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Die Kritik zur Krise radikalisieren!

Initiative Sozialistisches Forum

Obwohl mit dem Marxismus keine Revolution mehr zu machen ist, läßt sich mit den Marxisten-Leninisten sehr wohl noch Staat machen. Der Widerspruch zwischen dem auf Null sinkenden Emanzipationswert des Marxismus als einer revolutionären Theorie und dem steigenden staatspolitischen Wert seiner Protagonisten ist nur einer auf den ersten Blick. Zwischen beiden Seiten besteht eine notwendige Relation. Denn im gleichen Maße, in dem sich der Begriff des Kapitals gesellschaftspraktisch realisiert und somit der revolutionsträchtige Unterschied zwischen dem Kapital als einer Produktionsweise und dem Kapitalismus als einer Gesellschaftsformation aufgehoben wird, steigt die Notwendigkeit der Verschmelzung von Politik und Ökonomie, steigen somit die politischen Chancen derjenigen Parteien, die unter dem Titel des Sozialismus den Staatskapitalismus anstreben. Inmitten der politischen Krise wird daher ein Projekt zunehmend attraktiver, das den ‘Staat des ganzen Volkes’, wie er dem Programm der KPdSU zufolge in der Sowjetunion realisiert ist, anstrebt. Programm und Form dieser sozialdemokratischen Parteien und ihres extremen linken Flügels, den Parteikommunisten, zielen auf den Wandel des Staates aus einem nur ideellen in einen endlich reellen Gesamtkapitalisten. Wird diese Diagnose blamiert dadurch, daß sie nur für die nationalrevolutionären Bewegungen der Peripherie und diejenigen kapitalistischen Länder wie Spanien, Frankreich, Italien gilt, die allesamt noch mit dem Bleigewicht kleinbäuerlicher, nur formell kapitalistischer Produktion zu kämpfen haben, nicht aber für die ältesten und fortgeschrittensten kapitalistischen Länder wie die BRD, England und die USA? Denn gerade hier ist doch das sozialdemokratische Zeitalter am Ende, hat Keynes ausgeträumt, agiert der Staat neoliberal und stärkt das Kapital auf eine andere als regulierende Weise. Wie erklärt es sich also, daß dort, wo, wie in England, mit der historisch frühesten bürgerlichen Vergesellschaftung oder, wie in den USA, mit der ‘reinsten’, weil ohne die historische Voraussetzung des Feudalismus beginnenden Vergesellschaftung oder, wie in der BRD, wo der Faschismus eben diese ‘Reinheit’ kapitalistischer Vergesellschaftung nachträglich schuf, die Kapitalisierung der Gesellschaft einerseits am weitesten fortgeschritten ist, andererseits von einem Machtgewinn klassisch proletarischer – d.h. heute staatskapitalistischer – Politik nicht die Rede sein kann?

Am Beispiel Deutschlands läßt sich dieser Frage genauer nachgehen. Deutschland, bis 1933 “das klassische Land der Ungleichzeitigkeit” (Ernst Bloch), bietet heute ein Bild stromlinienförmiger kapitalistischer ‘Modernität’. Nirgends, nur in den USA, ist der Weg in die “Aufhebung des Kapitals auf seiner eigenen Grundlage” (Marx), d.h. in die Barbarei, weiter beschritten. Aus dem Land mit der stärksten kommunistischen Bewegung nach Rußland und China ist es zu dem mit einer der schwächsten, gleichwohl noch vor den USA rangierenden geworden. Dies abrupte Ende der Arbeiterbewegung in Deutschland läßt sich nicht aus Adenauer – Reaktion und Teilung erklären, es geht auf den durch den Faschismus erzwungenen Übergang zu einer reinen kapitalistischen Vergesellschaftung zurück. Reine Kapitalbewegung, die nichts prinzipiell außer ihr stehendes mehr kennt, setzt aus sich heraus keine revolutionäre Kraft im klassischen Sinne mehr frei.

Daß das industriell fortgeschrittenere Land dem unterentwickelten seine eigene Zukunft zeige, dieser klassische Satz von Marx hat noch eine Nebenbedeutung, die besagt, daß mit dem Grade der Kapitalisierung die Chancen des Sozialismus sinken. Die USA sind die Zukunft der BRD, wie die BRD den noch ungleichzeitigen Ländern ihre eigene Zukunft zeigt. Zugleich sind zwei Formen einer nicht widersprüchlichen, nicht zur Revolution treibenden, obwohl kapitalistischen Vergesellschaftung möglich: Die von Anbeginn ‘reine’ amerikanische und die gewaltsam erzwungene deutsche Form. Der eingangs aufgezeigte Widerspruch löst sich daher auf: Die Verschmelzung von Politik und Ökonomie, wie sie das staatskapitalistische Projekt in den noch ungleichzeitigen Ländern anstrebt, kann nur dort Realität werden, wo das politische Subjekt dieser Transformation nicht Arbeiterklasse heißt, sondern Logik des Kapitals. Wie das Ziel der sich am Staatskapitalismus orientierenden Parteien dauerhaft nur um den Preis der historischen Liquidierung der Arbeiterklasse als eines revolutionären Subjekts möglich ist und daher auch von ihr selbst nicht realisiert werden kann (dies ist wohl der zentrale Grund der Sterilität und revolutionären Impotenz der Parteien der Kommunistischen Internationale gewesen, wie sie seit 1928 immer deutlicher geworden ist), so nimmt die Verschmelzung von Politik und Ökonomie, wo sie gelingt, nicht die Form einer äußerlich rechtlichen, enorm intensivierten Verschränkung beider an, sondern die einer tendenziellen Aufhebung des Rechts als einer getrennt von der Produktion politisch zu erstellenden Produktionsgarantie. Das Kapital als Produktionsweise und Gesellschaft zugleich garantiert sich zunehmend selbst, bedarf nicht mehr einer außerhalb des Kapitals liegenden Vermittlung.

Das Unglück der nach 1968 erstmals in Deutschland massenhaft einsetzenden Diskussion um Marx und den Marxismus war es, den Widerspruch zwischen der unerhörten Intensität der erreichten kapitalistischen Vergesellschaftung und dem totalen Ausfall der im System des klassischen Marxismus zu erwartenden proletarischen Alternative als einen nur theoretischen und daher theoretisch auflösbaren Widerspruch anzusehen und nicht als das reale, praktische Problem des Endes der Ungleichzeitigkeit und der realen Koexistenz beider Seiten des eben nur scheinbaren Widerspruchs. Ideologisch ausgedrückt hat sich dies in der Polarisierung zwischen der ‘Kritischen Theorie’ der Frankfurter Schule und den Bemühungen um die ‘Rekonstruktion’ eines ‘authentischen’ Marxismus. Ging die kritische Theorie vom Stillstand und Ende der revolutionären Dialektik aus, ohne ihre Frage auch ökonomie- und klassentheoretisch zu stellen, so suchte die Rekonstruktion des Marxismus nach einem neuen Verständnis der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, ohne sich um die Formen der ideologischen Vergesellschaftung zu kümmern. Ganz außerhalb dieses Konflikts stand und steht der Parteikommunismus klassischer Prägung: Er verkörpert noch heute, anachronistisch, aber hartnäckig, steril, aber penetrant, den Bewußtseinsstand von etwa 1925, ist bloßes Überbleibsel. Im Ergebnis der Theoriedebatte der Studentenbewegung verfehlte die Kritik ihren Gegenstand und blieb weit unter dem erreichten Niveau kapitalistischer Vergesellschaftung. In der Wendung zum Proletariat kam im maoistischen Gründungsfieber nach 1969 die Wahrheit zu ihrem Recht, daß die Revolution nur möglich ist als eine der Produzenten; ebenso die Erkenntnis der spontaneistischen Bewegung, daß den unmittelbaren Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums alle Voraussetzungen eines revolutionären und emanzipativen Bewußtseins fehlten – daß der Inhalt der Revolution nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein könne. Beide Fraktionen besaßen einen Teil der Wahrheit; sie wurde aber in ihrer Zerrissenheit notwendig abstrakt, untauglich zum Begriff der Wirklichkeit und zum revolutionären Eingriff. Der Gegensatz beider Anschauungen führte zum Bankrott des politischen Projekts der Studentenbewegung.

Hat auch die gesellschaftliche Entwicklung diesen Gegensatz mittlerweile entpolitisiert und in den Bereich akademischer Nachhutgefechte spätsozialisierter Anhänger der Studentenbewegung verbannt, so ist doch das theoretische wie praktische Dilemma dessen, was einst ‘der’ Marxismus sich nannte, geblieben. Betrachtet man die Praxis der ‘Neuen Sozialen Bewegungen’, so sind, obwohl ihre Erfolge endlich die seit dem KPD-Verbot von 1956 bestehende fugendichte Abschottung der Staatsparteien aufgebrochen haben, die alten Fragen immer noch interessanter als die neuen Antworten. Keine noch so radikalisierte Mittelstandsbewegung wird den Übergang von der Naturalisierung des Menschen zur Humanisierung der Natur finden können. Die ‘Krise des Marxismus’ ist zentriert um den Begriff der Kritik, nicht um das Problem einer ‘Vermittlung’ von Theorie und Praxis, was immer schon unterstellt, Theorie als Katechismus fix und fertiger, bloß anzueignender Sätze habe die Wirklichkeit fraglos im Griff. Das marxistische Wissen gerinnt zur Weltanschauung, die marxistische Politik zum bloß nachtrabenden Kommentar der gesellschaftlichen Entwicklung, wenn Theorie als außer der Welt hockende Wahrheit begriffen wird, unfähig, in eine andere Krise als die reiner Anwendung gestürzt zu werden.

Es kann nicht die Aufgabe sein, der Welt aus ihren Träumen eine neue Gesellschaft zu entwickeln, sondern es gilt anzuerkennen, daß sie längst in Albträume umgeschlagen sind, deren Zerstörung durch die Kritik zu organisieren ist. Es geht darum, ‘die Kritik zur Krise zu radikalisieren’. Es ist nicht der Zweck der Kritik, der deutschen Ideologie zum Bewußtsein ihrer ökonomisch ableitbaren Notwendigkeit zu verhelfen, es ist nicht die Arbeit der Kritik, die Kapitalisierung der Gesellschaft als sozialismusträchtige ‘Vergesellschaftung der Produktion’ zu rechtfertigen, und es kann nicht die Absicht der Kritik sein, das richtige Bewußtsein unwahrer Zustände um die Erfahrung seiner Krise und Destruktion caritativ betrügen zu wollen. Einen Begriff und eine Praxis der Kritik gilt es zu entwickeln, der das marxistische Projekt vom Trugbild einer Revolution durch Klassenkampf befreit und es für die Revolution zur Abschaffung der Klassen selbst tauglich macht. “Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehen ‘unter dem Niveau’ der Geschichte, sie sind ‘unter aller Kritik’, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unterm Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des ‘Scharfrichters’ bleibt. Mit ihnen im Kampf ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfes, sondern der Kopf der Leidenschaft. Sie ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist der ‘Feind’, den sie nicht widerlegen, sondern ‘vernichten’ will. (...) Die Kritik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im reinen. Sie gibt sich nicht mehr als ‘Selbstzweck’, sondern nur noch als ‘Mittel’. Ihr wesentliches Pathos ist die ‘Indignation’, ihre wesentliche Arbeit die ‘Denunziation’. (...) Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und der Resignation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. (...) Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.” (Karl Marx, 1844) Der letzte Grund der praktischen Unaufhebbarkeit der deutschen Zustände liegt in der Fähigkeit der Deutschen, ihr Elend nicht sich vergällen zu lassen und es vielmehr noch zu genießen. Diesen einzig noch kostenlosen Genuß ergreifen sie um so gieriger, als er zugleich das einzige Laster ist, zu dessen Exzeß es der Korruption nicht eigens noch bedürfte.

Gerade aus der Tatsache, auch einmal etwas ohne direkte materielle Interessiertheit tun zu dürfen, ziehen sie das notorisch gute Gewissen, mit dem sie ihre materiellen Interessen verfolgen. Da insgeheim immer schon gewußt wird, worüber die Kritik das deutsche Bewußtsein ins Stolpern zu bringen gedenkt, ist es gegen die Kritik immun. Das Wissen der Kritik trifft dieses Bewußtsein nicht und erschüttert es nicht, sondern trägt als Bewußtmachung des inneren Eigentums der kritisierten Zustände zu derem stabilen Selbstbewußtsein noch bei. Nie läßt so gut sich sündigen, wie wenn man von der Beichte kommt, und nie einträglicher, stellt man sich den Ablaßzettel aufs eigene Konto aus. Um so sicherer vermag das deutsche Bewußtsein daher aufzutreten, steigert es sich zum Selbstbewußtsein all der Schandtaten, die immer noch ihm vorzuhalten das anachronistische Geschäft der Kritik ausmacht. Immer schon weiter auf dem Weg in die Barbarei vorangeschritten, als die Kritik auch nur zu ahnen sich traut, bezichtigt es diese zu Recht der weltfremden Infantilität und der humanisierenden Utopie. Die Kritik ist daher das Sorgenkind des deutschen Kollektivs und wird entsprechend behandelt, schmälert sie doch jenseits der Toleranzgrenze durch ihr unbelehrbares Nörgeln und Beharren letztlich dessen Selbstgenuß. Wird unablässig auf den vergangenen Untaten deutscher Geschichte beharrt, schlägt auch das anfangs selbstbewußte Schuldgeständnis in Langeweile um. Über sich selbst aufgeklärt, vermag es sein Geschäft noch effektiver zu betreiben und rechnet sich das Schuldbekenntnis zynisch als öffentliche Anerkennung seiner Kraft und Wirksamkeit zu. Noch die Schuld ist sein ureigenes Produkt, die es von Kritik nicht gegen sich wenden läßt.

Zwischen das Bewußtsein ihres Elends und ihre Praxis geschäftstüchtiger Verelendung lassen die Deutschen sich keinen Keil treiben. Gegen ‘Miesmacher’ und ‘Querulanten’ immer schon gefeit, entsteht in dieser symbiotischen Verbindung von Sein und Bewußtsein keine Lücke, die sich zur Krise des Ganzen erweitern ließe. Wie sich Deutschland nach Auschwitz lieber zur deutschen Kollektivschuld bekannte als aufs deutsche Kollektiv zu verzichten, so bestärkt die Kritik, wo sie sich als bloß informierende Aufklärung tarnt, noch den Vorgeschmack auf neue Greuel, die sich als Notwehr gegen die beständige Nörgelei rechtfertigen werden. ‘Kritik als nur informierende Aufklärung’, die anstrebt, das Volk vor sich selber erschrecken zu lassen durch Vorführung der von ihm ausgegrenzten Folgen seiner Praxis, vermittelt ihm nur die zum Schrecken anderer werdende Courage und das Selbstvertrauen der Gemeinschaft, ihren Mitgliedern, komme, was da wolle, bis zum bitteren Ende beizustehen. Die Aufklärung über seine Niedertracht versteht das deutsche Volk nur als den freundlichen Hinweis, sich das nächste Mal nicht ertappen zu lassen.

Es ist das Unglück dieser Form von Kritik, das deutsche Bewußtsein mittels der durch es unterdrückten ‘Tatsachen’ anzugreifen. Wirkung wird erhofft nach dem Muster von Gegenüberstellung im Kriminalverfahren: Der Täter werde schon, im Angesicht des unverhofft überlebenden Opfers, erschüttert genug sein, das Geständnis abzulegen. Sollen die Folgen eines Tuns zum Beweismittel gegen den Urheber werden, so ist immer schon unterstellt, der Täter habe das so gar nicht wollen können. Marxismus als solcherlei Kritik bringt eilfertig Gesellschaftstheoretisches zur Entlastung herbei, verweist auf objektive Umstände usw. Weil die Kritik nicht die Struktur des deutschen Bewußtseins zum Gegenstand sich nimmt, vermag dieses pluralistisch noch der ekligsten Tatsachen sich anzubequemen, ohne belehrt zu sein. Kritik gerät zum bloß korrektiven Kommentar dessen, was sowieso schon der Fall ist. Als kritischer Kommentar unwahrer Verhältnisse rechtfertigt Kritik noch ihren Gegenstand, indem sie ihn als einen notwendigen erklärt, nicht aber der Notwendigkeit selbst als Ideologie zur Krise verhilft. Gerade ihre Spekulation aufs Geständnis offenbart ihr mangelndes Selbstvertrauen; Gerechtigkeit dagegen wäre nur als kategorisches Urteil zu erhoffen.

Das deutsche Elend ist so nicht zuletzt die Verelendung seiner Kritik. Weil die Kritik unter dem Niveau der deutschen Gesellschaft operiert, können die Deutschen im Jenseits der Kritik manövrieren. Wie sie den Deutschen daher einerseits den Selbstgenuß verödet, so provoziert sie andererseits durch ihre endlose Geduld und widerliche Hofferei deren Willen, der Langeweile durch die Produktion neuer Gegenstände des Genusses zu entfliehen. Die Unerreichbarkeit des Gegenstandes für die Kritik der immer bloß hinterhertrabenden Information schlägt um in die Krise der Kritik, die ihre Lösung in der Überflüssigkeit der Kritik findet.

aus: Initiative Sozialistisches Forum, Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution, Freiburg (ça ira-Verlag) 1990.

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