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“Nie wieder!”

Zur Kritik des linken Antifaschismus im deutschen Nachfaschismus

Joachim Bruhn

“Das Interesse hat kein Gedächtnis, .denn es denkt nur an sich. Das eine, worauf es ihm ankommt, sich selbst, vergißt es nicht. Auf Widersprüche kommt es ihm nicht an, denn mit sich selbst gerät es nicht in Widerspruch.”
Karl Marx

“Geschichte setzt Gedächtnis voraus.”
Theodor W. Adorno

Der 30. Januar: Feierlicher Einbau des Sinns in die deutsche Geschichte

Der fünfzigste Jahrestag des Beginnes der deutsch-kapitalistischen Barbarei ist, wie zu erwarten stand, zum Großkampftag all der interessierten Aufklärer geworden, die wie selbstverständlich auf dem historischen und sozialen Boden des Nachfaschismus stehen und die Resultate des Hitlerismus zur naturgegebenen Grundlage ihrer Politik nehmen. An einem solchen Feiertag nachgereichter Antifaschismus ist nicht nur hilflos. Denn indem er den Faschismus im nachhinein noch vernünftige Seiten abzugewinnen vermag – und sei es auch die in den Konzentrationslagern erwiesene moralische ’Sauberkeit‘ auch der Kommunisten, die belegen hilft, daß sie, trotz interessierter Propaganda von rechts, gute Menschen und solidarische Nachbarn sind – hilft er, eine Geschichte zu erzeugen, mit der und von der sich leben läßt. Traditionsbildung statt kritischen Eingedenkens, historische Rückversicherung statt kalter Verzweiflung und borniertes Pathos anstelle einer Sprache, die die Leiden der Opfer in sich aufgenommen hätte: Aus dem Jahrestag der Machtübertragung wurde eine Gratulationscour der nachfaschistischen deutschen Gesellschaft, die sich der Tragfähigkeit ihrer Fundamente versicherte.

An Möglichkeiten, dem deutschen Faschismus im nachhinein mit preußischem Hegel eine “List der Vernunft” zu attestieren, die neben seiner traurigen Notwendigkeit auch seine vertrackt dialektische Nützlichkeit für den Fortschritt deutscher Menschheit beglaubigt, besteht kein Mangel. Die einst elitäre Kunst, sich des Sinnes einer Sache im metaphysischen Handstreich zu bemächtigen statt mit Hilfe empirisch-materialistischer Vernunft, ist gerade durch die Nazi-Ideologie zu einem von jedermann ausübbaren Handwerk demokratisiert worden. Ideologisches Do-it-yourself läßt denn auch ganz spontan zu dem Werkzeug greifen, das ohnehin vorgeschrieben ist.

Aus einer Geschichte, mit der sich leben läßt, kann auch gelernt werden. Leben läßt sich am besten, wenn man lernt, die Opfer, die das Überleben kostet, zu vergessen. Das Vergessen gelingt mit der Weigerung, der Opfer nicht als sinnlose Opfer zu gedenken, sondern sich selbst den Auftrag zu verleihen, sie nicht umsonst, für nichts und wieder nichts, ermordet sein zu lassen. Die posthume Rettung der Opfer ist die politische Praxis der Festtagsredner des deutschen Nachfaschismus. Zugestanden werden kann, daß “die Greuel der Nazizeit aus dem Rahmen ’der Zeit fallen” (Willi [ 1 ] nicht aber, daß unsere Zeit selbst aus dem Rahmen fällt.

Antifaschismus aus Staatsraison

Der staatstragende Antifaschismus gewinnt den Sinn der Geschichte entweder konservativ, indem er den Faschismus als neues Kapitel im Handbuch praktischer Staatsweisheit einträgt, oder sozialdemokratisch, indem er zu erklären vermag, wie sehr auch in den barbarischsten Formen von .Herrschaft doch ’in letzter Instanz‘ die sozialen Fortschritt verbürgende Heilslogik des Industrialismus inkognito am Werke ist, sich der Barbarei nur als eines akkuraten Mittels der Notwehr bedient.

Den Konservativen liegt der Sinn des Faschismus darin zu lernen, daß der Staat nur der Staatsraison und nicht privater Willkür zu dienen habe, d.h. zuerst dem Gebot seiner Selbsterhaltung als intaktem Apparat und dann erst seiner Machtausdehnung. Hitler hat ein Lehrstück gegeben, wohin es führt, diese Prioritäten nicht kennen zu wollen, von Staatsraison also nichts zu verstehen. So kann denn Sebastian Haffner in seinen “Anmerkungen zu Hitler” dem Schöpfer der perfektesten deutschen Polizei, die es jemals gab, vorwerfen: “Hitler interessierte sich nicht für den Staat, [ 2 ] Ein Bismarck hätte spätestens nach der Münchener Konferenz von 1938 die Expansion beendet, wo Hitler nur zeigte, wie wenig Staatsmann er war und sich gleich mit der ganzen Welt anlegte. Der Ertrag Hitlers für die staatsbürgerliche Bildung ist zufriedenstellend, wenn die Deutschen gelernt haben, wie wichtig es ist, darauf zu achten, daß nicht niedrige Charaktere die große Maschine lenken. Gleichzeitig aber darauf, daß Staatsmänner nicht mit Begriffen einer Moral beurteilt werden dürfen, die für Zwecke der Staatsraison zu unflexibel ist: “Das Unangenehme, aber Unvermeidliche zum Verbrechen erklären, hilft nicht weiter. Ebensogut wie den Krieg könnte man auch den Stuhlgang zum [ 3 ] Die tiefere Einsicht in den Stoffwechsel des Staates erweist sich in dem Verzicht, Lust an chronischem Durchfäll zu gewinnen.

Antifaschismus aus Angst vor Reibungsverlust

Im Gegensatz zur konservativen Spielart des nachfaschistischen Antifaschismus, der Hitler letztlich nur vorzuwerfen hat, er habe den Krieg .nicht gewonnen, argumentiert die sozialdemokratische mit den sozialen Unkosten des Faschismus. Weimar, Demokratie ohne Demokraten, habe nicht das nötige Maß gesellschaftlicher Vernunft aufgebracht, den säkularen Weg aus dem Obrigkeitsstaat in die freiheitlich-industrielle Massengesellschaft und zur westlich-pluralistischen Modernität aus eigener Kraft zu beschreiten. Daher war die in der Logik des Industrialismus liegende Modernisierung der Sozial Verhältnisse gezwungen, sich von der eigentlich in ihrem Wesen liegenden Demokratie zeitweilig abzukoppeln und zur Modernisierung ohne Subjekt zu werden. Wider Willen schuf- Hitler .so die Grundlagen Bonner Freiheit. Gegen seine Absicht, so Richard Löwenthal, hat seine Politik die vordemokratischen Junker und Schlotbarone so gründlich ruiniert, daß sie den ;Weg Westdeutschlands in die industrielle Demokratie nicht mehr zu hemmen vermochten. Daher konnten die Alliierten “einen wesentlichen Teil der Leistungen einer demokratischen Revolution auf [ 4 ]

Nicht umsonst sind die Opfer gewesen, wenn die Deutschen daraus gelernt haben, die Gebote der industriellen Entwicklung künftig auf freiheitlich-demokratische Weise selber zu exekutieren, um nicht erneut von gewalttätig-listiger Vernunft dazu gezwungen zu werden. Der Faschismus ist so zur Kraftzentrale der Geschichte als einer pädagogischen Anstalt geworden. Aus ihr zu lernen heißt, sich ihrem Sinn unterzuordnen, um soziale Unkosten zu vermeiden. Die Sozialdemokratie empfiehlt .sich als Partei einer humanen, weil reibungslosen Geschichtsnutzung und erklärt, mit ihrer Hilfe könne man auch ohne Schaden einmal klug sein.

Antifaschismus als politisches Kleingeld stalinistischer Geschichtsverwaltung

Wie die Spielarten des staatstragenden Antifaschismus profitiert auch der staatskritische davon, daß die Opfer sich des ihnen nachträglich zugedachten Sinnes nicht mehr erwehren können. Gegen Konservative und rechte Sozialdemokraten erklärt der Antifaschismus der Volksfront, noch immer sei das Vermächtnis nicht gehört und noch immer aus der Geschichte nicht genug gelernt worden. Nur eine einige Arbeiterbewegung könne die demokratische Legalität bewahren und sozialistisch vertiefen. Wer heute, angesichts des zunehmenden, staatlich protegierten Rechtsradikalismus “Wehret den Anfängen” fordere, der müsse zuerst die Einheitsfront der Arbeiter schaffen und zur Volksfront der Demokraten ausweiten helfen.

Über der banalen Richtigkeit dieser Forderung sollen die näheren Geschäftsbedingungen, zu denen die Einheit mit den Parteigängern des asiatischen Despotismus zu haben ist, getrost vergessen werden. Die zürn politischen Mythos aufgeblasene Einheitsparole erschlägt im nachhinein noch einmal diejenigen, die im Interesse der Herstellung ihrer konkret-stalinistischen Form das Leben schon lassen mußten. Wie etwa Andràs Nin, der Vorsitzende der linkssozialistischen spanischen Partei POUM, deren Politik, die Republik durch Revolution gegen Franco zu schützen, den [ 5 ] Der staatskritische Antifaschismus der DKP und der Vereinigten der Verfolgten des Naziregimes (VVN) baut systematisch auf der Vernichtung des historischen Gedächtnisses auf und lebt davon, daß nicht mehr gewußt wird, wie weit die Politik der Volksfront kaum mehr ist als die Politik der Moskauer Prozesse und [ 6 ]

Kritik am Antifaschismus der Volksfront wäre nur langweilige Wiederholung [ 7 ] hielte sie sich damit auf nachzuweisen, daß dieser Antifaschismus nichts weniger als die Verhinderung eines neuen 1933 zum Ziele hat (wozu er außerdem konstitutionell unfähig ist), sondern die Legitimierung des Parteikommunismus als eines “im Interesse der Demokratie unabdingbar notwendigen Bestandteils des deutschen Parteienspektrums” (Herbert Mies). Wie sich die DKP unter gezielter Benutzung ihrer Opfer ins bundesrepublikanische Parteienkartell hineinmogeln möchte, ist ihre Sache und daher unter dem Niveau marxistisch noch möglicher Kritik. Und wie es möglich ist, daß auf Veranstaltungen der VVN Altkommunisten mit Tränen in den Augen von ihren Erfahrungen als InterBrigadisten in Spanien erzählen, um dann, befragt etwa nach András Nin, kaltlächelnd zu erklären, das sei eben “trotzkistisches Gesindel”, wäre Gegenstand einer Sozialpsychologie des Stalinismus und seiner spezifischen Prägung [ 8 ] Und wie es möglich wurde, daß die Erfahrungen der deutschen Kommunisten in Widerstand und Lager schließlich von der Gruppe Ulbricht und der SED monopolisiert wurden, um als politisches Kleingeld zum Aufbau der moralischen Respektabilität des westdeutschen Kommunismus nach dem KPD-Verbot 1956 benutzt zu [ 9 ] Während bei der Gründung der VVN 1947 in Frankfurt die Führung der Organisation in den Händen von Überlebenden der Lager lag, bei den Unterzeichnern des “Manifestes von Buchenwald”, liegt sie heute, nach dem Auszug der Sozialdemokraten in den 50er Jahren, der Gründung der “Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten” und der Erweiterung der VVN zum VVN/Bund der Antifaschisten, die 1969 die Mitgliedschaft der MSB Spartakus-Generation ermöglichte, eindeutig in den Händen des Parteiapparates der DKP, die Antifaschismus als Mittel zur Nachwuchsrekrutierung benutzt. Hans Mayer konnte 1947 noch, in der Hoffnung auf einen gesellschaftsübergreifenden antifaschistischen Konsens, erklären: “Darum ist die VVN so ungeheuer wichtig, weil man hier nicht fragt, bist Du Liberaldemokrat, bist Du CDU-Mann oder Kommunist oder Sozialdemokrat, bist Du ein rassisch Verfolgter, religiös Verfolgter, politisch Verfolgter, sondern weil nur eine Frage stellen: Hast Du Dich durch Deine Person, Deinen Einsatz und Deine Opfer in der Vergangenheit bewährt als Kämpfer gegen die Bestialität, ja oder nein? Und wenn diese Frage mit ja beantwortet wird, so gibt es für [ 10 ] Heute ist die VVN nicht mehr die antifaschistische Einheitsorganisation von 1947, heute ist ihre Einheit nicht mehr real, sondern politischer Mythos der “antimonopolistischen Politik” der DKP, in deren Strategie die demokratische Einheit einen genau plazierten Stellenwert einnimmt, eben den, den “Antikommunismus als Grundtorheit des Jahrhunderts” (Carl von Ossietzky) vorweg auszuräumen. Ein Satz, der richtig war, als Kommunismus in Deutschland auch noch den Rosa Luxemburgs bedeutete, wird, bezeugt durch die moralische Integrität einer Selektion repräsentabler Opfer und ihr Leiden, zum moralischen Pfund, mit dem der Staatskapitalismus des Herbert Mies wuchert.

Dimitroff und Auschwitz

Mehr als ärgerlich ist jedoch, daß der parteikommunistische Verlust des historischen Gedächtnisses den staatskritischen Antifaschismus – und damit auch den sozialistischen, der unter dessen Monopol erdrückt wird – zu gesellschaftlicher Ungleichzeitigkeit verurteilt. Politik, die nach Art der antifaschistischen Volksfrontpolitik mit dem Argument gegen Berufsverbote opponiert, es handle sich hier um die angedeutete Neuauflage des “Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” von 1933, trägt zur Verniedlichung der faschistischen Barbarei bei und bestärkt, was zu verhindern sie anstrebt. Wenn, wo Kommunisten nicht die Post austragen, Lokomotiven führen oder Kinder unterrichten dürfen, ein neues 1933 nicht fern sein soll, dann mag dies zwar manchem gewerkschaftlich orientierten Studienrat zu dem schmeichelhaften Bewußtsein verhelfen, er sei bedroht und daher auch gefährlich. Darüber hinaus bringt es nur den zweifelhaften Erfolg, den fehlenden Begriff spätkapitalistischer Vergesellschaftung, die in Deutschland zudem eine nachfaschistische ist, durch politische Instrumentalisierung des vergangenen Grauens zu ersetzen. Angst vor Wiederholung verhindert so die rationale Furcht vor der Gegenwart, deren Verständnis auszugehen hätte von den bleibenden, durch keinerlei nachgereichte Volksfront wiedergutzumachenden Resultaten des Faschismus. Die drohende und schon begonnene autoritäre Transformation von Gesellschaft und Staat baut auf Verhältnissen auf, die selber schon das “Nie wieder so!” bedeuten.

Was gegenwärtig das öffentlich-politische Monopol auf Faschismuserklärung behauptet, macht sich, indem es nicht von den Vernichtungslagern, nicht von Auschwitz, Majdanek und Treblinka als der Wahrheit des Faschismus ausgeht, von der aus sein Begriff zu bilden wäre, der [ 11 ] Eine Verharmlosung, die zum Zentrum macht, was der Faschismus mit autoritären ’Regimes und Militärdiktaturen gemein hat, und nicht, was ihn als eigenständige Gesellschaftsform auszeichnet: die Vernichtungslager. Faschismus ist dann nicht, was er war: “Aufhebung des Kapitals auf den Grundlagen des Kapitals” (Marx), d.h. Barbarei, sondern Ausnahmezustand, ’Notstand‘, in dem sich der Staat vom Recht emanzipiert und es folgerichtig suspendiert. Dem staatskritischen Antifaschismus symbolisiert sich das tausendjährige Reich brennpunktartig im Verbot der Arbeiterparteien, im Reichstagsbrandprozeß gegen Dimitroff, im Krieg gegen die Sowjetunion und in den Bilanzen der Firma Krupp. Fixiert auf die Politik, in Bann geschlagen durch die Ökonomie, bleibt die Vermittlung, die das Spezifische ausmacht, rechts liegen.

Darin zeigt sich, daß Ernst Blochs Kritik an der KPD von 1935 dort heute noch nicht angekommen ist: “Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, [ 12 ] Und was aus den Menschen seit damals geworden ist, bleibt noch mehr außerhalb der Betrachtung. Zwischen den mechanischen Mahlsteinen von Basis und Überbau, die die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus mit endloser tibetanischer Geduld in Bewegung hält, wird bis zum Verschwinden kleingearbeitet, was der Faschismus an der Vermittlung, an der Sozialpsychologie der Arbeiterklasse und der Gesellschaft bleibend geändert hat. Ihren Adressaten, den die Volksfront, schon als es noch nicht zu spät war, nicht erreicht hat, gibt es heute gar nicht mehr. Die Volksfront ist zur Halluzination geworden, zur Volksfront ohne wirklichen Gegner, weil sie nicht wahrhaben kann, daß das, was der Theoretiker der SAPD, Fritz Sternberg, schon vor 1933 als den [ 13 ] [ 14 ] fürchteten, tatsächlich eingetreten ist. Der andauernde Sieg des Faschismus, der bleibende Erfolg der von ihm bewirkten Wende “vom Proletariat zum Arbeitertum” (so eine faschistische [ 15 ] scheint StamoKap überblendet durch die Redemokratisierung des politischen Systems und das Weiterwirken der Krisentendenzen des Kapitals nach 1945. Sein politisches Programm kann sich daher beschränken auf das Nachholen der 1945 ausgebliebenen antifaschistisch-demokratischen Revolution, d.h. auf das Weitertreiben der Demokratisierung zu ihrem Ende, der Aufhebung der Krise durch antikapitalistische Verstaatlichung.

Mitleid statt Solidarität

Bemüht, das 1933 und 1945 Versäumte nachzuholen, wird die Ungleichzeitigkeit der Volksfront tragisch. Bei Demonstrationen gegen die Berufsverbote sieht man oft in der ersten Reihe die einst Verfolgten in der Uniform ihrer Gefangenschaft aufmarschieren. Die Überlebenden agitieren in der Kluft der Lager gegen die Wiederholung einer Barbarei, die nicht mehr notwendig ist. Darüber werden sie aus Opfern zu Funktionären und Schaustellern ihrer Leiden. Als linke Berufsopfer führen sie ihren ungleichzeitigen Kampf gegen rechte Berufsvertriebene und glauben an die moralisch aufrüttelnde Kraft ihres Gefangenenzuges, der schon beim ersten Mal kaum jemanden mehr als nur gerührt hat. Als aufrechte Altkommunisten setzen sie sich in wohlmeinend aufklärerischer Absicht den gewaltlüsternen Blicken der schweigenden Mehrheit aus, die insgeheim schon wieder der Meinung ist, Sträflingsjacken stünden der Linken am besten. Die Opfer von gestern zeigen sich als die Opfer von morgen und hoffen, über, Partei grenzen hinaus Mitleid zu wecken und es umzuschmelzen in demokratisches Engagement, gerade so, als gäbe es noch den Umschlag von Mitleid in Solidarität, gerade so, als sei nicht der gesellschaftlich notwendige Bedarf an öffentlicher Gefühlsbekundung durch präsidentiale Neujahrsaufrufe zu bürgerlich-sentimentaler Caritas schon abgedeckt. Die Zeiten, wo einer als reine leidende Menschheit noch auf mehr als das Linsengericht der Caritas hoffen durfte, sind 1933 abgelaufen in Deutschland: die Tatsache des Verfolgtseins spricht, wird sie Öffentlich, nur um so mehr für das Recht des Verfolgers auf Notwehr.

Wenn das Verwaltungsgericht Kassel einem türkischen Asylbewerber erklärt, “daß Folter keine politische Verfolgung ist, weil sie der [ 16 ] dann ist zwar mit diesem Menschen – sei er auch Türke - Mitleid, rein menschlich gesehen, nicht unmöglich, was aber an der Tatsache, daß er eigentlich nichts ist als ein mit schmerzempfindlicher Körperlichkeit belastetes Rechtssubjekt und daher Staatseigentum, keinen Deut ändert. Da in der Türkei – so heißt es weiter – die Folter nicht einmal eine Ausnahme, sondern Regel ist und jeden trifft, könne der Antragsteller nicht erwarten, ein deutsches Gericht käme seinem Wunsch nach Verzicht auf die staatsbürgerliche Gleichheit durch Gewährung des Asyls nach. In Deutschland kommt jeder zu seinem Recht, gerade dann, wenn er daran zugrunde geht. Wer noch einmal durch Flucht wähnt, davongekommen zu sein, wird verwiesen auf die Allgegenwart des Terrors, von dem eine individuelle Ausnahme zu machen nur höchst undemokratische Privilegierung sei, mithin ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf Gleichheit vor dem Gesetz ohne Anschauung der Person. Wenn das Recht des Einzelnen auf körperliche Unversehrtheit und Leben zur Funktion des Staates geworden ist, dann wird es zum Gnadenerweis, den zu erteilen nur der Staat befugt ist, dem er gehört. Der Staat ist es, der Leben zeugt und vernichtet; er schafft das Leben durch Verleihung der Staatsbürgerurkunde, wo Mütter nur biochemische Auftragsarbeit leisten. Gelebt wird von Staats wegen.

Adolf Hitler war noch genötigt, seine Opposition gegen den Weimarer Rechtsstaat, der in formal-juristischer Rechtsform gelegentlich noch zugleich substantielle Gerechtigkeit bereithielt, unter der Parole [ 17 ] [ 18 ] des bürgerlichen Rechts, das die faschistische Unterscheidung zwischen Staatsbürgern mit allen Rechten und bloßen Staatsangehörigen nicht kannte, setzte Hitler das Menschenrecht des Einzelnen als Teil der Allgemeinen Zoologie, als Ameise seiner Rasse auf Überleben im Daseinskampf der einen gegen die anderen. Das Urteil des Kasseler Gerichts zeigt nun, wie Hitlers Sieg darin liegt, daß er sich überflüssig gemacht hat: endlich kann man, auch ohne die Ansicht, Türken seien rassisch minderwertig zu teilen, sie ihrer Rechte ungestraft zu Tode berauben, denn ’Staatsrecht verwirklicht Menschenrecht‘.

Die Politik des hilflosen Antifaschismus von links steigert noch den Sadismus potentieller Folterer dadurch, daß die Opfer sich freiwillig in Montur werfen und so den Folterer auf glückliches Zusammentreffen von Sadisten mit Masochisten hoffen lassen.. Indem die Altkommunisten sich als Opfer darstellen, die eigentlich selber nicht wissen, wie ihnen geschehen ist, stacheln sie den Gegner durch ihre Harmlosigkeit gerade noch an.

Überleben durch die Volksfront

Die politische Spekulation aufs Allgemein-Menschliche, aus dem Befreiungsenergie noch zu gewinnen sei, ist nicht nur Ausdruck taktischer Verlegenheit, sondern notwendige Folge der Theorie des StamoKap, der die materielle, zur Revolution treibende Dialektik abhanden gekommen ist. Dieser Rückzug auf das menschlich unmittelbare Interesse des Überlebens ist Produkt einer spezifischen Theorie des Kapitals, die ihrerseits zur systematischen Ausklammerung der Vernichtungslager führt.

Seit Georgi Dimitroffs Rede vor dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1935 wird der Faschismus in der stalinistischen Theorie erklärt als das Resultat einer enormen Zuspitzung des Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital, der wiederum nur die gesellschaftliche Erscheinungsform des strukturellen Gegensatzes zwischen sog. zunehmender Vergesellschaftung der Arbeit und privater Aneignung ihrer Ergebnisse darstellt. Vergesellschaftung der Arbeit, durch die Dialektik der Profitproduktion vorangebracht, bildet die materielle Garantie zukünftig sozialistischer Ökonomie, die im Schoße des Kapitalismus heran‘reift‘. Im Faschismus spitzt sich der Widerspruch zwischen objektivem, ’an sich‘ vorhandenen Sozialismus und subjektiver, willkürlicher Herrschaft des Kapitals über die Produktion derart zu, daß der Staat im Interesse des Kapitals zu Gewaltmitteln greift. Damit erreicht der Widerspruch seine äußerste Intensität, wird zum Antagonismus zwischen der absoluten Masse des Volkes und einigen wenigen, dafür jedoch besonders reaktionären und chauvinistisehen Monopolherren. Das Interesse der Arbeiterklasse wird in dieser Zuspitzung mit dem Interesse des Volkes identisch, das menschliche Interesse am Überleben selbst wird revolutionär und organisiert sich in der Volksfront zur antifaschistischen Form humanistischer Überparteilichkeit. In der Volksfront ist die Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners zugleich die Politik der KPD, weil objektiv die Revolution dieser Nenner ist. “Wir haben die entscheidende Tatsache zu verzeichnen”, schreibt Jürgen Kuczynski über die politischen Lehren des Faschismus für [ 19 ] “daß in den imperialistischen Ländern das Monopolkapital eine Schicht der Bourgeoisie, gegen die Existenzinteressen der Bourgeoise als Klasse herrscht. Unter der Herrschaft des Monopolkapitals findet eine Entwicklung statt, die sich ... gegen die Interessen der Bourgeoise als Klasse, gegen ihre physische Existenz richtet. (...) Eine winzige Gruppe von gesellschaftlichen Verbrechern aus der Klasse der Bourgeoisie steht objektiv der ganzen Nation gegenüber, die endlich auch subjektiv verstehen muß, daß das Monopolkapital die barbarische Inkarnation aller reaktionären, menschheitsfeindlichen, fortschrittshindernden, parasitären Eigenschaften ist, die dem Kapital immer angehaftet haben!” Da nach der Leninschen Theorie des Monopols dieses die höchste Form kapitalistisch erreichbarer Vergesellschaftung der Arbeit bedeutet, kann nicht eine in dieser Vergesellschaftung liegende negative Dialektik Ursache der Barbarei sein, sondern nur die herrschaftsgierige Willkür moralisch verwerflicher Elemente. Ihre Herrschaft ist Korruption und Manipulation, gegen die das Pathos des Überlebens zum Mittel wird, damit die Menschen ’endlich auch subjektiv verstehen‘, wie sehr es in ihrem objektiven Interesse liegt, am nackten Leben zu bleiben.

Aus dieser okkulten Konstruktion erwächst sowohl der auf die Dauer ermüdende Appell Charakter stalinistischer Politik als auch die ihm eigentümliche Reduktion antifaschistischer Propaganda auf bloßen “Aufkläricht” (Ernst Bloch). Nicht anders mehr kann Aufklärung geleistet werden als nach dem Muster des Indizienprozesses. Das Bemühen, die persönliche Verantwortlichkeit namhaft zu machen, den Kapitalisten ohne Revisionsinstanz zu beweisen, endet darin, die Namen all der Thyssen, Flick, Abs, Krupp und Konsorten wie magische Gebetsformeln endlos aufzusagen. Da die Mitschuld der negativ Vergesellschafteten und ihr positives Interesse am Faschismus nicht benannt werden können, ohne dem moralischen Appell ein Ende zu machen (der zugleich die StamoKap einzig noch mögliche Politik darstellt), betätigt sich diese Politik als die letzte aus der Zeit der Entnazifizierung noch übriggebliebene Ausgabestelle von Persil scheinen – diesmal an diejenigen, deren Schuld darin besteht, daß es immer so weiter geht, als hätte es Auschwitz nicht gegeben.

Auschwitz:
Verschrottung durch Arbeit als höchste Form negativer Vergesellschaftung der Arbeit

Soweit es die Ökonomie betrifft, liest StamoKap das Marxsche “Kapital” durchgängig nicht als Kritik, sondern als positive Theorie der kapitalistischen Produktion. Diese Lektüre verwandelt das “Kapital”, wie ausgerechnet der Urvater des Revisionismus Eduard Bernstein gegen den Mythologen der Vergesellschaftung Kautsky [ 20 ] aus dem nun abgelesen werden kann, wie von Staats wegen das Wertgesetz, das nach Marx als der Motor des Kapitals nur zerstört werden kann, ’auszunutzen‘ ist im Interesse einer von oben ohne die Selbstbestimmung der Produzenten geplanten Ökonomie.

Die Verherrlichung der immer und immer voranschreitenden Vergesellschaftung der Arbeit, die in der Setzung des Kapitals als [ 21 ] endet, ist der unmittelbare Grund für die Verharmlosung der Vernichtungslager in der Theorie des StamoKap. Gerade hier, am gewaltigsten Exempel der Reduktion des arbeitenden Menschen auf bloße unbelebte Natur, gnadenlos ausbeutbare, weil im Grunde ebenso wertlose Materie wie diese, zeigt es sich, daß diese Theorie es nicht vermag, kritische Mittel zum Begreifen des Umschlages von [ 22 ] zu mobilisieren. Der Sinn einer Arbeit ist ja nach ihren Annahmen nicht mit einem konkreten Gehalt wie der unmittelbaren Erfahrung der Arbeitenden selbst vermittelt, sondern ergibt sich aus dem Sinn des Gesamtzusammenhangs, innerhalb dessen sie geleistet wird. Aus dem großen übergreifenden Ganzen wird der einzelnen Arbeit der Sinn zugeordnet, wenn nicht zudiktiert. Der Repräsentant des Ganzen aber ist der Staat, der, durch die sozialistische Revolution [ 23 ] avanciert ist und seinen Herrschaftscharakter verloren, sich von ihm emanzipiert hat. In einem solchen Gesamtzusammenhang entspringt der gleichen Arbeit ein anderer Sinn. “So bedeutet z.B. die allgemeine Arbeitspflicht im System des Staatskapitalismus eine Knechtung der Arbeitermassen”, schreibt Nicolai Bucharin, “dagegen im System der proletarischen Diktatur ist sie nichts anderes als die Selbstorganisation der Arbeit durch die Massen; alle Formen des staatlichen Zwanges stellen bei der staatskapitalistischen Struktur eine Pression dar, die den Ausbeutungsprozeß sichert, ausdehnt und vertieft, während der staatliche Zwang bei der proletarischen Diktatur eine Methode des Aufbaus der kommunistischen Gesellschaft darstellt. Kurzum, die funktionelle Gegensätzlichkeit der formal ähnlichen Erscheinungen wird total bestimmt durch eine funktionelle Gegensätzlichkeit der Organisationssysteme, [ 24 ] Die Stelle kritischer Intervention ist innerhalb des “Organisationssystems”, d.h. der vergesellschafteten Arbeit, nicht auffindbar, ergibt sich aus dem Zweck ihrer Verwendung. Sind aber die konkret Arbeitenden damit aus der Bestimmung des “Klassencharakters” ihrer Vergesellschaftung ausgeschlossen, dann entscheidet letztlich, ob dem Staate eine “winzige Gruppe von gesellschaftlichen Verbrechern aus der Klasse der Bourgeoisie” (Kuczynski) vorsteht oder Menschen guten Willens. Damit hat sich die Marxsche Kritik entfremdeter und negativer Vergesellschaftung verwandelt in quasi-religiöse Metaphysik. Für Auschwitz folgt daraus die völlige theoretische Wertlosigkeit der Erfahrungen der Überlebenden der Lager im Zusammenhang des StamoKap. Diese Erfahrungen können nichts gegen die behauptete Fortschrittstendenz der kapitalistischen Entwicklung beweisen. Die Toten werden theoretisch gleichsam noch einmal liquidiert, indem die Theorie sie unter den allgemeinen Unkosten der Geschichte abbucht. Nur der parteikommunistische Flügel der Überlebenden bleibt praktisch benutzbar, repräsentiert er doch die Überlegenheit linker Moral auch unter barbarischsten Bedingungen.

Sozialpsychologie des Nachfaschismus

Die Ökonomie der Vernichtung durch Arbeit ist die Abkoppelung des Kapitals von jeder nur aufgezwungenen Rücksichtnahme auf die Gesetze der Reproduktion menschlicher Arbeitskraft. Die totale Ökonomisierung der Arbeitskraft befreit das Kapital von den Naturgesetzen nichtkapitalistischer Produktion von Leben, die nun als bloße Hemmnisse der Akkumulation beiseite geschoben werden. Karl Barthel, Gefangener im KZ Buchenwald, beschreibt einen gewöhnlichen Arbeitstag im Lager: “Um 3.45 Uhr wurde aufgestanden, 4.30 Uhr zum Appell platz ausgerückt. 19 Uhr war Einrücken, anschließend Appell, danach Einnahme des warmen Essens. 20 Uhr bzw. 20.15 Uhr mußten die Häftlinge, die Nachtarbeit hatten, bereits wieder angetreten sein und arbeiteten dann im Lichte der Scheinwerfer bis 24 Uhr, mitunter auch bis T.00 Uhr nachts. Den nächsten Morgen mußten sie aber genauso früh aufstehen wie die übrigen Häftlinge, also 3.45 Uhr. Dies ging nicht nur eine Woche, sondern viele Wochen, ja Monate ohne Unterbrechung vor sich. Häftlinge in der Tischlerei mußten 1937 einmal 3 Tage und Nächte hintereinander ohne zu schlafen arbeiten. Erst als sie vor den Maschinen zusammenbrachen, durften sie [ 25 ] Der Kampf um das Überleben in dieser mörderischen Arbeitsmaschinerie absorbiert alle verfügbaren Kräfte und läßt Solidarität unter den Häftlingen nicht aufkommen. Alle Energie der Selbsterhaltung opfern zu müssen, führt zur Zerstörung des Selbst, des Menschen als [ 26 ] mündet in dem Maße, da das Überleben gelingt, in der Zerstörung des Ich. Der Wille zu überleben führt zur unmittelbaren Gleichschaltung der spontanen Triebnatur mit den Geboten des produktiven Vernichtungsapparates. Das Lager erweist sich als gigantisches psychotechnisches Laboratorium, in dem das Ideal moderner Verhaltenspsychologie, die Auflösung der Persönlichkeit in ein Bündel beliebig auslösbarer Reflexe, nach Ausschaltung der “black box” des Ich möglich wurde. Die Lager haben so in einem barbarischen Experiment, ausgelöst durch den Kollaps des nationalen Kapitals, die in der allgemeinen Entwicklung negativer Vergesellschaftung der Arbeit angelegten Tendenzen realisiert. Die Sozialpsychologie der KZ verallgemeinert sich auf friedliche Weise zur Sozialpsychologie der nachfaschistischen Gesellschaft.

Der Faschismus hat die ökonomische Grundlage dieser Vergesellschaftung durch die Verwandlung der Arbeiterklasse in den Stand der mit produktiven Funktionen betrauten Staatsbürger geschaffen. Bei fortbestehendem Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital, den StamoKap so eifrig aus der Verteilungsstatistik des Sozialproduktes abzuleiten bemüht ist, ist die politisch-revolutionäre Übersetzung des Gegensatzes blockiert. Die Zerstörung des proletarischen Lebenszusammenhangs als der Quelle möglicher Selbstdefinition der Arbeiter als Proletariat zeigt den Erfolg der Taylorisierung. Was Walter Rathenau, Aufsichtsratsvorsitzender der EG, am Beginn der tayloristisehen Rationalisierungswelle nach 1918 forderte, ist Realität geworden, die “Entproletarisierung auf [ 27 ] Seine ökonomische Bestimmung, Lohnarbeiter zu sein, geht den Arbeiter als produktiven Staatsbürger nichts mehr an. Das [ 28 ] [ 29 ]

Eine Folge des verschwundenen Unterschiedes von Kapital, und Arbeit ist das Ende der Kluft zwischen Opfer und Henker. Liest man, wie noch Rudolf Höß als Kommandant von Auschwitz gezwungen war, die Häftlinge zum Mitmachen zu überreden; fühlt man sich seltsam von dieser vergangenen Form von Humanität berührt. “Von vorneherein war mir klar”, schreibt er, “daß aus Auschwitz nur etwas Brauchbares werden konnte durch unermüdlich zähe Arbeit aller, vom Kommandanten bis zum letzten Häftling. (...). Wollte ich meiner Aufgabe gerecht werden, so mußte ich der Motor sein, der unermüdlich rastlos zur Arbeit am Aufbau trieb und der immer und immer wieder alle vorwärtstreiben und mitreißen mußte, ganz gleich ob SS-Mann oder Häftling. Doch mußte ich auch die Widerwilligen vorwärtstreiben, wenn es nicht anders ging, [ 30 ] Kam es Höß darauf an, den letzten Rest einer Vetoposition des Einzelnen gegenüber dem Apparat zu überwinden, so ist heute der Einzelne von seiner Überflüssigkeit insgeheim so sehr überzeugt, daß er die Gebote des Apparates als Schicksal begreift und autonom exekutiert. Von Auschwitz nach Jonestown verläuft ein Weg abnehmender Humanität, verschwindender Nützlichkeit konkreter Individualität. Sollte Auschwitz noch nach dem Modell freundlicher Sozialpartnerschaft organisiert werden, so konnte in Jonestown auf friedliche Überzeugung bereits ganz verzichtet werden, weil gewußt und bejaht wird, was von außen droht.

Betrachtet man die Sozialpsychologie der Vernichtung genauer, so findet man die Vernichtung all dessen, was sich naive Aufklärung insgeheim noch immer unter ihrem Adressaten vorspiegelt: das autonome, dem rationalen Argument zugängliche Individuum bildungsbürgerlicher Prägung. Leo Löwenthal hat 1945 in einer ersten Psychoanalyse der Überlebenden dessen definitive Vernichtung [ 31 ] wie der amerikanische Psychologe William G. Niederland, der in den sechziger Jahren Gutachten für Überlebende, nach 1945 emigrierte deutsche Juden erarbeitete, die Anträge auf [ 32 ]

Die Überlebenden befinden sich danach in einem “moralischen Koma”, in einem Zustand völliger Apathie gegen die gesellschaftlich als Moral aufgerichteten Hemmungen, im Interesse der Selbsterhaltung zu allen Mitteln zu greifen. Die Abtötung des Über-Ich führt zur Unterwerfung des Ich unter die Befehle der Triebnatur und damit zum Kurzschluß zwischen den Anforderungen des Apparates und dem Überlebenswillen. In diesem Zustand lauert das Bewußtsein auf den stets gewärtigen, stets neu bedrohlichen, aber jedem rationalen Kalkül entzogenen Befehl, bereit, sich dem, was am wahrscheinlichsten gilt, vorweg anzupassen. Ein Leben, das sich derart auf dem Feld von herrschaftlichem Reiz und individuellem Reflex bewegt, zerfällt in eine Kette unzusammenhängender Schockerlebnisse und der reaktiven oder antizipativen Antwort darauf. Das Individuum wird fragmentiert, da eine Kontinuierlichkeit von Erfahrung und Erinnerung nicht mehr auszubilden ist und es seine eigene Biographie nicht mehr als sich selbst gehörig schlüssig begreifen kann. Die Enteignung des eigenen Lebenszusammenhanges und seine neue Gestalt als eines reinen Materials der Verwirklichung des Apparates zerstören mit dem Gedächtnis zugleich die Geschichte. Die Erlebnisse können sich nicht zu Erfahrungen ausbilden, die Beurteilung einer Situation entzieht sich den kognitiven Möglichkeiten des Individuums. Die Gesellschaft erleidet den “Rückfall in eine kollektive Infantilität” (Löwenthal).

Die Grunderfahrung der Lager, die “Reduktion des Individuums auf die Wertlosigkeit eines potentiellen Kadavers” (Löwenthal) bewirkt, daß die Überlebenden unfähig sind, sich selbst zu erklären, warum sie davongekommen sind. Um das Ereignis überhaupt zu begreifen, entwickeln sie das “Überlebenden-Syndrom: Seelenmord” (Niederland). Der einzig denkbare Grund, davongekommen zu sein, ist, sich selbst an der Vernichtung beteiligt zu haben und daher verschont worden zu sein. Nur indem sie diese kontrafaktische Überlebensschuld auf sich nehmen, ist es ihnen möglich, sich selbst als Subjekt ihrer Biographie zu fingieren. Die Opfer fühlen sich schuldiger als ihre Mörder. Was einst nur für Revolutionäre galt, Tote auf Urlaub zu sein, ist ihre Gegenwart: “Viele, der noch im letzten Moment aus den Klauen der SS Geretteten sind heute lebende Tote” (Niederland).

Die Wahrheit des Faschismus, die Vernichtungslager, wird von den Überlebenden als psychische und physische Krankheit individuell erlitten. Aber auch an den Nachlebenden hat sich die Entlastung des Apparates durch Privatisierung seiner Unkosten als einem andauernden Vorgang ausgewirkt. Insgeheim ahnen alle ihre Überflüssigkeit, hängt doch das Recht auf Leben unmittelbar davon ab, daß der Apparat den Einzelnen mit einer produktiven Funktion betraut. Dieses Wissen scheint einer der Gründe dafür zu sein, daß die Arbeitslosigkeit weder die Arbeitslosen noch die noch Arbeitenden anders politisiert als in harmlos sozialdemokratischer Weise. Nichts liegt näher als der Kampf für die Erhaltung und Ausdehnung des produktiven Apparates. Überlebende und Nachlebende wissen genauer um das Wesen des Faschismus, als ihnen die Propaganda des Volksfront-Antifaschismus zugestehen kann. Seine Überlebensappelle verhallen, da er unter dem Niveau seines Gegners liegt. Angesichts ihrer zu ahnenden Aussichtslosigkeit liegen die größeren Chancen des Überlebens allemal auf der Seite des Apparates - auch im Krieg sind die Verluste der Armee schließlich niedriger als die der Zivilbevölkerung – und wenn es zudem um nicht mehr als das Überleben geht, lohnt es sich nicht einmal, sich dafür zu engagieren.

Linker Antifaschismus im Nachfaschismus

Und es lohnt sich um so weniger, als ja auch dieser Antifaschismus die Position seines Gegners teilt, wenn es um das Urteil über die moralischen Qualitäten eines Individuums geht. “Nirgends kommt der wirkliche ’Adam‘ so zum Vorschein wie in der Gefangenschaft. Alles Anerzogene, alles nicht zu ihm Gehörige fällt von. ihm ab. Nackt, so wie er wirklich ist, steht der Mensch da: gut oder schlecht”. Der dieses Urteil sich anmaßt, das ebenso zuhauf aus den Schriften1 der VVN zitierbar wäre, ist Rudolf [ 33 ] Wer letztlich keine besseren Oppositionsgründe gegen den Faschismus beibringen kann als eben die jeweilige moralische Natur der Menschen unter den Bedingungen des barbarischen Experimentes, gibt zu, daß er nicht wirklichen Widerstand zu organisieren vermag, sondern bestenfalls eine Gesinnungsgemeinschaft guter Menschen.

Zumal dann, wenn diese Gesinnungsgemeinschaft nichts anderes bezweckt als die Benutzung des produktiven Apparates zur Forcierung der Vergesellschaftung der Arbeit. Auch das “Manifest von Buchenwald”, die politische Erklärung der überlebenden Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten, forderte noch die “Befreiung der [ 34 ] in einem System des Staatskapitalismus. Eine Forderung, deren Dilemma es ist, außer der Fortschreibung eines proletaroiden Pathos und der Bewahrung des Andenkens an eine Zeit, als die Arbeiter in Deutschland revolutionär werden konnten, nichts zu bestärken, was nicht sowieso längst der Fall wäre. Denn wieder soll es der Staat sein, der der Arbeit den Sinn diktierte. “Aufbau und Führung der Volksrepublik sind nur möglich, wenn die Massen der Werktätigen in Stadt und Land in ihr ihren Staat sehen, ihn bejahen und bereit sein, für diesen Staat einzustehen”, fordert das “Manifest”. Unfähig zur Entwicklung einer konkreten Utopie nicht negativ vergesellschafteter Arbeit betreibt die Volksfront das Geschäft der Gegenseite.

Das Versäumte von 1933 und 1945 heute noch nachholen zu wollen, ist eine müßige Sache und ein schöner Zeitvertreib für Traditionsvereine. Die neuen sozialen Bewegungen, die nicht mehr auf die Befreiung der Arbeit zielen, sondern auf die von der Arbeit, müssen, des Faschismus eingedenk als der offenen Barbarei des Kapitals, der stillen und größeren durch Einverständnis der Opfer entgegenarbeiten. Das Mindeste dazu ist der Verzicht auf verdinglichte Formeln, wie sie das ideologische Do-it-yourself von Teilen der Alternativbewegung unwillkürlich anzieht. Es muß unmöglich werden, daß führende Exponenten der Umweltschutzbewegung, wie etwa Meinrad Schwörer von den Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen unter Überschriften wie “Im Lebensraum verwurzelt” nichts besseres zu fordern haben als das, was 1933 schon geschehen ist, die Rückkehr zum nichts als nur noch natürlichen Menschen: “Abseits der Großstadt leben, einen Garten oder ein Stück Ackerland zu bewirtschaften, auch Haustiere zu halten sind Dinge, denen in jüngster Zeit wieder ’viel mehr Gewicht beigemessen wird, als dies in Zeiten des ungehemmten Wirtschaftstrubels der Fall war. Und manch einer der jungen Generation durfte auch schon auf beglückende Weise von den verpflichtenden Unfreiheiten erfahren, die eine Bindung an das [ 35 ] Die philiströse Angst vor Enthemmung kokettiert immer noch mit dem trauten Raunen der Natur als ihrem nur scheinbaren Gegengift. Am Ende der beglückenden Bindung an das Lebendige um uns steht dann die bloße Fesselung an das einzig noch Lebendige in uns, den Selbsterhaltungstrieb, der sein Selbst zu liquidieren gezwungen ist.

Die Zeit, als der klassische Antifaschismus der Volksfront noch geholfen hätte, ist fast schon so selig wie die, als Handwerk noch goldenen Boden hatte. Erst müssen die Fragen anders gestellt werden, ehe gewußt werden kann, was das “Aus der Geschichte lernen” heißt und was Antifaschismus heute. Einstweilen sollte die Kritik eines Bewußtseins, das “Ganz entspannt im Hier und Jetzt” als Alternative anpreist, was gerade sowieso verlangt wird, Arbeit genug bieten.

Anmerkungen

[ 1 ] Willy Brandt, Die Toten und Gequälten appellieren an uns. Rede zum Gedenken der Reichskristallnacht vor der DGB-Jugend in Dachau, in: Frankfurter Rundschau vom 23.11.1982.

[ 2 ] Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler, schon 1978 in der 17. Auflage, München 1978, S. 111.

[ 3 ] Ebenda, S. 160.

[ 4 ] Richard Löwenthal, Gesellschaftswandel und Kulturkrise. Zukunftsprobleme westlicher Demokratien, Frankfurt. 1979, S. 206.

[ 5 ] Vgl. Julian Gorkin, Stalins langer Arm, Köln 1981; Pierre Broué/Emile Temine, Revolution und Krieg in Spanien. Geschichte des spanischen Bürgerkrieges, Frankfurt 1975, S. 362 ff.

[ 6 ] Vgl. Horst Duhnke, Die KPD von 1933 bis 1945; Pierre Frank, Geschichte der kommunistischen Internationale, Frankfurt 1981; Fernando Claudin, Die Krise der Kommunistischen Bewegung, Berlin (West) 1977

[ 7 ] Bernd Rabehl/FU-Projektgruppe DKP, Die DKP – eine neue sozialdemokratische Partei, Berlin 1969.

[ 8 ] Rudolf Bahro, Wahnsinn mit Methode. Über die Logik der Blockkonfrontation, die Friedensbewegung, die Sowjetunion und die DKP, Berlin (West) 1982, S. 96 ff.

[ 9 ] Vgl. Dietrich Staritz, KPD und Kalter Krieg bis 1950, und Alexander von Brünneck, Politik und Verfolgung der KPD seit 1948, beides in: Die Linke im Rechtsstaat, Bd. 1: Bedingungen sozialistischer Politik 1945-1965, Berlin (West) 1976 (Rotbuch 145).

[ 10 ] 30 Jahre VVN. Referate und Entschließungen der Gründungskonferenz 1947 in Faksimiledruck. Hrsg. i.A. des Präsidiums der VVN/Bund der Antifaschisten, Frankfurt 1977 (ohne Seitenzahlen).

[ 11 ] H.A. Winkler, Revolution, Staat, Faschismus, Göttingen 1978, S. 110 f.

[ 12 ] Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt 1962, S. 153.

[ 13 ] Vgl. Helga Grebing (Hrsg.), Fritz Sternberg. Für die Zukunft des Sozialismus Werkproben, Aufsätze, unveröffentlichte Texte, Bibliographie und bibliographische Daten, Köln 1981, S. 76 ff.

[ 14 ] Vgl. Ernest Mandel, Trotzkis Faschismustheorie, in: Helmut Dahmer (Hrsg.), Leo Trotzki. Schriften über Deutschland, S. 9-53.

[ 15 ] August Winnig, Vom Proletariat zum Arbeitertum, Hamburg/Berlin/Leipzig 1930. Im gleichen Verlag erschien auch Ernst Jüngers Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt.

[ 16 ] Zit. nach Jürgen Roth, Kotau vor der Junta – billiger Trost für Verfolgte. Wie einige deutsche Behörden und Gerichte mit Asyl begehren von Türken und Kurden umgehen, in: Frankfurter Rundschau, 1.12.1982.

[ 17 ] Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1S36, S. 105.

[ 18 ] ) A.a.O., S. 593.

[ 19 ] Jürgen Kuczynski, Die Barbarei – extremster Ausdruck der Monopolherrschaft in Deutschland, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 9. Jg. 1961, S. 1496 ff.

[ 20 ] Eduard Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Nachdruck der 2. Aufl. von 1921, Berlin/Bonn/Bad Godesberg 1977, S. 270.

[ 21 ] Karl Marx, Das Kapital. 3. Band: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion, Berlin (Ost) 1973, S. 412.

[ 22 ] Vgl. Wolfgang Pohrt, Theorie des Gebrauchswerts. Oder über die Vergänglichkeit der historischen Bedingungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt, Frankfurt 1976; Walter Wuttke-Gronenberg, Von Heidelberg nach Dachau. Vernichtungslehre und Naturwissenschaftskritik in der nationalsozialistischen Medizin, in: G. Baader/U. Schulz (Hrsg.), Medizin und Nationalsozialismus. Dokumentation des Gesundheitstages Berlin 1980 Bd. l, S. 113 ff.; Joachim Bruhn, Thesen zum nationalsozialistischen Arbeitsbegriff, in: Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstandes H. 5/1982, S. 57 ff

[ 23 ] Boris Meissner, Das Parteiprogramm der KPdSU 1903-1961, Köln 1962, S. 214.

[ 24 ] Nicolai Bucharin, Ökonomie der Transformationsperiode (1920), Reinbek 1970, S. 117 f.

[ 25 ] Karl Barthel, Die Welt ohne Erbarmen. Bilder und Skizzen aus dem KZ, Rudolstadt 1946, S. 49.

[ 26 ] Ebenda, S. 91.

[ 27 ] Walter Rathenau, Die neue Gesellschaft, Berlin 1919, S. 79.

[ 28 ] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 430

[ 29 ] Theodor W. Adorno, Reflexionen zur Klassentheorie, in: Ders., Soziologische Schriften I, Frankfurt 1972, S. 380.

[ 30 ] Rudolf Höß, Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen, hrsg. von Martin Broszat, München 1979, S. 91 und 99.

[ 31 ] Leo Löwenthal, Individuum und Terror, in: Ders., Schriften 3 – Zur politischen Psychologie des Autoritarismus, Frankfurt 1982, S. 161 ff.

[ 32 ] William G. Niederland, Folgen der Verfolgung: Das Uberlebenden-Syndrom Seelenmord, Frankfurt 1980

[ 33 ] ) Höß, a.a.O., S. 101.

[ 34 ] Zit. nach Wolfgang Abendroth, Aufstieg und Krise der deutschen Sozialdemokratie, Mainz 1974, S. 123 f.

[ 35 ] ) Meinrad Schwörer, Im Lebensraum verwurzelt. Oder der Rheinwald und Indianerbegegnungen, in: Badisch-Elsässische Bürgerinitiativen (Hrsg.), Wyhl. Der Widerstand geht weiter. Der Bürgerprotest gegen das Kernkraftwerk von 1976 bis zum Mannheimer Prozeß, Freiburg 1982, S. 148.

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