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Kritik der deutschen Ideologie

Initiative Sozialistisches Forum

Je unmöglicher der Kommunismus ist, desto verzweifelter gilt es für ihn einzutreten.

Marx Horkheimer (1943)

“Krieg den deutschen Zuständen!”, forderte Karl Marx im Januar 1844, hundert Jahre vor der Wannseekonferenz. Indem Marx die “Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie” leistete und wenig später die Kritik der “Deutschen Ideologie”, bestimmte er das materialistische Denken als das Denken in der Form der Kritik, als Denken mithin, das, indem es sich selbstkritisch der Projektion des auf Logik erpichten Verstandes in seinen Gegenstand hinein verweigert, und das, indem es seiner naturwüchsigen Neigung zur Rationalisierung und Ersatzbildung widersteht, fähig wird, sich der Vernunft in der Geschichte zu vergewissern und sich so zum subversiven Organ dieser objektiven Vernunft zu machen. Allerdings: die Vernunft in der Geschichte war die einer bürgerlichen Gesellschaft, wie sie 1789 revolutionär in Erscheinung trat; die bürgerliche Gesellschaft der Deutschen dagegen, die sich in den zutiefst reaktionären “Befreiungskriegen” unter der geistigen Schirmherrschaft Johann Gottlob Fichtes und in der Fit-for-fun-Bewegung des Turnvaters Jahn konstituierte, war schon zum Zeitpunkt der Marxschen Kritik unter aller Kritik; und sie war es daher auch, die die grausige, zutiefst negative Dialektik installierte, die die bürgerliche Gesellschaft vom Sturm auf die Bastille zur Wannseekonferenz im Januar 1942 führen sollte.

Der Massenmord an den Juden denunzierte das Glücksversprechen der Bürger als grausigen Hohn, als eine Ideologie, die nichts mehr an sich hatte von der Notwendigkeit eines falschen Bewußtseins, sondern die die Lüge war, die sich wahr machte. Seitdem ist jede Geschichtsphilosophie Propaganda, insbesondere in Deutschland, wo das zum Grundgesetz erhobene “Nie wieder Weimar!” und das zum Konsens erklärte “Aus der Geschichte lernen!” nichts anderes bezweckt als Reklame für die Staatlichkeit der deutschen Volksgemeinschaft in ihrem einstweilen noch zwangsdemokratisierten Zustand.

Was von Marx bleibt, nachdem die Weltrevolution der Arbeiter noch nicht einmal an der Shoah genug Anlaß fand, sich von der Theorie in die Praxis zu bequemen, ist nur ein bißchen Materialismus, das also, was übrig bleibt, wenn man das Moment der Kritik aus einem “Marxismus” erlöst, der selbst zwar nicht zu den Urhebern, aber zu den Bedingungen der Möglichkeit der Shoah gehört. Dieser Materialismus der Kritik, das heißt die Notwehr gegen die Rationalisierungsleistungen des Theoretisierens und ergo Ideologisierens, findet sich bereits in der “Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie”, also in der Kritik der deutschen Zustände von 1844:

Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt. Mit ihnen im Kampf ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft. Sie ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist der Feind, den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will.” Und weiter: “Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt” – Deutschland! – “ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen.” Kritik ist derart die Quintessenz des Materialismus, sie “bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im reinen”.

Denn Deutschland ist das Produktionsverhältnis des Todes. Und daher ist der Materialismus nicht “links”, zumindest nicht im Sinne einer “Linken”, die es spielend fertig bringt, einerseits den Antisemitismus zu kritisieren, andererseits allerhand Antizionismus auszubrüten und Israel das Verderben an den Hals zu wünschen; nicht “links” im Sinne einer “Linken”, die den Kampf gegen das Phantasma der “Globalisierung” aufregend findet und im übrigen glaubt, daß an der Börse doch allerhand faul ist; nicht im Sinne einer “Linken”, die zwar keinen klaren Gedanken fassen kann, aber doch Foucault und Lyotard, Heidegger und Derrida sehr bedenkenswert findet. Materialismus ist nicht “links” im Sinne einer politischen Orientierung, sondern als Kritik der Politik, nicht “links” im Sinne einer Utopie des gerechten Tausches, sondern als die Kritik der politischen Ökonomie, er ist auch nicht wahr und wahrhaftig im Sinne von Theorie, sondern die negative Wahrheit als Resultat der Kritik der Erkenntnis, indem er die Denkform aus den Formen von Wert und Ware und Kapital “ableitet”. Materialismus ist schlußendlich gar nicht “links” im Sinne derer, die in Berlin-Mitte vom “negativistischen Ableitungsmarxismus der Wertkritik” schwatzen, oder nach dem Gusto derer, die in der badischen Provinz gegen die “neue deutsche Wertkritik” immer dann brutteln und granteln, wenn es darum geht, im neuen Jahrtausend endlich die Konsequenzen aus der Marxschen Feststellung von 1844 zu ziehen, daß sich die Deutschen “immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit befanden, am Tag ihrer Beerdigung”.

Der Materialismus der Kritik bestimmt Deutschland als das Produktionsverhältnis des Todes, als die Gesellschaft, die ihre innere Einheit und Identität nur finden kann in Vernichtung und Massenmord, als das Land, das den größten seiner Kriege, den Weltkrieg gegen die Juden, im wesentlichen gewonnen hat, obwohl es vor Stalingrad, vor el-Alamein, an den Küsten der Normandie und am Himmel über Berlin den kürzeren zog, als das Deutschland, das, solange es noch existieren wird, dem durchschlagenden Elan nachtrauert, den die Gemeinschaft des Volkes aus dem kollektiven “Willen zu töten” (Daniel J. Goldhagen) zog, als das Land, das gewissermaßen transzendental unter dem Wiederholungszwang steht, den Wahn der “nationalen Identität” noch einmal, durch die Geschichte belehrt, auszubuchstabieren, als das Deutschland schließlich, das trotz aller im Augenblick gebotenen Schöntuerei mit Israel niemals vergessen wird, wie weit es im Bündnis mit dem Mufti von Jerusalem und den arabischen Judenhassern schon einmal gekommen ist.

Es bleibt nur eine Schwierigkeit, die der Materialismus der Kritik angesichts des Nazifaschismus hat: Zu erklären ist die Transformation des als deutsche Arbeiterschaft scheinbar nur perfekt getarnten revolutionären Subjekts in die “Arbeiter der Stirn und Faust” der Volksgemeinschaft. Es sind Begriff und Sache der Klassengesellschaft das einzige, was den Materialismus der Kritik mit dem als Legitimationswissenschaft der “Linken” fungierenden Marxismus zu verbinden scheint. Aber deren Vorstellung von “Klasse”, oft ganz naiv aus dem italienischen Operaismus der sechziger Jahre importiert, ist Soziologie zum Schleuderpreis.

Denn Deutschland als das Produktionsverhältnis des Todes, als Nazifaschismus, hat die Arbeiterklasse in den Stand der zeitweilig mit produktiven Aufgaben betrauten Staatsbürger verwandelt. Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Sobibor bedeuten nicht nur das Geschichtsverbrechen schlechthin; die Massenvernichtung bezeichnet nicht nur den Höhepunkt einer genuinen, einer ganz und gar neuen und zwar kapitalgeborenen, aber doch kapitalentsprungenen Gesellschaftsformation, der Barbarei mit deutschem Antlitz. Sondern die Massenvernichtung – der die Verwandlung der in sich widersprüchlichen Klassengesellschaft in das zur völligen Einheit verschmolzene Mordkollektiv voranging – bedeutet zudem, daß der vom Dogma beschworene “Grundwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital” jedwede auf Emanzipation gehende Dialektik eingebüßt hat, daß er vielmehr seine destruktive, barbarische Potenz offenbart hat. Der “Grundwiderspruch” ist aufgehoben worden in der klassenübergreifenden, die Klassen negativ aufhebenden volksgemeinschaftlichen Ausrottungsaktion. Sie ist das Grundgesetz und das Gründungsverbrechen dieser BRD, und seitdem lebt man, wie Adorno definierte, in einer “klassenlosen Klassengesellschaft”. Das heißt, daß es die Arbeiterklasse zwar noch gibt, aber daß sie es nur noch als passive ökonomische Bestimmung gibt, etwa in dem Sinne, daß man in einem Ameisenhaufen zwar die Existenz von Arbeitsameisen und Königinnen konstatieren, daraus allerdings nicht auf einen “Grundwiderspruch” von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von Herrschenden und Unterdrückten folgern kann. Ameisen bilden keine Klassengesellschaft, die Deutschen dagegen ein arbeitsteiliges Kollektiv, eine Volksgemeinschaft: “In solcher Abschaffung der Klassen kommt Klassenherrschaft zu sich selbst”, sagt Adorno 1942 in seinen “Reflexionen zur Klassentheorie”. In diesem Zustand ist die Arbeiterklasse mit Mann und Maus in ihrem vom Kapital bereiteten gesellschaftlichen Schicksal aufgegangen, “variables Kapital” zu sein, und das heißt, wie Karl Marx im “Kapital” sagt, ein “lebendiges Anhängsel der Maschinerie” und ein denkender Anhänger der Staatsgewalt. Die Arbeitskraft ist nicht das Andere oder gar das Anti des Kapitals, sie ist nicht sein Gegensatz oder Widerspruch – die Arbeitskraft ist das Kapital selbst, nur in anderer Form und Potenz, nur in lebendiger, in menschlicher Gestalt. Der Unterschied zwischen den Herrschenden und den Beherrschten wie die Konflikte zwischen den Ausbeutern und den Ausgebeuteten bedeuten in Deutschland seitdem nicht mehr Klassenkampf, sondern nur Rangeleien um die Beute. Die Solidarität der Klasse ist in der Asozialität der Cliquen, Gangs und Banden aufgehoben, unter denen die IG Metall eine sehr bedeutende ist.

Daraus folgert der Materialismus der Kritik, daß es aus ist mit der Politik der “Linken”, daß Schluß ist mit dem “Anknüpfen an die Bedürfnisse”, und daß es ein Ende hat mit dem Versuch, den gesunden Menschenverstand gegen “die da oben” zu radikalisieren. Das war richtig, solange ein proletarisches Subjekt unterstellt werden konnte, das sich, gleichsam in den Nebeln der Ideologie vorwärts tastend, auf den Sendero luminoso begab – das ist nicht nur falsch, sondern deutschvölkisch in der Gesellschaft nach Auschwitz, es ist die Gegenaufklärung und Konterrevolution von “links”. Die gegenwärtige “Linke”, das sind die Daniel Cohn-Bendits, die Bernd Rabehls und die Horst Mahlers von morgen.

Der Nazifaschismus hat die Dialektik von Reform und Revolution, von der Rosa Luxemburg sprach, aufgehoben. Das Lehrstück vom 1. und vom 2. Mai 1933 zeigt dies viel deutlicher als das vom 4. August 1914; es bezeichnet den Beginn einer neuen Epoche. Damals tat die Gewerkschaft alles, um mit den Nazis ins Geschäft zu kommen. In ihrer Grundsatzerklärung aus den letzten Apriltagen 1933 heißt es: “Die nationale Revolution hat einen neuen Staat geschaffen. Dieser Staat will die gesamte deutsche Volkskraft einheitlich zusammenfassen und machtvoll zur Geltung bringen. Aus diesem volklichen Einheits- und Machtwillen heraus kennt er weder klassenmäßige Trennung noch volksabgewandte Internationalität. ... Die deutschen Gewerkschaften sind des Glaubens, daß sie der großen Aufgabe des neuen Staates, alle Kräfte des deutschen Volkes zu einer starken Einheit zusammenzufassen, am besten dienen, wenn sie sich über alle Trennungen der Vergangenheit hinweg zu einer einzigen umfassenden, nationalen Organisation der Arbeit vereinigen.” Mit dieser Wendung gegen die “volksabgewandte Internationalität” gab die deutsche Arbeiterbewegung, gaben die Gewerkschaften die Juden zum Abschuß frei, noch bevor die SPD Hitler im Reichstag den grenzenlosen deutschen Friedenswillen bescheinigte: Es war die Wendung hinein in die Volksgemeinschaft der “Schaffenden” gegen die sogenannten “Raffenden”. Darin besteht das programmatische Fundament der modernen Einheitsgewerkschaft, des DGB, der ebenso nationalen wie sozialen, der sozialnationalistischen Deutschen Arbeitsfront der Gegenwart. Der DGB ist die “nationale Organisation der Arbeit” im Standort Deutschland. Die Nazis hatten den 1. Mai vom Kampftag zum Feiertag, zum “Tag der nationalen Arbeit” erhoben, und die 1. Mai-Zeitung des ADGB schrieb damals: “Niemals hat die Arbeiterschaft, die sich zum Sozialismus bekannte, verkannt oder gar verneint, daß der Ausgangspunkt aller politischen Erwägung und aller politischen Arbeit die Nation ist.” Damit war eine Politik auf ihren Begriff gebracht, die, wie es hieß, “durch Sozialismus zur Nation” wollte; und damit war der Sozialismus der Arbeiterbewegung (incl. ihrer kommunistischen Fraktion) als bloß anderer Name der Volksgemeinschaft kenntlich geworden. So wenig, wie die Sozialdemokratie im August 1914 die Arbeiter verraten hatte, so wenig tat sie es 1933.

Das Lehrstück vom 1. und vom 2. Mai zeigt den Übergang der Arbeiterklasse vom Burgfrieden zur Volksgemeinschaft, es zeigt, daß die Propaganda der Nazis von der “proletarischen Nation” mehr war und anderes als bloße Propaganda: daß sie eine Lüge war, aber eine Lüge mit der gesellschaftlichen Wahrheit. Das Lehrstück zeigt, daß die bürgerliche Gesellschaft sich mit all ihren Widersprüchen, die einmal als ebenso revolutionsträchtig wie revolutionsfähig betrachtet werden konnten, in der totalen Vergesellschaftung durch das Kapital aufgehoben hat. Im Zuge der radikalen Selbstkritik, die der kategorische Imperativ, “alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist”, auferlegt, ist zur Kenntnis zu nehmen, daß der Nazifaschismus das Band zerrissen hat, daß Reform und Revolution einmal verbunden hatte. Daß weder der Krieg noch die Massenvernichtung der Juden das im Staat des nationalen Sozialismus vollzogene Bündnis von Arbeit und Kapital aufzubrechen vermochten, daß vielmehr ihr Bündnis gerade durch den Massenmord unwiderruflich besiegelt wurde – das spricht das Urteil über die Arbeiterklasse als das Subjekt revolutionärer Praxis: Es ist bankrott. Dies Urteil der Geschichte hat am Anfang jeder Reflektion zu stehen, ohne die es weder eine kritische Theorie der Gesellschaft geben kann noch eine revolutionäre Praxis.

Die Lage, die sich durch den Faschismus ergeben hat, faßt sich dahingehend zusammen, daß die revolutionäre Wahrheit einerseits, das gesellschaftliche Interesse andererseits, voneinander durch den Abgrund von Auschwitz getrennt sind, daß es keine Vermittlung gibt zwischen der negativen Wahrheit über Deutschland und dem Interesse der Deutschen an ihrer revolutionären Widerlegung. “Es genügt nicht”, schrieb Marx 1844, “daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit selbst muß sich selbst zum Gedanken drängen.” Wenn aber die Wirklichkeit nicht zum Gedanken drängt, dann hat der Materialismus der Kritik mindest den Vorzug, den Widerspruch der antagonistischen Vernunft anzumelden, die sich nicht an ihrer Ohnmacht delektiert oder über ihre Hilflosigkeit täuscht.

Die in den “Flugschriften” dokumentierten Flugblätter der ISF umfassen den Zeitraum von der Wiedervereinheitlichung der Deutschen im Herbst 1989 bis zur öffentlichen Diskussion um die immer schon klippklare Frage, ob da ein Grund ist, “stolz, ein Deutscher” zu sein, aus dem Frühjahr 2001. Als Interventionen gedacht, lesen sie sich heute als Kommentare zum Aufklärungsverrat. Im nächsten Jahr wird ein Büchlein mit dem Titel “Prêt à penser” folgen, das sich gegen die Heideggerisierung der Linken wendet. Wir hoffen darauf, daß der Leser über diese “Flugschriften” so urteilen wird wie Karl Marx über den Nerv der Kritik: “Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation.”

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