von Konkret und Abstrakt, Besonderem und Allgemeinem letztlich ebenfalls im Produktionsprozeß. Hierauf verweisen die folgenden Stichworte: Wenn der Kapitalist das variable Kapital v in seine Rechnung einsetzt, so muß er [...] annehmen, es sei Gleich mit Gleich getauscht, weil er sonst Unterbilanz hat” [ 79 ] . Tausch ist also für ihn letztlich einer zwischen Lohnarbeit und Kapital, der sich in der Produktion als Einheit real Unterschiedener, des konkreten Arbeitsprozesses und des abstrakten Verwertungsprozesses realisiert. Der Sachverhalt der “realen Abstraktion”, d. h. die Realität des vom Konkreten real unterschiedenen Abstrakten im überindividuellen Gesamtprozeß der Produktion, ist keinesfalls ein bloß ökonomisch relevanter. Adorno hat ihn in seiner vierten Einleitungs-Vorlesung deshalb als “Zentralpunkt” thematisiert, weil es ihm um die Sicherstellung der Kategorie “Totalität” zu tun war, deren empirische Gültigkeit von Hans Albert mit einem “ernsthaften Einwand” (S. 57) bestritt worden war: Es handle sich hierbei nur um die “Trivialität, daß alles mit allem zusammenhängt”. Wenn es hingegen richtig ist, daß der ökonomische “Abstraktionsprozeß sich über den Köpfen [...] durchgesetzt” hat, ihm daher eine “Objektivität des Begriffs” in Gestalt “entfaltbarer” Wert-Kategorien korrespondiert, so stellt sich in diesen Prozessen die dynamische “Totalität” als ein realer und widersprüchlicher Prozeß dar: “Er ist über den Köpfen durch jene hindurch und insofern vorweg antagonistisch” (6/299) [ 80 ] , ein subjektiv-objektiver. Seine Thematisierung muß in jener Nationalökonomie unterbleiben, deren positivistischen Methodologie die “Aussonderung stillschweigend abgezirkelter Probleme als des szientifisch, ‘allein Wirklichen’ [...]” vorschreibt, womit sie die “Simplifizierung als Norm” (8/325) installiert.

Zuerst in:

Andreas Gruschka / Ulrich Oevermann (Hrsg.): Die Lebendigkeit der kritischen Gesellschaftstheorie. Dokumentation der Arbeitstagung aus Anlaß des 100. Geburtstages von Theodor W. Adorno. 4.–6. Juli 2003 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main, Frankfurt a. M. 2004, S. 27–64.

Anmerkungen

[ 1 ] In diesem Falle wurden die im Text in Abkürzung vorgenommene Zitation durch den Autor belassen. Die Zitation bezieht sich dabei auf die dem gesamten Tagungsband zu Grunde gelegte Ausgabe: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Frankfurt/M. 1997. In Klammern findet sich zunächst die Nennung der Bandangabe und danach diejenige der Seitenzahl. Analoges gilt später für die Zitation Horkheimers (Werke) so wie Marx (New).

[ 2 ] Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie, Bd. 2, Frankfurt/M. 1974. S. 262.

[ 3 ] Theodor W. Adorno. Einleitung in die Soziologie (1968), Frankfurt/M. 1993, S. 243; in diesem Sinn: Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie (1937), in: ders.. Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt/M. 1988. S. 181; bereits 1935 hieß es kurz und bündig: “Die gegenwärtige Gesellschaftsform ist in der Kritik der politischen Ökonomie erfaßt” (Zum Problem der Wahrheit. in: Gesammelte Schriften. Bd. 3, Frankfurt/M. 1988, S. 311).

[ 4 ] Theodor W. Adorno, “Graeculus (II). Notizen zu Philosophie und Gesellschaft 1943–1969”, in: Frankfurter Adorno Blätter, hrsg. v. Rolf Tiedemann, Heft VIII, 2003, S. 38.

[ 5 ] Theodor W. Adorno, “Graeculus (II). Notizen zu Philosophie und Gesellschaft 1943–1969”. in: Frankfurter Adorno Blätter, Bd. VIII, a.a.O., S. 37.

[ 6 ] Brief an Alfred Sohn-Rethel vom 23.12.1966, in: Theodor W. Adorno und Alfred Sohn-Rethel. Briefwechsel 1936–1969, hrsg. von Christoph Gödde, München 1991, S. 152.

[ 7 ] Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie, Bd. 2, a.a.O., S. 162.

[ 8 ] Krudester Nominalismus findet sich vor allem in einer Passage der Heiligen Familie, 2/60ff, an der man Adornos Feststellung exemplifizieren kann, daß Marx aus “Ekel vorm akademischen Gezänk in den erkenntnistheoretischen Kategorien wie im sprichwörtlichen Porzellanladen wütete” (6/206).

[ 9 ] Theodor W. Adorno, “Soziologie und empirische Forschung”, in: ders. u.a., Der Positivismußtreit in der deutschen Soziologie, 3. Aufl., München 1971, S. 94.

[ 10 ] Theodor W. Adorno, “Theorie der Gesellschaft, Stichworte und Entwürfe zur Vorlesung 1949/50”, in: Frankfurter Adorno Blätter, Bd. VIII, a.a.O., S. 127 ff. Der Herausgeber, Michael Schwarz, nennt diese Stichworte eine “Propädeutik kritischer Gesellschaftstheorie” (S. 110); man hat sie vor allem unter dem Aspekt zu lesen, daß Adorno 1960 notierte: “Nur das wenigste von dem, was ich denke, sage ich”, er konstatiert eine “politische Selbstzensur”, die der “üben muß, wer nicht [...] völlig ausgeschaltet werden will [...] Allein die Zentrierung meines Interesses in die Ästhetik, die freilich meiner Neigung entspricht, hat zugleich etwas Ausweichendes [...] Ideologisches” (S. 18).

[ 11 ] Henryk Grossmann, Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik. Frankfurt/M. 1969. Die parallelen Problemstellungen weisen darauf hin, daß Adornos Abhandlung “Über Statik und Dynamik als soziologische Kategorien” von der Arbeit seines “Lehrers” in erheblichen Maß beeinflußt worden sein dürfte; es ist zu vermuten, daß Adorno Grossmanns nationalökonomische Vorlesungen und Seminare im Institut für Sozialforschung besucht und noch in New York mit ihm diskutiert hatte.

[ 12 ] Kenneth J. Arrow, “Reale und nominelle Größen in der Wirtschaftstheorie”, in: Daniel Bell / Irving Kristol (Hrsg.), Die Krise in der Wirtschaftstheorie, Berlin/Heidelberg/New York/Tokio 1984, S. 183.

[ 13 ] Theodor W. Adorno. Drei Studien zu Hegel, in: Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt/M. 1997, S. 313.

[ 14 ] Theodor W. Adorno, Drei Studien zu Hegel, ebd.

[ 15 ] Theodor W. Adorno, Einleitung in die Soziologie, a.a.O., S. 58 f.

[ 16 ] Theodor W. Adorno, Soziologische Exkurse, hrsg. vom Institut für Sozialforschung, Frankfurt/M. 1956, S. 61.

[ 17 ] Max Weber, “Georg Simmel als Soziologe und Theoretiker der Geldwirtschaft, Entwurf einer Rezension zu Simmel”, in: Simmel Newsletter, Vol. 1, Nr. 1, Summer 1991.

[ 18 ] Bendixen, von Knapp zur Lektüre veranlaßt, schreibt ihm: “Zuerst wurde mir schwach bei all dem philosophischen Gerede” und war denn auch “rasch mit dem Buch fertig”, er lese es “nicht weiter. Ich mag die Torte nun mal nicht”; Bendixen monierte eine “unbeherrschte Jagd von Gedankenbildern”; dem stimmte Knapp zwar zu, dennoch war er aber milder gestimmt, bemerkte nur, daß Simmel “noch so viel für mich zu erledigen übrig läßt”; dies Unerledigte hinterließen auch er und Bendixen ihren großen Schülerkreis, die schließlich wie Wagemann resignieren sollten. (Georg Friedrich Knapp/Friedrich Bendixen, Zur Staatlichen Theorie des Geldes. Ein Briefwechsel, Basel 1958, S. 29, 34, 36). Selbst Menger und Schumpeter, beide um eine philosophische Klärung ökonomischer Begriffsbildung bemüht, Schumpeter insbesondere um das Unerledigte bei Knapp und Bendixen, wiesen den Simmelschen Ansatz zurück.

[ 19 ] Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie, Bd. 2, a.a.O., S. 271f, 269, 279, 256: “ein wirkliches Verhältnis zu diesen Texten ihrem eigenen Wahrheitsgehalt nach ist eine außerordentlich rare Pflanze”.

[ 20 ] Theodor W. Adorno, Einleitung in die Soziologie, a.a.O., S. 59, 162; in der Vorlesung sollten lediglich “Fragmente” einer “dialektischen Theorie [...] von der Gesellschaft” (S. 31) vorgetragen werden.

[ 21 ] Theodor W. Adorno, “Notizen von einem Gespräch zwischen Theodor W. Adorno und Alfred Sohn-Rethel am 16.4.1965, in: Alfred Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit, revidierte und ergänzte Neuauflage, Weinheim 1989, S. 221 ff.

[ 22 ] Jeff Kintzele/P. Schneider (Hrsg.), Georg Simmel. Philosophie des Geldes”, Frankfurt/M. 1993, S. 7, 222, 224f, 229.

[ 23 ] Hajo Riese, “Geld – Zeit – Wert”; in: Bernd Biervert/Martin Held, (Hrsg.), Zeit in der Ökonomik, Frankfurt/M. 1995, S. 74.

[ 24 ] Waltraud Schelkle/Manfred Nitsch (Hrsg.), Rätsel Geld, Marburg 1995. Der Beitrag Rieses beginnt mit dem Satz, daß “die Nationalökonomie bis zum heutigen Tag nicht weiß, was Geld ist” (S. 45). Auch für Keynes gelte, daß er “das Rätsel der Nationalökonomie nicht löste” (S. 48); Hans-Joachim Stadermann/Otto Steiger, Herausforderungen der Geldwirtschaft, Marburg 1999, der erste Satz der Herausgeber nennt Geld “das unverstandene ‘Etwas’ [...]” (S. 9); Jürgen G. Backhaus/Hans-Joachim Stadermann, Georg Simmels Philosophie des Geldes, Marburg 2000.

[ 25 ] Peter Heintel, “Was ist Geld?”, in: Caroline Gerschlager/Ina Paul-Horn (Hrsg.), Gestaltung des Geldes, Marburg 2000. Die Herausgeber gehen davon aus, daß das “Paradox des Geldes” nationalökonomisch, “durch eine ökonomische Modellbildung allein nicht zureichend erfaßt werden kann” (S. 9).

[ 26 ] Hajo Riese, “Geld – die unverstandene Kategorie der Nationalökonomie”, in: Ethik und Sozialwissenschaflen, hrsg. von F. Benseler, 11. Jg., 2000; darin: Elmar Altvater, “Aporien des Monetär-Keynesianismus”, S. 498, also die “Aporien” in Rieses eigener Position; J. Michaelis, Hajo Riese – der einsame Rufer in der Wüste der Geldtheorie?, S. 525. Der Autor, Ökonomie-Professor in Kassel, hätte in der ‘Geschichte der Geld- und Kredittheorien’ von Charles Rist eine Fülle von Belegen für dessen These finden können, “daß man in den tausenden von Jahren, in denen das Geld schon existiert, noch keine definitive Antwort auf diese Fragen gefunden hat”, etwa auf die Frage: “Wie definiert man seine Funktionen”, vor allem: “Was versteht man unter dem ‘Wert’ des Geldes” (S. 288). In Valentin F. Wagners klassischer Darstellung hätte er sich darüber informieren können, daß selbst die scheinbar selbstverständliche Lehre von der Giralgeld-Schöpfung sich in Aporien verstrickt, der Kredit von einem “geheimnisvollen Nebel” umgeben zu sein scheint, also auch die Ursachen der monetären Krisen umstritten geblieben sind und die Marxsche Kredittheorie des 2. Bandes des Kapital die Ausgangsbasis für Erarbeitung einer neuen Theorie bilden muß (Valentin F. Wagner. Geschichte der Kredittheorien, Neudruck Aalen 1986. S. 82).

[ 27 ] Hajo Riese, “Georg Simmel und die Nationalökonomie”, in: Georg Simmels Philosophie des Geldes, a.a.O., S. 108, 95; R. Dietz, “Simmels Philosophie des Geldes als Theorie der Gestalt der Geldwirtschaft”, ebd., S. 194.

[ 28 ] Georg Simmel, Philosophie des Geldes, 8. Aufl. Berlin 1987, S. 10; die im Text in Klammern gesetzte Seitenzahlen werden nach dieser Ausgabe zitiert.

[ 29 ] Richter, der das “konkrete Geld” im Unterschied zum “abstrakten” ebenfalls als “Träger von Rechnungseinheiten” definiert, teilt lediglich in einer Fußnote mit, daß diese Einheit u.a. auch “Werteinheit” genannt wird; er ist also keineswegs “fern”, sondern ganz nah an jener von Knapp distanzierten Definition vom Geld als “Träger von Werteinheiten” (Rudolf Richter, Geldtheorie, 2. Aufl., Berlin, Heidelberg, New York u.a. 1990, S. 109).

[ 30 ] Joseph Schumpeter, Dogmenhistorische und biographische Aufsätze, Tübingen 1954, S. 206 f. Es ist sicher kein Zufall, daß der von Horkheimer wie Adorno zurecht als “Positivist” kritisierte Fritz Neumark ein Anhänger der “funktionellen”, d. h. nicht-kausalen Preistheorie Cassels, d. h. non-valoren Preistheorie war, einer anti-werttheoretischen: “Ähnlich wie Geld, Kapital usw. kann auch das Einkommen nur von seiner Funktion her richtig verstanden werden [...] nicht aufgrund einer müßigen intellektuellen Spekulation” (a.a.O., S.28), nämlich einer werttheoretischen.

[ 31 ] Georg Friedrich Knapp, Staatliche Theorie des Geldes, 2. Aufl., München 1918, S. 6f. In allen vier Auflagen des Werks finden sich dieselben Sätze, die umfangreichen Diskussionen um sein heftig umstrittenes Werk konnten ihn auch in der 4. und letzten Auflage von 1923 nicht bewegen, seine agnostizistische Position aufzugeben.

[ 32 ] Georg Friedrich Knapp/Friedrich Bendixen, Zur Staatlichen Theorie des Geldes, a.a.O., S. 30. Knapp nennt Simmels Werk “konfus-geistreich”, er “befährt den Ozean ohne Kompaß”, in seiner “Ausbildung fehlt völlig das Exakte”, S. 34.

[ 33 ] Kurt Singer, Nachwort zu: Georg Friedrich Knapp/Friedrich Bendixen, Zur Staatlichen Theorie des Geldes, a.a.O., S. 225, 254.

[ 34 ] Joseph Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie, Berlin 1970, S. 115.

[ 35 ] Joseph Schumpeter, Das Wesen des Geldes, aus dem Nachlaß hrsg. von F. K. Mann, Göttingen 1970, S. 83.

[ 36 ] Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie, Bd. 2, a.a.O., S. 95f; von einer “Logik der Sache” spricht er auf S. l00f.

[ 37 ] Otmar Issing, Einführung in die Geldtheorie. 13. Aufl., München 2003, S. 21. Der Autor nennt Hawtrey, Knapp, Menger und Valentin F. Wagner; auch das belanglose Büchlein von J. W. Jevons (1876); wie in allen anderen Lehrbüchern fehlt auch im Issingschen ein Hinweis auf das Marxsche Werk, das doch dem Valentin F. Wagnerschen zugrunde liegt.

[ 38 ] Otto Veit. “Ansätze zu einer Philosophie des Geldes”, in: Universitas, 1970. Veit, der die “Größe des Werkes von Marx” betont, erkennt klarsichtig, daß die “Verwandlung von Gebrauchsgüter in Tauschobjekte” dessen “Zentral punkt” (S. 516f) ausmacht; das Sein des Geldes sucht er in Anlehnung an Nikolai Hartmann in einer “Schicht des geistigen Seins” (S. 523). Walter Taeuber, der “Geld als Vergegenständlichung des Geistes” begreifen will, geht es ebenfalls um eine auf Hartmann gestützte “Ontologie des Geldes” (Walter Taeuber, “Philosophie des Geldes. Ein Entwurf”, in: Finanzarchiv, N.F. 9, 1943. Kritisiert werden die “verwaschenen, allgemeinen Ausdrücke” der “dürren, formalistischen Geldtheorie”, die das Problem des “unsichtbaren Trägers” der Geldfunktionen ignoriert (S. 456 f).

[ 39 ] Emil-Maria Ciaassen, Grundlagen der Geldtheorie, 2. Aufl., Berlin, Heidelberg, New York 1980, S. 37. Der Autor beruft sich auch auf Milton Friedman, für den Geld “nicht etwas Vorgegebenes, zu Entdeckendes” (ebd.) ist.

[ 40 ] Karl Marx / Friedrich Engels, Werke, Ergänzungsband. Erster Teil, Berlin (DDR), S. 446, ferner S. 521, 530.

[ 41 ] Joseph Schumpeter, Das Wesen des Geldes, a.a.O., S. 220f, 238, 232. Der Herausgeber berichtet, das Manuskript des angekündigten, 1930 fertiggestellten, schon 1929 und 1939 wiederum angekündigten Werks, habe er bis zu seinem Tod, also 19 Jahre, zurückgehalten, versehen mit “häufig begegnenden Stoßseufzer: “Warum”? oder “Wieso?”, von dem Verfasser an sich selbst gerichtet (S. XXVII).

[ 42 ] Friedrich Bendixen, “Zur Frage der Definition des Zahlungsmittels und der Werteinheit”, in: Jahrbücher für Statistik und Nationalökonomie, Bd. 115, 1920, S. 130. Da Schumpeter mit ihm korrespondierte und von ihm inspiriert worden ist, dürfte auch seine eigne Fragestellung nach dem “Inhalt” der Einheit diesem Aufsatz entnommen sein; ähnlich verhält es sich mit seiner Frage ihrer “Geltung”, die in der Knappschen Schule lebhaft diskutiert worden ist.

[ 43 ] Ladislaus von Bortkiewicz, “Neue Schriften über die Natur und die Zukunft des Geldes”, in: Schmollers Jahrbuch, Bd. 45, S. 627.

[ 44 ] Carl Menger sprach von einer “Irrlehre”, daß das Geld ein “abstraktes Wertquantum” darstelle (Geld, in: ders.. Gesammelte Werke, Bd. IV, Tübingen 1970, S. 27, 38, 63). Issing nennt Mengers Arbeit einen “hervorragenden Überblick” (a.a.O., S. 21) und verschweigt implizit dessen antithetische Position zur heutigen Geldtheorie.

[ 45 ] Ferdinand Ulmer, Grunderkenntnisse einer allgemeinen Wirtschaftslehre, Salzburg 1948, S. 48 ff. Franz Oppenheimer stellte in der Generaldebatte der deutschen Ökonomen über den Wert fest: “eine Disziplin, die mehr als ein Dutzend verschiedener Theorien über ihr zentrales Problem – und das ist trotz allem das Wertproblem! – um den Sieg kämpfen sehen muß, ist noch keine Wissenschaft” – eine “gradezu verzweifelte Lage der Theorie unserer Zeit” (in: Ludwig von Mises/Arthur Spiethoff (Hrsg.), Probleme der Wertlehre, Bd. 1, München 1931, S. 151).

[ 46 ] Ernst Wagemann, Berühmte Denkfehler der Nationalökonomie, München 1951, S. 65. Diesen Denkfehlern rechnet er auch den “frommen Glauben” der Grenznutzenlehre zu, “daß die Preisrelationen aus dem subjektiven Wert hervorgehen. Wie dies Wunder Zustandekommen soll, weiß kein Mensch” (ebd., S. 30).

[ 47 ] Werner Ehrlicher, “Geldtheorie”, in: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, 3. Bd., Stuttgart 1981, S. 366f.

[ 48 ] Rudolf Richter, Geldtheorie. Vorlesung auf der Grundlage der allgemeinen Gleichgewichtstheorie und der Institutionsökonomik, Berlin u.a. 1987, S. 104. Für Issing “leistet das Geld [...] Dienste” (Einführung [...] a.a.O., S. 3.)

[ 49 ] Jürgen Habermas behauptete in seiner bodenlos naiven Rezeption der soziologischen Medientheorie, das Geld sei von der “Wirtschaftswissenschaft”, also von der akademischen, subjektivistisch orientierten, “gut analysiert” (Jürgen Habermas, Handlung und System, a.a.O., S. 70) worden; spätestens in diesem Aufsatz bestätigte sich der frühe Verdacht Horkheimers, er biete nur ein “verzerrtes Bild von Teddie” – “das Philosophische, das er übernimmt, klingt nur ähnlich” (18/438, 447). Habermas vertraute sich einer von Horkheimer wie Adorno als “positivistisch” und apologetisch kritisierten Disziplin an, insbesondere ihrer inferioren Wertlehre, aus welchen Motiven auch immer. Diese Lehre wird unter dem Aspekt innersubjektivistischer, generell innerökonomischer Kontroversen umfassend dargestellt und immanent kritisiert von Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, Bd. 1, Wert- und Preislehre, 1. Aufl., Berlin 1964; siehe auch seinen Aufsatz: ders., “Das Elend der Nationalökonomie”, in: Universität, Ideologie, Gesellschaft, Frankfurt/M. 1968; die Marxsche Ökonomie-Kritik ist Hofmann fremd geblieben.

[ 50 ] Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, 2. Aufl., München 1926, S. 72 und 66.

[ 51 ] Albrecht Forstmann, Geld und Kredit, Bd. 1, Göttingen 1952, S. 132f. Mit Recht polemisierte er daher gegen die auch von Issing, Richter, Ciaassen etc. vertretene Definition des Geldes als “dualistische Erscheinung”, d. h. die Trennung seiner “Funktionen” in die “abstrakte” der sog. Messung und der anderen als “konkrete” (S. 70).

[ 52 ] Otto Veit, Reale Theorie des Geldes, Tübingen 1966, S. 66, 73. Veit stellt auch die “Schwierigkeit” der Definition der heute allseits, aber begriffslos gebrauchten Vorstellung vom “Vermögen” heraus: es geht hier um eine “Gesamtheit [...] der Werte”, wobei bedacht werden müsse, daß Kapital eine “abstrakte Wertsumme” (S. 84) sei.

[ 53 ] Albrecht Forstmann, Volkswirtschaftliche Theorie des Geldes, Bd. 1, Berlin 1943. S. 99, 131, 133, 172. Noch nicht in ‘Geld und Kredit’; doch im Bd. II von 1955 verschwindet der Begriff “absoluter Wert”, vermutlich im Kontext der von ihm akzeptierten These, daß der Wertbegriff bei Marx “bloß ein Ornament” (S. 165) sei.

[ 54 ] Eduard Lukas, Geld und Kredit, Heidelberg 1951, S. 14, 18.

[ 55 ] Zit. in: Herbert Marcuse, Vernunft und Revolution, Neuwied 1962, S. 80: “die höchste Abstraktion der Arbeit greift durch (von Hegel kursiv gesetzt) die einzelnen Arten durch” (S. 80). Marcuse spricht von dem “Prozeß einer Abstraktion” die der “dialektischen Methode durch die Struktur ihres Gegenstandes, der kapitalistischen Gesellschaft aufgenötigt wird [...] einer negativen [!] Totalität” (S. 274), das Thema der Negativen Dialektik.

[ 56 ] Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Vorlesungen über Rechtsphilosophie, 4. Bd., hrsg. v. Karl-Heinz Iking, Stuttgart 1973, S. 230.

[ 57 ] Hans-Joachim Jarchow, Theorie und Politik des Geldes, Bd. I, 10. Aufl., Göttingen 1998, S. 2.

[ 58 ] Wilhelm Röpke, Die Lehre von der Wirtschaft, 6. Aufl., Erlenbach-Zürich 1951, S. 73 und S. 118f.

[ 59 ] Friedrich von Gottl-Ottlienfeld, Die Wirtschaftliche Dimension, Jena 1923. S. 22, 249ff, 41 ff, 145, 250f, 236. Es käme darauf an, an die “Fülle von Problemen allerersten Ranges [...] richtig heranzukommen”, den “Problemkreis” jener Dimension, die “zu den sonstigen Dimensionen [...] der Länge und Breite [...] hinzutritt [...] richtig zu entfalten”, um so eine “künftige Lösung” erst einmal “anzubahnen”, (in: ders., Probleme der Wertlehre, a.a.O., S. 136). Gottls Programm erinnert an Heideggers bloßer Entfaltung seiner Seinsfrage oder besser an Adornos Programm zur enzyklopädischen Erforschung der “Abstraktheit des Tauschwerts”, der Realabstraktion.

[ 60 ] Albert “entdeckt”, daß im Gutsbegriff “eine Machtkomponente und eine Wertkomponente enthalten ist”, d.h. “Verfügungsmacht” durch die “bewerteten Aspekte der Situation” (Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidungslogik. Zur Kritik der reinen Ökonomik, Tübingen 1998. S. 46.) Er versperrt sich die Einsicht in den widersprüchlichen Doppelcharakter der Ware, indem er es wie noch jeder nominalistisch orientierte Theoretiker, indem er die von Schumpeter und Amonn beschriebene “Abstraktheit” dieser “Macht” – Adornos “Abstraktheit des Tauschwerts” – übergeht, damit den realen Widerspruch der Ware.

[ 61 ] Joseph Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt der Theoretischen Nationalökonomie, a.a.O., S. 293. Der Autor behauptet, daß “die Gemeinplätzlichkeit, die völlige Interesselosigkeit [...] ein Charakteristikum” der Geldtheorie ausmacht, daß die “Nationalökonomie weder über eine Geldtheorie verfügt, noch jemals verfügt hat”, S. 283, 286.

[ 62 ] Ernst Wagemann, Was ist Geld?, Oldenburg 1932. Dies “Vertrauteste” erscheine “als das Rätselvollste” lautet der erste Satz; es gehe um “Mächte, die unser Denken beherrschen [...] von ihm aber niemals gemeistert werden”.

[ 63 ] So die Charakterisierung durch Adorno, in: Theodor W. Adorno, Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit, Frankfurt/M. 2001, S. 34. In seiner “metaphysischen” Interpretation des Werts bezieht Simmel sich auf Fichtes “Ich” im Sinn eines “allbefassenden Bewußtseinszusammenhangs” (S. 15) und charakterisiert wohl auch in fichteanischen Sinn seine Geldtheorie als “transzendentale”, die also auf einer “Transzendentalphilosophie” (S. 158) beruhe.

[ 64 ] In: Kant-Studien 1970, wiederabgedruckt in: Bruno Liebrucks, Erkenntnis und Dialektik, Den Haag 1972, S. 266, 276, 280, 292. Der Geldtheoretiker Aldo Haesler stimmt Liebrucks- Kritik zu und postuliert, daß “sicher über Simmel hinausgegangen werden muß” (ders., Simmels Philosophie des Geldes, a.a.O., S. 225f, 251).

[ 65 ] >Theodor W. Adorno, Zur Lehre von der Geschichte und der Freiheit, a.a.O., S. 34 f. Es geht daher um eine “Theorie der Gesellschaft, welche die etablierten Formen des Wirtschaftens [...] ableitet” (Theodor W. Adorno, Soziologische Exkurse, a.a.O., S. 32).

[ 66 ] Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidungslogik, Zur Kritik der reinen Ökonomik. a.a.O., S. 135.

[ 67 ] Theodor W. Adorno, Einleitung in die Soziologie, a.a.O., S. 160ff und S. 236ff, 241. Albert bejaht ebenfalls Marxens “Akzentuierung des historischen Charakters der ökonomischen Kategorien” und dessen Verständnis des “Kapitalismus” als eine “historische Kategorie”, wobei es ihm auf die Erkenntnis der “Wandelbarkeit des Kapitalismus” ankommt, eine “methodische Herausforderung”, sofern “nach tiefer liegenden Gesetzmäßigkeiten” (Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., S. 313f) zu fragen ist; es sind dieselben ökonomischen und ökonomiekritischen Fragen, die zwar kaum Habermas, doch bekanntlich Adorno und Horkheimer beschäftigt haben.

[ 68 ] >G.W.F. Hegel, Vorlesungen über Rechtsphilosophie. a.a.O., Bd. 2, S. 263; “Was Geld ist, kann nur verstanden werden, wenn ‘man’ weiß, was Wert ist”; weil Hegel es nicht weiß, weiß er auch nicht, “was Geld ist”.

[ 69 ] Ebd.. Bd. 4, S. 228f; Hegel ist damit vertraut, wie “viel über das Geld gestritten” (S. 229) wird.

[ 70 ] Adolph Lowe, Politische Ökonomik, Frankfurt/M. 1965, S. 126.

[ 71 ] Andreas Paulsen, Neue Wirtschaftslehre. 3. Aufl., Berlin 1954, S. 162ff und S. 230; es gehe ihm um die Genesis der “objektiven Bildungen [...]. Die Beziehung zwischen dem [...] Verhalten aller einzelnen und den überindividuelle Bildungen” (S. 229). Doch dies bleibt ein programmatisches Postulat. In seinem vierbändigen Werk Allgemeine Volkswirtschaftslehre (1966) sind alle metaaökonomischen Reflexionen verschwunden.

[ 72 ] Alfred Amonn, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen Nationalökonomie, Neudruck mit einer Einleitung von Terence W. Hutchison, Klassische Studien der sozialwissenschaftlichen Theorie, Bd. 6, Wien u.a. 1996, S. 421.

[ 73 ] Julius Wyler, “Die ‘subjektive’ und die ‘objektive’ Seite der Grenznutzentheorie”, in: Zeitschrift für. Nationalökonomie, Bd. II, 1931; der angekündigte “zweite Aufsatz”, der die “Lösung” geben sollte, damit die “Begründung der Nationalökonomie als Geisteswissenschaft” ist nie erschienen (S. 336ff, 346f. 352).

[ 74 ] Walter Taeuber, Philosophie des Geldes. Ein Entwurf, a.a.O., S. 448. 452; weil “Geld etwas Reales” ist, ganz “unabhängig vom Materiecharakter”, sucht Veit seine “Realität” in einer “Schicht des geistigen Seins” (ebd., S. 523).

[ 75 ] Raymond Boudons, “Die Erkenntnistheorie in Georg Simmels Philosophie des Geldes, A. Cavallis. Politische Ökonomie und Werttheorie in der Philosophie des Geldes”, in: Jeff Kintzele/ P. Schneider, a.a.O., S. 113, 124; 166, 169.

[ 76 ] Albrecht Forstmann, Geld und Kredit, I. Teil, a.a.O., S. 136.

[ 77 ] Alfred Amonn, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen Nationalökonomie. a.a.O. S. 338.

[ 78 ] Karl Marx/Friedrich Engels, Gesamtausgabe, II. Abt., Bd. 4.1. Ökonomische Manuskripte 1863–1867. S. 67 und S. 122.

[ 79 ] Theodor W. Adorno, Vorlesung über Negative Dialektik, in: ders., Nachgelassene Schriften. Bd. 16, Frankfurt/M. 2003, S. 195; den Begriff “realer Unterschied” verwendet Adorno im Hinblick auf den Unterschied von Wesen und Erscheinung; S. 144.

[ 80 ] Siehe hierzu auch: Theodor W. Adorno, Soziologische Exkurse, a.a.O., daß der “Lebensprozeß sich über den Köpfen und durch sie hindurch vollzieht” S. 61; ferner: Theodor W. Adorno, Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit. a.a.O., S. 39, 41 ff, 141, 169.

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