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Zuvor: Kurzer Rundgang in der Körper & Geist, Grauen & Co. KG

Initiative Sozialistisches Forum

Ein neuer Aggregatzustand von Herrschaft – die Psychokratie – scheint sich anzubahnen. Inmitten der unüberschaubaren Vielfalt der Encountergruppen und Selbsterfahrungstrainings, der Körper–, Bewußtseins- und Kreativitäts-”workshops” wird nur das Eine eingedrillt, was dann bei weiterer Zuspitzung der kapitalistischen Krise auf Abruf bereitstünde: die Bereitschaft zur fraglosen Hingabe an Autorität. Sie verspricht, den Menschen einen eigentlichen Grund ihres Lebens zu offenbaren, vor dem sie innerlich strammzustehen haben. Mit der Reklame, den Menschen etwas Gutes anzutun, schafft die Diktatur der Freundlichkeit den gesellschaftlichen Resonanzboden für die Freundlichkeit der Diktatur. Das therapeutische Angebot, das “Ich selbst” den Menschen zu renovieren, enthält nach Ideologie und Praxis schon den künftigen Zustand von Herrschaft, der schon immer deren Utopie war: Politik ohne Politik, Herstellung von Konsens durch Sozialtechnologie. Psychokratie als Form dieser Herrschaft ergänzt deren bisherige Mittel nur und schafft zugleich ein neues, repressives Ganzes durch ihre Begründung durch das ebenso alte wie schon wieder neue Prinzip von Legitimation: Leben.

Wenn als Ausweg aus einem zum bodenlosen Abgrund gewordenen Alltagsleben einzig, wie unter der Spalte “Körper & Geist” der alternativen “Tageszeitung” annonciert, “die totale Annahme und rückhaltlose Bejahung des Lebens” noch offensteht, dann zeigt sich, daß die bürgerliche Gesellschaft wieder einmal in die Sackgasse geraten ist und nur die totale Mobilmachung des letzten Mannes und des letzten Groschens ihr noch Zukunft schaffen kann. Nicht Diskurs und Vernunft, sondern sprachlose, autoritär anbefohlene Einfühlung ins “Prinzip Leben” stehen auf der Tagesordnung. “Das Leben ist kein Rätsel, das man lösen, sondern ein Geheimnis, das man leben muß”, weiß der Avantgardist der restlosen Anschmiegung ans “Eigentliche”, Bhagwan Shree Rajneesh. Die Mystifizierung banaler Biologie zielt auf Sozialbiologie. Die Vergötzung des mythischen Geheimnisses wird in der Praxis des Sozialdarwinismus, in der auf dem Verwaltungswege durchgeführten Auslese und Ausmerzung des schwachen und unwerten “Lebens”, münden. Schamanen, Wunderheiler, indische Yogis und Medizinmänner aller Kontinente geben der Begeisterung im Mittelstand fürs ganz und gar andere Leben mächtig Futter. Sie bereiten damit die nächste Panik im Mittelstand vor, die der tüchtigste Inflationsheilige dann zur Sanierung der Bilanzen nutzen kann. Nach und nach, gebremst oder gefördert durch den Fortgang der Krise, wird sich auf dem Wege natürlicher Konkurrenzauslese der wirklich charismatische Führer aus dem Heer der Demagogen herausarbeiten.

Die neue Verschmelzung von Therapie und Aberglauben zum therapeutischen Okkultismus ermöglicht den Deutschen die Wiedervereinigung mit präfaschistischer Lebensphilosophie. Sie beruft sich, im Unterschied zu den zwanziger Jahren, auf die ’Spontaneität‘ wahren Lebens und die ’Authentizität‘ sinnvollen Erlebens, anstatt das ’Volk‘ und die ’Rasse‘ zu bemühen. Ums Überleben im ’existentiellen‘ Endkampf gegen den inneren (und dann gegen den äußeren) Feind geht es gleichwohl. Die Rede vom ’lebensunwerten Leben‘ wird im therapeutischen Versuch, hinter der ’Rolle‘ den eigentlichen Menschen und guten Wilden zutage zu fördern, erneut gesellschaftsfähig. Es steht zu erwarten, daß sich das interessierte Selbstmißverständnis des therapeutischen Okkultismus – Sozialreform und Menschheitsverbrüderung zu wollen – in seiner objektiven gesellschaftlichen Wahrheit auflösen wird: die Wahrheit bloßer Kulturkritik bestand noch immer in der spitituellen Revolution, in der Geistrevolution. Die “Revolution des Herzens”, die Bhagwan Shree Rajneesh anempfiehlt, ist nur die Ideologie jener Sorte ’Selbsterfahrung‘, die ansonsten nichts zu erfahren wünscht als den störungsfreien Ablauf kapitalistischer Ökonomie.

Indiz des okkulten Aufbruchs zum Ursprung ist die zunehmende Verschleimung der Sprache. Da sie nicht Form objektiver Wahrheit sein darf, sondern als Vehikel zwischenmenschlicher ’Begegnung‘ und Hintertreppchen zum eigentlichen ’Anliegen‘ herhalten muß, wird sie zum Gleitmittel. Da sie nicht Wahrheit ist, sondern Placebos transportiert, fällt sie auf die vorsprachliche Form von Verständigung zurück. Sie wird zum Signal und erfüllt so ihre Funktion, den sozialen Befehl als Reiz auszulösen um dessen Befolgung als Reflex rückmelden zu können. Vor Jahren schon meldeten sich auf ein Inserat, das einen Wochenendkurs in “Nonverbaler Gesprächstherapie” feilbot, an die hundert Interessenten (“Die Zeit” vom 21.11.1980). Nur deshalb wurden sie nicht um ihr Geld geprellt, weil man sie nicht zahlen ließ: Der Inserent war kein Therapeut, sondern nur ein Gegenwartsforscher, der sich noch rechtzeitig über den Stand der Dinge informieren wollte.

Den Aufschwung des therapeutischen Okkultismus als “Kommerzialisierung legitimer Bedürfnisse” oder gar, wie linkerseits üblich, als krude Form “konkreter Utopie” mißzuverstehen und ihn als “Psycho-Boom” zu bespötteln, trifft die Sache nur halb und liegt daher ganz daneben. Natürlich: Wer etwas ’vermitteln‘ möchte, sei es ein Anliegen oder ein dringendes Bedürfnis, der schielt aufs Portemonnaie derer, die gerne den “Überfluß des inneren Selbst” (Bhagwan) verspürten, einstweilen aber nur einen Überdruß an den vielen Dingen, die angeblich arm machen, fühlen. Die Einrichtung einer Wechselstube, in der “Haben” gegen “Sein” getauscht werden kann, ist ein prima Geschäft. Dahinter steckt aber der blanke Neid, daß die Konkurrenz aufs bessere Pferd gesetzt hat; der gleiche Neid, der die Öffentlichkeit beim Konflikt zwischen Staats- und sog. Jugendsekten auf die Seite des Staates sich schlagen läßt. Ein Neid, der dann glatt die Schlagzeile überlesen läßt: “Abschaffung der Kirchensteuer wäre das Ende der Volkskirche” (Frankfurter Rundschau v. 3.10.84).

Derlei Sorgen quälen weder den therapeutischen Okkultismus noch Bhagwans Ashram-Bewegung. Deren Erfolg verdankt sich (in erster Linie) nicht dem ingeniösen Management, das die “Volkskirche” braucht, um sich über Wasser zu halten und er ist daher auch (in erster Linie) kein geschäftlicher. Das süßliche Gesummse vom “Selbst” übt einen ideologischen Magnetismus aus und stellt das geistige Zentrum dar, dem die Menschen wie die Lemminge entgegenströmen.

Vor der Kritik des “Ich selbst” blamiert sich die bürgerliche Öffentlichkeit regelmäßig, denn sie ginge ihr ans eigene Mark. Bhagwan Shree Rajneesh redet, zieht man die fernöstlichen Spezialitäten einmal ab, wie jedes Handbuch für Sozialarbeit oder für psychiatrischen Führungsstil im innerbetrieblichen Management. Schon an den Kapitelüberschriften eines Buches von Reinhard und Annemarie Tausch etwa, den Päpsten der Sozialarbeit, ist ersichtlich, daß der Unterschied bei unter einem Promille liegen dürfte: “Echter werden”, “Offener werden für gefühlsmäßiges Erleben”, “Sich selbst besser verstehen”, “Verantwortlich für uns und unseren Körper sorgen”, “Sich einfühlen in die seelische Erlebniswelt des anderen, ohne sie zu bewerten” (R. und A. Tausch, Wege zu uns, Hamburg 1983). Das letzte Kapitel ist überschrieben mit: “Wege zu uns im politischen Zusammenleben”. Hier zeigt sich, was sich der therapeutische Okkultismus unter seiner idealen Gesellschaft vorstellt: das Zusammenleben als permanentes Encounter und quasi-gesprächstherapeutische Situation, vom Betrieb bis zur Außenpolitik.

Was nach “Mehr Menschlichkeit” klingt, das bereitet deren endgültige Abschaffung vor. Hinterm Jargon der Eigentlichkeit, hinter der Phrase vom “wahren Selbst” versteckte sich schon immer Gewalt. Die psychologistische Verschleimung der Sprache bereitet die Gewalt ebenso vor wie sie schon heute die Psycho-Folter an den politischen Gefangenen in Stammheim und anderswo freundlich übersieht. Edgar Schein, Autor des Buches “Mensch gegen Mensch – Gehirnwäsche” und Professor für die Psychologie des Managements empfiehlt, was in den Gefängnissen längst praktiziert wird: “Anwendung von Techniken zur Charakterschwächung wie: Erniedrigen, Verunglimpfen, Schreien, um Gefühle der Schuld, Angst und Beeinflußbarkeit auszulösen – in Verbindung mit Schlafentzug, einem strengen Knastregime und regelmäßig wiederkehrenden Verhören” (nach: “Konkret”, Februar 1984). Das liest sich nicht zufällig wie eine Einladung zum “Enlightment Intensive” im Ashram, das darin besteht, sich vier Tage lang je achtzehn Stunden die staatspolizeiliche Frage “Wer bist du eigentlich” stellen zu lassen. Daß die, die in bürgerlicher Freiheit auf die Suche nach dem “wahren Selbst” sich begeben, Gehirnwäschetechniken an sich anwenden, die die Gefangenen des politischen Terrorismus erleiden müssen, ist mehr als eine objektive Ironie: hier drückt sich der Zynismus der Macht aus, der aus selbstgezeugter Autorität sein Opfer aufs “Eigentliche” reduziert, aufs nackte Leben. Wer ins therapeutische Jenseits des sozialen Konflikts, der, wie verquer auch immer, im politischen Terrorismus reflektiert, flüchten wollte, der findet statt einer Alternative nur Gelegenheit, den Terror an sich selber zu vollstrecken und über dem Gejammer übers eigene ’lebensunwerte Leben‘ vergessen zu machen, daß in den Gefängnissen die Selektion der Schwachen längst Alltag geworden ist. Der therapeutische Okkultismus arbeitet an der “allgemeinen Selbst-Verwaltung” (Andre Bejin), an der Basisdemokratie des Terrors, an der Psychokratie.

“Die absolute Einsamkeit, die gewaltsame Rück Verweisung auf das eigene Selbst, dessen ganzes Sein in der Bewältigung von Material besteht, im monotonen Rhythmus der Arbeit, umreiß als Schreckgespenst die Existenz des Menschen in der modernen Welt. Radikale Isolierung und radikale Reduktion auf stets dasselbe hoffnungslose Nichts sind identisch. Der Mensch im Zuchthaus ist das wirkliche Bild des bürgerlichen Typus, zu dem er sich in der Wirklichkeit erst machen soll”, schreiben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der “Dialektik der Aufklärung” [ 1 ]. Anders als im Ergebnis der Anwendung unmittelbaren Zwangs konnten sie sich selbst 1944 die Wendung auf “das eigene Selbst” nicht vorstellen. Die “Dialektik der Aufklärung” erweist sich angesichts des therapeutischen Okkultismus als nicht ausreichend negativ.

In gewissem Sinne ist die “Diktatur der Freundlichkeit” ein Buch wie Kraut und Rüben. Dies liegt auch am Gegenstand selber, dessen Dschungelcharakter eine systematische Analyse von vorneherein in das Totenreich von (Religions-)Soziologie, (Sekten-)Geschichte und Parapsychologie verweisen würde. Um die geschäftlichen Details der ’Machtergreifung‘ weiß man erst heute Mangel, der kaum für den ausgebliebenen Widerstand verantwortlich zu machen ist. Nur so ist auch das Augenmerk auf Bhagwan Shree Rajneesh zu rechtfertigen, obwohl der bestenfalls ein Siebzigstel des therapeutischen Okkultismus repräsentieren dürfte. Bücher über “Psycho-Boom” gibt es stoßweise; hätten die Autoren und Herausgeber alle gelesen, sie wären nur (noch) dümmer geworden. Über diese Literatur gilt: Wer eines gelesen hat, der kann die anderen selber schreiben. Das Reiseziel des therapeutischen Okkultismus kann im Angebot einer jeden Okkultfabrik unterm Buchstaben “T” wie “Tantra – Tanz – Tod” nachgeschlagen werden, daher dient der Aufsatz von Enrico Pozzi über das Massaker von Jonestown nur der Wiederholung. Der Abschnitt über die “Lieferanteneingänge zum wohltätigen Wahnsinn” kapituliert schließlich endgültig vorm therapeutischen Wildwuchs: Hier soll nur gezeigt werden, daß es mehr Sannyasins gibt als Menschen, die Malas um den Hals tragen und orange sich uniformieren. Sie zu zählen, das ergäbe eine unendliche Geschichte.

Im Rückblick auf 1933 schrieben Adorno und Horkheimer: “Der Fortschritt zur neuen Ordnung wurde weithin von denen getragen, deren Bewußtsein beim Fortschritt nicht mitkam, von Bankrotteuren, Sektierern und Narren.” [ 2 ] Daß der therapeutische Okkultismus lächerlich ist, beweist nichts gegen seine Gefährlichkeit. Die Diktatur der Freundlichkeit erscheint als die Harmlosigkeit in Person. Aber in welcher Verwechslungskomödie entlarvt sich der wirkliche Mörder schon im ersten Akt?

Anmerkungen:

1 Adorno, Theodor W./Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt 1971, S.202

2 Ebd., S.188

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