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Nach dem Endsieg über die Geschichte

Über die Bedeutung des 8. Mai

Initiative Sozialistisches Forum

“Blasen an den Füßen – das war meine Grunderfahrung im zweiten Weltkrieg.”

Heiner Müller

Die bürgerliche Gesellschaft der Deutschen war schon immer eine vertrackte Angelegenheit, und heute, da sie keine bürgerliche mehr ist, sondern eine postnazistische, die von den Alliierten mit bewaffneter Macht und unter Aufbietung gewaltiger Armeen wieder zur demokratischen Räson gebracht, d.h. “renormalisiert” und “rekapitalisiert” werden mußte, stellt sie um so vertrackter sich dar. Denn das Bürgertum ist hin, das Kapital jedoch ist total. Die Arbeiterklasse ist ebenfalls hin, aber die lebendige Arbeitskraft ist omnipräsent. Und schließlich ist der Nationalsozialismus hin, aber sein Programm, die Verschmelzung von Kapital und Arbeit im demokratischen Volksstaat der Sozialpartner, steht jetzt im Grundgesetz und hat Verfassungsrang. Die deutsche Geschichte im allgemeinen ist dialektisch aufgehoben – beseitigt, bewahrt, zu neuer Qualität gesteigert. Nur die Juden sind endgültig tot.

Falsch ist daher die Alternative von “Befreiung” oder “Zusammenbruch”, unter der die historische Bedeutung des 8. Mai verhandelt wurde: Denn der Untergang des Nazismus geschah in einem Moment, in dem er, seiner eigenen fatalen Logik gemäß, an sich selbst zugrunde gehen mußte, gingen ihm doch langsam die Opfer aus. All die Siege des Nazismus sind dialektisch, der Endsieg über die Juden jedoch ist definitiv. Der Nazismus wurde zu einer Zeit besiegt, indem er wesentlich bereits gesiegt hatte. Er unterlag und ging unter, weil sein gesellschaftlicher Inhalt ausgeschöpft war. Hitler nahm sich das Leben, als die Gesellschaft, die unter seiner Schirmherrschaft von der bürgerlichen zur barbarischen revolutioniert wurde, wieder, und diesmal auf neuem, der Drohung des Zusammenbruchs scheinbar enthobenem Niveau, eine kapitalistische werden konnte. Die Verwandlung der Gesellschaft in einen konsequent durchorganisierten Mordzusammenhang, in eine perfekt arbeitsteilige Tötungsmaschine, war die Methode der “deutschen Revolution”, der Zusammenbruchskrise von 1929 zu kontern. Es versteht sich, daß die postnazistische Gesellschaft der Deutschen schon deshalb zu ihrem Führer ein äußerst ambivalentes Verhältnis unterhalten muß, daß sie ein schizophrenes Bewußtsein ausgebildet hat, das in der falschen Alternative von “Befreiung” oder “Zusammenbruch” sich ausspricht. Einerseits und andererseits, einerseits ein großer Führer (heraus aus Versailler Knechtschaft, Staatsbankrott und Arbeitslosigkeit), andrerseits ein großer Verführer (hinein in Zweifrontenkrieg und Judenmord) – es ist diese Opposition, in dem sich das staatstragende Bewußtsein seit der Gründung der Bundesrepublik so verblendet wie entscheidungsunfähig herumwirft.

Woher kommt diese bemerkenswerte Unfähigkeit zum synthetischen Urteil über den Nazismus? Was ist das für ein Subjekt, dem der Nazismus zum schier unauflösbaren Erkenntnisknoten wird? Und scheint es rundum ausgeschlossen, dies Subjekt über den Nazismus nachhaltig aufzuklären? Die Gespaltenheit des Urteils reflektiert die eines urteilenden Subjekts, dem die Unterscheidung zwischen sog. “Tatsachenurteilen” und sog. “Werturteilen”, d.h. die zwischen Faktenhuberei und Moralismus, zur zweiten Natur, zur spontanen Denkweise geworden ist. Zum synthetischen Urteil braucht dies Subjekt gar nicht imstande zu sein, weil die Synthese durch “das Leben selbst” geleistet wird, d.h. durch den normalen Gang der Geschäfte oder, materialistisch gesprochen, durch die Zwangsreproduktion der Gesellschaft in der Konsequenz der Akkumulation des Kapitals. Das Subjekt oszilliert daher beständig zwischen zwei einander ebenso ausschließenden wie einander doch bedingenden Standpunkten, zwischen der abstrakten Betrachtung dem Tauschwert nach und einer konkreten, die auf den Nutzen, auf den Gebrauchswert abhebt. Dazwischen gibt es nichts, kein Drittes, keine Spur von Vermittlung, d.h. nur Zufall und Religion; und das Leben vollzieht sich, ganz nach dem Dogma der Zwei-Reiche-Lehre, entweder im Himmel des Warenüberflusses oder in der Hölle des Geldmangels. Kann ein solches Subjekt verstehen, wie ihm geschieht, wenn es aus Gründen seines sozialen Interesses genau das zu tun gezwungen ist, was ihm aus Gründen seines politischen absolut gegen den Strich geht? Wird es ihm einleuchten, daß es im Interesse seiner ganzheitlichen Selbsterhaltung einen veritablen Selbstmord zu begehen hat?

Natürlich nicht. Aus dieser Erkenntnisschwäche erklärt sich der Kultus, den das Bürgertum und seine Öffentlichkeit seit jeher um Soldaten wie Ernst Jünger und um Theoretiker wie Carl Schmitt treiben, die den “Dezisionismus” zum Programm ausarbeiten. Das Subjekt muß sich entscheiden, aber hinterher wird es nicht wissen, was es wie und warum getan hat. Es agiert hinter seinem eigenen Rücken. Dann ist von “Notwehr” die Rede, und darin spiegelt sich die bonapartistische Situation, die Marx in seinen “Frankreichschriften” nach 1848 analysierte und die sich im Gefolge der großen Krise von 1929 abermals einstellte. Was die Theorie in der Lehre vom Dezisionismus reflektierte, das löste sich praktisch in der Funktion Hitler. Hitler, der, einem Wort Adornos zufolge, “wie kein anderer Bürger das Unwahre im Liberalismus durchschaute”, hatte begriffen, daß die Bourgeoisie zu ihrem Glück gezwungen werden mußte, daß sie, wie die Novemberrevolution bewiesen hatte, unfähig geworden war, die politischen Notwendigkeiten der Akkumulation weiterhin sachgerecht zu besorgen. Die “herrschende Klasse” war, wie Schmitt diagnostizierte, zur “ewig diskutierenden Klasse” verkommen, unfähig zur Entscheidung, d.h. zu Bürgerkrieg und mannhaft autoritärem Staat. Und der Staat, der geschäftsführende Ausschuß dieser herrschenden Klasse, hatte sich nun eine neue Massenbasis zu suchen, hatte sich auf seinen Begriff und Auftrag zu besinnen – auf die totale Souveränität, auf die politische Garantie der Akkumulation durch den rücksichtslosen Gebrauch seines Gewaltmonopols. Mit dem Verbot der bürgerlichen Parteien putschte der Führer gegen das Bürgertum, und er tat es in dessen eigenem, höheren Interesse. Eine vertrackte Situation, damals wie heute erst recht. Alfred Sohn-Rethel hat diese nazistische Konstellation so beschrieben: “Die Faschistenpartei ist der Knecht der Bourgeoisie, aber nur in dem Verhältnis, daß sie über der Bourgeoisie im Sattel sitzt und diese mit Sporen und Kandare ihre eigene Bahn reitet. Der defizitäre Kapitalismus bringt in diesem Verhältnis der faschistischen Diktaturgewalt zur Bourgeoisie das Machtelement der bürgerlichen Klassenherrschaft zur Abstraktion von ihren ökonomischen Interessenelementen. [...] Je schärfer die ökonomischen Widersprüche und Schwierigkeiten in der Lage der Bourgeoisie werden, um so ohnmächtiger muß sie einen Hebel ihrer Kommandogewalt nach dem anderen an die terroristische Parteigewalt abtreten”.

Dem bürgerlichen Verstandesvermögen birgt der Nazismus entschieden zuviel Dialektik, und so dankt das bürgerliche Subjekt als herrschendes und ergo erkennendes ab, flüchtet sich in Allerweltsweisheiten und Metaphysik sowieso. Allerdings: auch das proletarische tritt ab, denn der Nazismus verhält sich “nach links” ebenso bonapartistisch wie “nach rechts” und eignet sich, indem er Arbeiterparteien und Gewerkschaften zerschlägt, die Arbeitskraft unmittelbar an. Wie die Bürger bis heute nicht so recht wissen, ob sie den Führer für die “Goldenen Jahre” bis Stalingrad als den Bismarck des 20. Jahrhunderts beweihräuchern oder für die dann folgende Pleite verdammen sollen, so wissen die Arbeiter nicht, ob sie ihm für die Autobahnen als grandiose Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dankbar sein oder ihm wegen Lohnraub grollen sollen. Indem “die Linken” wie “die Rechten” den 8. Mai unter der Alternative “Befreiung” oder “Zusammenbruch” diskutieren, sind sie gleichermaßen bemüht, das spezifisch Nazistische am Nazismus zum Verschwinden zu bringen. Sie versuchen darin, sich imaginär in eine historisch ante- und logisch antifaschistische Lage zu versetzen, d.h. in eine Gesellschaft, die zum Bonapartismus sozialstrukturell unfähig wäre, in ein “anderes” und “besseres Deutschland”, in dem Arbeit und Kapital gleichermaßen so staatstragend wie marktwirtschaftsbewußt sich verhalten, daß man die nächste Zusammenbruchskrise ohne Führer wird bewältigen können, in ein Deutschland, das den Judenmord “eigentlich” gar nicht nötig gehabt hat, das darum eigentlich die welthistorische Unschuld vom Lande ist. Der Antisemitismus als Ideologie und die Massenvernichtung als Programm sollen mit der Fusion von Kapital und Arbeit im Volksgemeinschaftsstaat nichts zu tun haben. Nichts anderes bezwecken die enervierenden Diskussionen um “Rationalität” oder “Irrationalität” der Massenvernichtung als die Suggestion dessen, es gäbe im Nazismus überhaupt ein Quentchen gesellschaftliche Restvernunft und somit ein Kriterium, das diese Unterscheidung zuließe. Die Unterscheidung zielt auf Abspaltung, ist eine Form des Verdrängens, Verleugnens und Wegschaffens der Vernichtung, die wenig mit Mitscherlichs “Unfähigkeit zu trauern” zu tun hat, dafür alles mit einer nun auch spezifisch deutschen Unwilligkeit zur Erkenntnis.

Am Nazismus, der als negative Aufhebung des Kapitals die historisch neue Gesellschaftsformation der Barbarei konstituierte und darin den Zusammenhang von Zweck und Mittel suspendierte, der “Rationales” und “Irrationales” erst stiftet, eben jene Unterscheidung geltend machen zu wollen, das heißt schon: ihn, wie verdruckst auch immer, rechtfertigen. Wer vom “Zusammenbruch” spricht, der sieht das übergreifend Gültige deutscher Geschichte, das nicht einmal der Führer zu ruinieren vermochte, in Staatlichkeit schlechthin – so wie der unentwegte Landser Dregger, der erklärt, die Soldaten hätten “nicht an den Fronten gekämpft, um das Vernichtungswerk dahinter zu ermöglichen. Wir haben für Deutschland gekämpft.” Und wer, wie sublim auch immer, von “Befreiung” spricht, der suggeriert, wie Jürgen Habermas, daß die Vernichtung trotz allem doch einen Sinn gemacht hat, weil sich hierzulande “eine liberale politische Kultur erst ... durch Auschwitz, durch die Reflexion auf das Unbegreifliche ausgebildet hat”. Während “die Rechten” das Prinzip Staatlichkeit gegen den leibhaftigen Staat verteidigen, reklamieren “die Linken” das Prinzip der Universalität der Menschenrechte, dessen extremste Negation, frei nach Hölderlin, nur der Stachel ihrer glänzenden Verwirklichung sein konnte.

Diese fraktionsübergreifende Funktionalisierung der Massenvernichtung zum Zwecke der politischen Sinnstiftung bezeugt, wie wenig die Nachfahren und Rechtsnachfolger der Volksgemeinschaft daran interessiert sein können, die Transformation ihrer Gesellschaft in einen totalen Mordzusammenhang kritisch zu rekonstruieren – könnten sie doch in der Konsequenz, verstünden sie nur irgend etwas, nur noch gegen sich selbst revolutionieren, gegen sich selbst als kapitale und d.h. faschismusträchtige Subjekte. Indem sie Sinn suchen, stellen sie sich bewußt in die Kontinuität der Akkumulationsgesellschaft, d.h. auf den Boden nicht allein des Grundgesetzes, sondern der Bedingung der Möglichkeit des Nazismus. Die Sinnsuche, ob nun in der Form der Suche nach der verlorenen “nationalen Identität” oder in der Form einer Fahndung nach dem “republikanischen Erbe des Nationalstaates auf europäischer Ebene” (Habermas) ist die intellektuelle Antizipation der nächsten Krise und des nächsten Friedensstifters. Indem sie Sinn finden, sind sie die Nutznießer, Erben und Profiteure der Lager. Indem sie Sinn stiften, morden sie die Toten noch einmal, diesmal “nur” theoretisch. Daß die bürgerliche Öffentlichkeit strukturell zu nichts anderem fähig ist als zur Reklame für den Staat, zur Propaganda für das Gewaltmonopol mittels der Opfer des Gewaltmonopols, haben die Feierlichkeiten zum 8. Mai zur Genüge bewiesen, und aus den Festreden erhellt denn auch nicht etwa der Fortschritt der “Vergangenheitsbewältigung”, sondern vielmehr die frappante Bereitschaft gerade der linksliberalen Intellektuellen, den künftigen Faschismus philosophisch und soziologisch zu reflektieren, ihn politologisch, demoskopisch und sozialtechnologisch zu begleiten und kritisch-solidarisch zu kommentieren, das heißt sich so zu verhalten wie ihre Vorfahren in den “golden twenties” – das heißt: den NS wenn schon nicht als politisches Fatum zu bejubeln, so ihn doch als ästhetisches Faszinosum zu bestaunen.

Mai 1995

Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt 1979, S. 135.

Alfred Sohn-Rethel, Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus, Frankfurt 1973, S. 177 f.

Alfred Dregger, Dilemma der Frontsoldaten. Gegen die zynische Einseitigkeit der Nationalmasochisten, in: Junge Freiheit Nr. 15/95 vom 14. April 1995, S. 2.

Jürgen Habermas, Zur Normalität der künftigen Berliner Republik. Aus einer Rede in der Frankfurter Paulskirche zur 50. Wiederkehr des 8. Mai, in: Frankfurter Rundschau vom 8. 5. 1995, S. B 4.

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