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Linker Strukturalismus

Einige Überlegungen zu Postones Antisemitismus-Thesen

Ulrich Enderwitz

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In Postones theoretischem Versuch steckt viel Interessantes, sicher auch manches Wahre, aber alles gebannt in einen falschen, strukturalisierenden Rahmen. Strukturalisieren bedeutet enthistorisieren, bedeutet spezifische historische Konflikte oder Symptome über den Leisten eines generalisierten epochalen Widerspruchs schlagen, bedeutet nicht unbedingt, daß man Phänomene allem historischen Zusammenhang entreißt, um sie anthropologisierend in den Dienst bestimmter, unter der Camouflage einer zeitlosen Kategorialität operierender ideologischer Absichten und Rechtfertigungsstrategien zu nehmen (diesen für den Strukturalismus im engeren Sinn charakteristischen Geschichtsexorzismus betreibt Postone nicht), bedeutet aber jedenfalls, daß man darauf verzichtet, die Phänomene als historische zu entwickeln, das heißt, sie in der spezifischen Differenz begreiflich zu machen, die aus dem Zusammenwirken von geschichtlichem Ort und gesellschaftlichem Auftrag resultiert und die ihr wirkliches Wesen ausmacht. Seine Bereitschaft, solchen Verzicht zu leisten, gibt Postone gleich eingangs zu erkennen, wenn er erklärt, es gehe ihm bei seinen Überlegungen nicht um das Problem, “warum dem Nazismus und dem modernen Antisemitismus ein historischer Durchbruch in Deutschland gelungen ist”, sondern bloß um die Frage, “was damals durchbrach”, wenn er also beim interessierenden Phänomen zwischen Wesensgehalt und historischen Bedingungen unterscheidet und sein Interesse auf ersteren beschränkt. Bei geschichtlichen Erscheinungen das “Was” vom “Warum” abzulösen, den Gehalt vom Zweck zu abstrahieren, das Wesen von der Funktion getrennt aufzufassen, läuft, wie gesagt, darauf hinaus, die Erscheinungen um ihr gesellschaftliches Subjekt und ihre historische Orientierung zu bringen und sie als eine ziellose Epiphanie dieses ihres zur epochalen Substanz hypostasierten Wesens neu zu setzen. Diese unvermeidliche Konsequenz läßt Postones Aufsatz beispielhaft deutlich werden.

Als das, “was damals zum Durchbruch kam”, mithin als das Wesen des nationalsozialistischen Antisemitismus erkennt nämlich Postone einen romantischen Protest gegen die Herrschaft der kapitalistischen Wertabstraktion oder einen “verkürzten Antikapitalismus”. Realfundament für solchen “verkürzten” Protest ist nach Postone einer der Grundzüge aller kapitalistischen Ökonomie, der von Marx analysierte Doppelcharakter der Ware, ihre amphibolische Existenz als Tausch- und Gebrauchswert, und die dadurch gegebene, von Marx als Fetischismus charakterisierte Möglichkeit einer falschen Trennung zwischen Konkret und Abstrakt, Gebrauchsgegenstand und Wertabstraktion, unmittelbarer Dinghaftigkeit und Kapitalverhältnis. Die Verselbständigung der beiden Momente des Wertverhältnisses, die ihren entscheidenden ökonomischen Ausdruck im scheinbaren Gegensatz zwischen dem die Wertseite repräsentierenden Geld und der die gebrauchsgegenständliche Seite verkörpernden Ware finde, werde nun genutzt, um einen ebenso unklaren wie verbreiteten antikapitalistischen Affekt von der Totalität der kapitalistischen Produktionsverhältnisse abzuwenden und auf den kapitalen Popanz einer aus dem konkreten gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionszusammenhang ausgegrenzten und als eine dem Zusammenhang äußere repressive Macht vorgestellten Wertinstanz umzulenken, die dann soziale Behaftbarkeit dadurch bekomme, daß sie mit einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe, den Juden, identifiziert werde. Zur Erklärung dieser Objektwahl rekurriert Postone nicht, wie eigentlich naheläge, auf die antisemitische Tradition Europas, darauf also, daß die Juden auf die Rolle des Sündenbocks seit Jahrhunderten quasi abonniert sind. Vielmehr bemüht er, seinem Strukturalismus die Krone aufsetzend, einen für das Individuum in der bürgerlichen Gesellschaft angeblich konstitutiven politischen Gegensatz zwischen “abstraktem” Staatsbürger und “konkreter” Privatperson, den er dem ökonomischen Gegensatz von “abstrakter” Werterscheinung und “konkreter” Ware kurzerhand parallelisiert, um nicht zu sagen gleichsetzt. Wegen der von sozialen Bindungen und nationaler Zugehörigkeit relativ freien, rein “politischen Emanzipation”, die sie “im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts” durchliefen, seien, meint Postone, die Juden in paradigmatischer Weise mit der Seite der staatsbürgerlichen Abstraktion assoziiert und deshalb spezifisch geeignet gewesen, die der politischen korrespendierende ökonomische Abstraktion, eben das vom gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhang isolierte und zu falscher Selbständigkeit hypostasierte Kapitalverhältnis, zu verkörpern.

Welches gesellschaftliche Stratum oder Klassensubjekt diesen qua Antisemitismus artikulierten “Haß aufs Abstrakte” ausbildet und pflegt, darüber bleibt uns Postone die direkte Auskunft schuldig. Immerhin aber versichert er uns, daß “ein so verstandener Antisemitismus” es ermögliche, “ein wesentliches Moment des Nazismus als verkürzten Antikapitalismus zu verstehen”. Und das wiederum heißt nichts anderes, als daß Postone dem Nationalsozialismus zubilligt, eine originär romantische, und nämlich der subjektiven Intention nach ebenso sozial- und systemkritische wie dann allerdings der objektiven Zielrichtung nach zur Ersatzhandlung fehlgeleitete Protestbewegung zu sein. Wie vertragen sich diese Avancen, die Postone dem deutschen Faschismus macht, mit der Rolle, die der Faschismus bekanntermaßen als Erfüllungsgehilfe des großen Industriekapitals und als Sozialstratege im Dienste der organisierten kapitalistischen Mehrwertproduktion spielt? Muß man sich das Verhältnis zwischen Industrie und Politik, zwischen Kapitalismus und Nazismus etwa in der Weise vorstellen, daß der erstere den eigentlich gegen ihn sich richtenden, ebenso originären wie “verkürzten” Protest des letzteren funktionalisiert, um den in solchem Protest sich bekundenden sozialrevolutionären Sprengstoff zu entschärfen und vielmehr per Antisemitimus so zu kanalisieren, daß er als Volksfrontideologie oder Volksgemeinschaftskitt den eigenen Profitmaximierungsinteressen dient? Muß mit anderen Worten der Nationalsozialismus als ein in seinem sozialkritischen Impetus instrumentalisierter nützlicher Idiot des Drahtziehers Industriekapital gelten? Oder müssen wir, weil dies gar zu abenteuerlich klingt, annehmen, daß der deutsche Faschismus eine bereits in sich manipulierte Bewegung ist, daß also Hitler und Konsorten selbst bereits Drahtzieher, Agenten, waren, die im Dienste des Industriekapitals ein vorhandenes, breites sozialkritisches Potential zielstrebig in die Bahnen des nationalsozialistisch “verkürzten Antikapitalismus” und des diesem Antikapitalismus eine gesellschaftliche Stoßrichtung verleihenden Antisemitismus lenkten? Oder müssen wir gar von einer ebenso zufälligen wie unglücklichen Koinzidenz des nationalsozialistisch “verkürzten Antikapitalismus” mit einem kapitalistischen Diversions- und Ideologiebildungsbedürfnis ausgehen, mithin annehmen, daß hier zwei ursprünglich ganz verschiedene gesellschaftliche Kräfte oder Gruppierungen sich zu einer ebenso ungeplanten wie unheiligen Allianz zusammenfinden?

Aber genug der unsinnigen Lesarten, die allesamt ihren Grund in der Tatsache haben, daß Postone den nationalsozialistischen Antisemitismus als einen qua “Haß auf das Abstrakte” wie immer “verkürzten”, originär antikapitalistischen Affekt identifiziert, diesen Affekt dann aber als freiflottierende Emotion im gesellschaftlichen Raum sich selbst überläßt, statt den Versuch zu machen, ihn einem gesellschaftlichen Träger und historischen Subjekt zuzuordnen. Würde sich Postone um diese Zuordnung bemühen, er wäre gezwungen, seine These vom antikapitalistischen Kern des nationalsozialistischen Antisemtismus einer ebenso klassen- wie geschichtstheoretischen Überprüfung zu unterwerfen und das heißt, diesen Antisemitismus im Kontext der historischen Entwicklung einer von gesellschaftlicher Fraktionierung und Klassenkampf bestimmten bürgerlichen Gesellschaft als eine Abfolge von Strategien gleichermaßen zur Unterdrückung, Kanalisierung und Unfunktionierung der aus solchem Klassenkampf resultierenden sozialen Konflikte zu spezifizieren. Vor allem wäre er gezwungen, die Rolle des seit dem 19. Jahrhundert als oberster Krisenmanager fungierenden Staats in Rechnung zu stellen und zu erkennen, wie im 20. Jahrhundert der Staat als Initiator und Schutzmacht eines die Klassenkämpfe des 19. Jahrhunderts suspendierenden Burgfriedens zwischen Kapital und Arbeit den Antisemitismus in aller Form pachtet, um mit ihm nicht nur einem verbreiteten antikapitalistischen Affekt in der Gesellschaft Genüge zu tun, sondern auch und mehr noch der politisch-ökonomischen Ambivalenz, die er sich selber im Zuge seiner die gesellschaftlichen Kräfte kontraktiv kurzschließenden Garantiemacht-Funktion zuzieht, ein Ventil zu verschaffen. Und schließlich wäre Postone so am Ende imstande, den Antisemitismus des deutschen Faschismus in der historisch-gesellschaftlichen Spezifizierung wahrzunehmen, in der er nur auf dem Hintergrund einer jahrhundertelangen klassengesellschaftlichen Entwicklung und Auseinandersetzung sichtbar wird: als letzte, mörderisch fehlleistungshafte Ausdrucksform einer durch ökonomische, politische und ideologische Verdichtung, Verschiebung und Entstellung in ihr Gegenteil, in blanke Affirmation, verkehrten sozialen Widerstandskraft, oder anders gesagt, als agonal verschwindendes Symptom eines im katalytischen Ferment der Staatsfunktion zur Reaktion gebrachten – will heißen, konterrevolutionär gewendeten – revolutionären Potentials.

Aber solche klassenanalytische und geschichtstheoretische Spezifizierung des im nationalsozialistischen Antisemitismus steckenden “Antikapitalismus” ist, wie gesagt, Postones Sache nicht. Für ihn ist dieser zum “Haß auf das Abstrakte” “verkürzte Antikapitalismus” eine direkte, ebenso ehrlich gemeinte wie fetischistische Jedermann-Reaktion auf den perennierenden Grundwiderspruch aller kapitalistischen Gesellschaft, den Zwiespalt einer in die Länge und Breite ihrer scheinbar unmittelbaren Gebrauchsgegenständlichkeit von der Wertabstraktion beherrschten und durchdrungenen Wirklichkeit. Für ihn bleibt der Antisemitismus im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ebenso gesellschaftlich subjektlose wie geschichtslos unvermittelte Reaktionsbildung auf die allgemeinste Struktur der bürgerlichen Gesellschaft, eine Reaktionsbildung, die er mit aller – ihrer generellen Ursache entsprechenden – Stereotypie und Totalität das faschistische Verhältnis zur Realität bestimmen und sogar noch in der Vernichtungsmaschinerie der Konzentrationslager wiederkehren sieht, von denen er nämlich in makabrer Konsequenzzieherei behauptet, sie ließen sich als eine Art von umgekehrter Fabrik, als eine abstrakten Wert in Gestalt von Juden destruierende und konkreten Gebrauchswert in Form von “Kleidern, Gold, Haaren, Seife (abschöpfende)” perverse Produktionsstätte begreifen.

Der Vorwurf an Postone, daß seine kurzentschlossene Rückführung des nationalsozialistischen Antisemitismus auf allgemeinste kapitalistische Strukturbedingungen aus diesem ein ebenso geschichtslos unvermitteltes wie gesellschaftlich subjektloses Phänomen mache, könnte auf den ersten Blick überzogen scheinen. Schließlich macht Postone deutlich, daß er sich des Zusammenhangs der Entstehung des modernen Antisemitismus mit der industriekapitalistischen Entwicklung seit den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts sehr wohl bewußt ist. Schaut man sich aber genauer an, welche Rolle dieser spezifische politisch-ökonomische Kontext für Postones Erklärung des modernen Antisemitismus spielt, so dient er eben gerade nicht als spezifischer, den Antisemitismus auf qualitative Veränderungen der Gesellschaft und ihrer Kräftekonstellation zurückführender Grund, sondern seine Wirksamkeit bleibt rein quantitativer Natur, erschöpft sich darin, daß in ihm ein und dieselbe Wertabstraktion, die die kapitalistische Gesellschaft ganz generell bestimmt, in massierter und erdrückenderer Form zur Geltung kommt. Jenes zum industriekapitalistischen Produktionssystem reorganisierte und totalisierte wertabstraktive Verhältnis des späten 19. und des 20. Jahrhunderts, das Postone zu Recht als für den scheinbar gegenläufigen Organizismus der faschistischen Ideologie bestimmende Erfahrung identifiziert, – es provoziert dieser Version zufolge einen zum Antisemitismus “verkürzten Antikapitalismus” offenbar einzig und allein deshalb, weil es den bereits bestehenden und im Prinzip immer gleichen Entfremdungsdruck, dem Postone gesellschaftliche Subjektivität unter kapitalistischen Bedingungen ohne Ansehen der Person oder Klasse ausgesetzt sieht, dermaßen eskaliert und verstärkt, daß er unerträglich wird und die gesellschaftliche Subjektivität zum Protest oder vielmehr zur Reaktionsbildung zwingt. Das macht verständlich, warum Postone im Zusammenhang mit dem Auftreten des Antisemitismus in so existentialistisch aufgeladener, psychologisierender Weise von “Durchbruch” spricht: Das Modell, mittels dessen er gesellschaftliche Vorgänge begreift und beschreibt, ist wesentlich der psychoanalytischen Trieblehre entlehnt, ist ein Modell, das ebensosehr qualitativ-systematisch mit oppositionellen Instanzen, mit Vorstellungen des verdrängenden Widerstands und der Wiederkehr des Verdrängten, wie quantitativ-ökonomisch mit dynamischen Mengen, mit Vorstellungen der Unterdrückung und Abfuhr psychischer Energien, operiert. Und diese Orientierung am psychoanalytischen Darstellungsmodell wiederum erklärt, warum Postone mit so großer Selbstverständlichkeit akzeptiert, daß der im nationalsozialistischen Antisemitismus zum Ausdruck kommende soziale Protest die Form der Reaktionsbildung annimmt, das heißt, als eine ebenso qualitativ “verkürzte” wie quantitativ “durchbrechende” symptomatische Affektabfuhr erscheint.

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Charakteristisch für das psychoanalytische Modell ist, daß es unter dem Deckmantel seiner psychologisierenden Kategorialität auf höchst ideologische Weise gesellschaftliche Konflikte thematisiert und reinterpretiert. Gesellschaftliche Herrschaft, die das Modell je nachdem, ob es sie dynamisch, funktionell oder topisch betrachtet, als “Widerstand”, “Zensur” oder “Überich” faßt, wird in diesen kategorialen Formen nicht mehr als das, was sie ist, nicht mehr als exploitativer Mechanismus, als Veranstaltung zur Ausbeutung gesellschaftlicher Kraft zum Nutzen und zur Stärkung der Herrschaft selbst, kurz, als ökonomischer Faktor, als kapitales Verwertungsverfahren, begriffen, sondern nurmehr als repressiver Apparat, als Institution zur Unterdrückung gesellschaftlichen Widerstands im Interesse einer bloßen Selbstbehauptung der Herrschaft als solcher, kurz, als bürokratisches Faktum, als gouvernementaler Verwaltungsvorgang in Betracht gezogen. Indem in effigie der von der Psychoanalayse zur Erklärung gewisser krankhafter Verhaltenssyndrome konstruierten innerpsychischen Mechanismen die Dynamik gesellschaftlicher Herrschaft nicht mehr politisch-ökonomisch, das heißt in ihrer “positiven” Form einer an der energetischen Substanz der Gesellschaft geübten Umwandlungs- und Enteignungspraxis zwecks progressiver Erzeugung und Etablierung von Herrschaft, thematisiert, sondern bloß noch politisch-bürokratisch, das heißt in ihrer “negativen” Bedeutung einer gegen das mögliche Aufbegehren der energetischen Substanz gerichteten Umfunktionierungs- und Entstellungstechnik zwecks repressiver Erhaltung und Kontinuierung der etablierten Herrschaft wahrgenommen wird, büßt gesellschaftliche Herrschaft zwangsläufig jedes Moment von genetischer Begründung in beziehungsweise Herleitbarkeit aus dem gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß ein und nimmt die Züge einer Struktureigentümlichkeit und relationslos fixen Gegebenheit des Systems an, gegen die man zwar jederzeit symptombildnerisch aufbegehren, die systemverändernd anzugreifen, man aber schlechterdings nicht mehr hoffen kann. Eine genetische Komponente eignet Herrschaft höchstens noch im initiativ-historischen Sinne, das heißt im Blick auf ihre erstmalige Entstehung in grauer Vorzeit, nicht aber mehr im konstitutiv-systematischen Verstand, das heißt unter dem Blickwinkel ihrer ständigen Erneuerung unter den um ihretwillen herrschenden Bedingungen. Dem so in unvermitteltem Nebeneinander existierenden abstrakten Bewußtsein vom historisch-prozessualen Gewordensein einerseits und konkreten Wissen vom systematisch-kategorialen Gegebensein der Institution Herrschaft andererseits entspricht die Kritik an ihr, die zwischen der in kulturtheoretischer Radikalität auftrumpfenden abstrakten Forderung nach Befreiung von ihr und der in der psychoanalytischen Praxis gestaltgewordenen konkreten Bemühung um Versöhnung mit ihr haltlos hin- und herwechselt.

Es ist dieser durch die Psychoanalyse paradigmatisch entfaltete Begriff von gesellschaftlicher Herrschaft als einer um das Moment ihrer systemimmanenten Genese gekürzten, relationslos-kategorialen oder grundlos-fixen Gegebenheit des Systems, den Postone mit seiner strukturalistischen Wertabstraktionsvorstellung übernimmt. Eben das Konstrukt einer um den Preis aller produktiv-ökonomischen Bedeutung aufs rein repressiv-politische Verwaltungshandeln reduzierten Herrschaft, das die Psychoanalyse unter dem Deckmantel ihrer Beschäftigung mit innerpsychischen Vorgängen einführt, wird von Theorien wie der Postoneschen aus dem psychologischen Bereich in die gesellschaftliche Sphäre zurückprojiziert und dort als zureichendes Beschreibungsmodell für die Wirkungsweise der die bürgerliche Gesellschaft und ihre Entwicklung bestimmenden ökonomischen Macht und Staatsgewalt zur Geltung gebracht. Die ubiquitär determinierende Wertabstraktion spielt in der Theorie Postones exakt die Rolle, die in der psychoanalytischen Theorie das repressiv-zensurierende Überich spielt: die Rolle einer Instanz, die deshalb, weil sie nicht mehr als produktiver Faktor und alldurchdringendes Expropriationsverhältnis, sondern nur noch als konstitutives Transzendental und allgegenwärtige Strukturbestimmung zur Geltung kommt, auch höchstens noch in abstracto des geschichtsphilosophischen Begriffs als eine historisch gewordene Realität gewußt und in concreto aller gesellschaftstheoretischen Analyse vielmehr als ein systematisch unaufhebbares Existential erfahren wird. Was Wunder, daß gegen dieses alle gesellschaftlichen Verhältnisse strukturierende Existential, das Veränderung nicht mehr im Sinne einer es selber betreffenden qualitativen Entwicklung, sondern bloß noch in der Funktion einer quantitativ extensiveren oder intensiveren Erfassung des von ihm Strukturierten zuläßt, nur noch verkürzt triebhafte symptomatische Aus- und marginale Durchbrüche, nicht hingegen mehr historisch bestimmte objektive Gegenentwicklungen oder fundamentale Unterminierungsprozesse denkbar sind.

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Daß die im Postoneschen Wertabstraktionsbegriff nicht anders als in der psychoanalytischen Zensurinstanzfigur durchgesetzte Formalisierung gesellschaftlicher Herrschaft zur aller ökonomischen Genese baren rein bürokratischen Repressionsfunktion kein Phantasieprodukt Freuds oder Postones ist, versteht sich von selbst. Voraussetzung dieser theoretischen Transzendentalisierung gesellschaftlicher Herrschaft ist vielmehr deren die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft der letzten beiden Jahrhunderte bestimmende praktische Etablierung als Leviathan, als hybrides Geschöpf aus ökonomischer Macht und politischer Autorität, ist mit anderen Worten der geschichtsmächtige Umstand, daß die bürgerliche Klasse in dem Augenblick, in dem sie ökonomisch an die Macht gelangt, dieser Macht sich politisch auch schon wieder entäußert und sie in Staat wirft, das heißt, sie sei’s einem direkten Erben des vorbürgerlichen Staatswesens, sei’s einem dem traditionellen Staatwesen nachgebildeten Kunststaat zu treuen Händen übergibt, damit dieser sie im Interesse des Bürgertums zwar, aber auch in entscheidenden Punkten über dessen Kopf hinweg, verwalte und als dem Anschein nach gesamtgesellschaftliches Gut zur Geltung beziehungsweise als vorgeblich klassenübergreifende Bestimmung zum Tragen bringe. Indem sich so die ökonomische Macht in den Panzer der politischen Gewalt hüllt, das Kapital sich hinter dem Pseudos des Staatsapparats verbirgt, legt es die empirische Erkennbarkeit eines aus den gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen hervorgehenden sozialen Unterwerfungs- und Expropriationsmechanismus ab und nimmt statt dessen den transzendentalen Charakter eines quasi herkunftslos über den Reproduktionsprozessen thronenden und nurmehr der eigenen Herrschaftslogik verpflichteten, gouvernementalen Unterdrückungs- und Organisationsinstanz an. Diese zunehmende “Verstaatlichung” des Kapitals, dieses fortschreitende Verschwinden der ökonomischen Macht in und hinter der Maske einer mit innergesellschaftlichen Kräfte- und Ausbeutungsverhältnissen nichts mehr zu tun habenden und damit aller historischen Dynamik entzogenen übergesellschaftlichen Gewaltausübung ist dazu angetan, noch dem beherztesten und unbestechlichsten Gesellschaftskritiker den Sinn zu verwirren. Im Normalfall bringt solche Maskierung des Kapitals, die sich im Unterschied zur traditionellen indirekten politischen Funktion der Ökonomie als direkte “Politisierung” begreifen läßt und die ihren vorläufigen historischen Höhepunkt im Faschismus gefunden hat, die Gesellschaftskritik dazu, die ökonomische Dimension an gesellschaftlicher Herrschaft überhaupt aus den Augen zu verlieren und gesellschaftliche Veränderung für ein reines Problem pädagogisch-psychologischer Einwirkungen und herrschaftsfrei intersubjektiver Diskurse zu erklären. Im Falle der impliziten Gesellschaftskritik der Psychoanalyse und der expliziten Postones hingegen zeitigt die Maskierung den fast schon komplementären Effekt, daß der ökonomische Hintergrund sich in der Theorie nicht etwa verflüchtigt, sondern im Gegenteil zum irrationalen Moment der Identität und Beharrungskraft politischer Herrschaft, zu ihrem integralen Strukturmerkmal oder eingefleischten Skelett verfestigt und damit eine distanzlose Aktualität und geschichtslose Präsenz gewinnt, die, wie geschildert, gesellschaftliche Veränderung nur noch als eruptives Aufbegehren, als symptomatisch-fruchtloses Löcken wider den Stachel des in Wahrheit bereits als der gesellschaftseigene Knochenbau anerkannten staatskapitalen Zwangsapparats vorstellbar sein läßt (wobei natürlich die Psychoanalyse mit ihrem praktisch-analytischen Verfahren doch wieder auf die Linie des herrschaftsfreien Diskurses einschwenkt, um mit seiner Hilfe ihre eigene Diagnose vom [psycho]ökonomisch strukturierten, unaufhebbaren Zwangsapparat therapeutisch-aufklärerisch Lügen zu strafen).

Die Bereitschaft Postones, die empirische Amalgamierung der ökonomischen Macht mit der politischen Herrschaft, die praktische Identifizierung des Kapitals mit dem Staat theoretisch festzuschreiben, wie sie in der Vorstellung von der Wertabstraktion als einer ebenso alldurchdringenden wie alles dominierenden gesellschaftlichen Kategorie zum Ausdruck kommt, die selber keiner qualitativen Entwicklung mehr, sondern höchstens noch quantitativer Entfaltung zugänglich ist, – diese Bereitschaft zur Anerkennung des faschistischen Status quo als eines für die bürgerliche Gesellschaft insgesamt konstitutiven Transzendentals hat übrigens auch verheerende Auswirkungen für Postones Verständnis historischer Vorgänge und die Beurteilung ihrer spezifischen Funktion und Bedeutung. So etwa und paradigmatisch, wenn Postone zwischen ökonomischer und politischer Egalität, zwischen der abstraktiven Gleichmacherei im Zuge der Universalisierung der Wertbeziehung und der legislativen Gleichmacherei im Rahmen der Durchsetzung eines allgemeinen Staatsbürgertums eine auf schiere Austauschbarkeit hinauslaufende Parallele zieht und mithin dem modernen Staat von Beginn seiner Entstehung Ende des 18. Jahrhunderts an eine der Kapitalherrschaft und ihrer Entwicklung ebenso getreulich nachgebildete wie vorbildlich zuarbeitende Konsequenz unterstellt. Postone übersieht, daß diese der ökonomischen Identifizierung aller Verhältnisse durch die Wertabstraktion ebenso analog wie dienstbar gesetzte politische Egalisierungsfunktion allererst Charakteristikum jenes Staates ist, den das Kapital als faschistischen Einheitsstifter und Sozialfriedensgarant, mithin als politisch maskierten Vertreter rein ökonomischer Interessen mit Beschlag belegt hat. Unter dem Eindruck des mit dem faschistischen Staat erreichten Status quo kann Postone offenbar nicht mehr wahrnehmen, daß etwa der staatlich-politische Gleichheitsgrundsatz der Französischen Revolution noch eine wesentlich andere Funktion hat als die staatlichen Gleichschaltungsprogramme des 20. Jahrhunderts und nämlich mit der Befreiung der bürgerlichen Marktgesellschaft von aristokratisch-ständischer Ungleichheit und Privilegierung nach dem Bekunden von Aufklärern wie Rousseau und Kant zugleich die Sicherstellung der egalitären bürgerlichen Gesellschaft gegen die Ungleichheit und Diskriminierung intendiert, die von der bürgerlichen Ökonomie selbst, der kapitalakkumulativen Reichtumsbildung, her droht. Die Art, wie Postone diese historischen Differenzen aus dem Auge verliert beziehungsweise zugunsten einer von politischer Romantik nicht eben weit entfernten Fundamentalkritik an den Prinzipien der egalitären Gesellschaft der Neuzeit einebnet, legt beredtes Zeugnis ab von dem prägenden und vielmehr deformierenden Einfluß, den der faschistische Egalitarismus der Moderne mit seiner Degradierung von Staat und Politik zum Hilfsmittel ökonomischer Gleichschaltung auf die Reflexion seiner Kritiker nicht weniger als auf die Ideologie seiner Repräsentanten ausübt.

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Die spezifische Modalität, in der Postone nach dem Modell der Psychoanalyse gesellschaftliche Herrschaft wahrnimmt und kritisiert, ist also keineswegs eine Willkürtat des reflektierenden Subjekts, sondern hat vielmehr durchaus ihr historisches Realfundament. Aber den Faschismus des kapitalen Staats als Struktureigentümlichkeit der Moderne zu reflektieren ist eines, ein anderes ist, ihn als diese Struktureigentümlichkeit strukturalistisch zu akzeptieren und das heißt, ihn in der enthistorisierten Form eines für alle bürgerliche Gesellschaft verbindlichen Transzendentals zur Rahmenbestimmung auch und gerade der eigenen Reflexion zu erheben. Insofern Postone dies tut, bleibt die Frage, warum er es tut. Was die mit der faschistischen Herrschaftsform bei aller Kritik an ihr dennoch auf vertrackte Weise einverständige Betrachtungsweise Postones theoretisch wegschafft, ist die durch diese Herrschaftsform in praxi eskamotierte ökonomische Genese von Herrschaft aus den gesellschaftlichen Reproduktionsverhältnissen beziehungsweise ihre politische Entstehung aus dem Kampf sozialer Klassen. Herrschaft wird theoretisch als das vorgestellt, als was sie in praxi des faschistischen Staats erscheint: als ein der Gesellschaft unvermittelt übergestülpter, ebenso uniformistisch integrativer wie bürokratisch repressiver Mechanismus. Dafür, daß er in merkwürdiger theoretischer Konspiration mit der Praxis des Faschismus darauf verzichtet, den Kapitalprozeß und den Klassenkonflikt, die ökonomische Quelle und die soziale Basis gesellschaftlicher Herrschaft in die Reflexion der letzteren aufzunehmen, kann Postone eigentlich nur eines von zwei möglichen Motiven haben: entweder er will von jener Quelle und Basis der Herrschaft als von einer realen Macht nichts mehr wissen, oder er kann an sie als an eine revolutionäre Kraft nicht mehr glauben. Ist ersteres der Fall, so handelt es sich bei der Postoneschen Gesellschaftskritik einfach nur um liberale Ideologie, um den Versuch des aufgeklärten Bürgers, Kritik am politischen System zu üben, ohne die ökonomische Grundlage des Systems, von der man als Bürger selbst profitiert, in Gefahr zu bringen, kurz gesagt, um den systemstabilisierenden Versuch, Staatskritik zu üben, ohne an den anatomischen Kern des kritisierten Gebildes zu rühren. Ist hingegen letzteres der Fall, so handelt es sich bei Postones Gesellschaftskritik um linke Melancholie, um den Versuch des desillusionierten Intellektuellen, den faschistischen Status quo “realistisch” zu denken und das heißt, als einen jeder qua Ökonomie inneren Sprengkraft beraubten, jeden klassenförmig revolutionären Subjekts baren Verblendungszusammenhang zu thematisieren. Weil den ökonomischen Bedingungen und sozialen Klassenverhältnissen keine erkennbare Eigendynamik, keine mobilisierbare Kraft zur Veränderung mehr eignet, weil der faschistische Staat beides fest im Griff beziehungsweise überhaupt als Problem erledigt zu haben scheint, sieht sich der Intellektuelle berechtigt, die Analyse kapitalistischer Produktionsprozesse und Klassenkonflikte überhaupt ad acta zu legen und seine Gesellschaftskritik auf Staatskritik einzuschränken, anders gesagt, die Kritik der politischen Ökonomie zu einer Kritik der bürokratischen Despotie sich verkrümeln zu lassen. Nirgends indes steht geschrieben, daß sich die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft mit Ökonomie und Klassentheorie nur zu befassen brauche, solange noch Hoffnung auf eine proletarische Revolution, eine durch die Produzentenklasse getragene Veränderung der Gesellschaft bestehe. Wer seine politisch-ökonomische Analysebereitschaft auf solche Weise konditioniert und einschränkt, setzt sich vielmehr dem Verdacht aus, daß er die revolutionäre Perspektive nur im Augenblick ihres historischen Untergangs noch einmal verklärend aufgegriffen und romantisierend kultiviert hat und daß er ihr endgültiges Verschwinden nutzt, um zusammen mit ihr gleich auch den Zwang zur Reflexion auf die ökonomischen Grundwidersprüche der Gesellschaft und auf die in unserem gesellschaftlichen Reproduktionsmechanismus angelegte katastrophische Konstitution loszuwerden. Das heißt, der melancholische Linke unterliegt dem Verdacht, daß er sich ganz ähnlich wie sein ideologisches Pendant, der liberale Bürger, nur deshalb auf Staatskritik beschränkt und Kapitalkritik als eine ebenso gleichgültig vorausgesetzte wie endgültig abgeschlossene Disziplin links liegen läßt, weil ihm die Stabilität des von ihm gescholtenen staatsförmig organsierten Verblendungszusammenhangs insgeheim zusagt und er von dem wesentlich ökonomisch bedingten Potlatch, in das die kapitalistische Verfassung der gesellschaftlichen Reproduktion unsere Gesellschaften hineintreibt, lieber nichts wissen will. Schließlich ist bloß deshalb, weil kein revolutionäres historisches Subjekt mehr existiert, die kapitalistische Gesellschaft nicht schon gegen Veränderung gefeit: diese nimmt im Gegenteil höchstens jene naturkatastrophisch subjekt- und ziellose Unaufhaltsamkeit wieder an, die vor Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft mit dem Begriff der Revolution als einem kosmisch-astronomischen Ereignis verknüpft war. Und diesen naturkatastrophischen Prozeß der Gesellschaft zu erkennen und zur Diskussion zu stellen, bleibt für uns bürgerliche Intellektuelle, die der Schwerkraft ihres Bürgerseins nichts als die Kraft des Gedankens, der melancholischen Gemütlichkeit im “Hotel Abgrund” nichts als die Anstrengung des Begriffs entgegenzusetzen haben, allemal eine lohnende Aufgabe.

Daß die Gesellschaftskritik Postones mit ihrem um jede produktive politische Ökonomie gekürzten und rein staatsförmig repressiv gedachten Wertabstraktionsbegriff am Ende wirklich eher zur Beschwörung als zur Kritik der kapitalistischen Verhältnisse taugt und mithin von einer heimlichen Lust an dem mit der staatsförmigen Repression einhergehenden Stabilitätsversprechen zeugt, genau dafür steht symptomatisch der Strukturalismus des Postoneschen Ansatzes ein: dies, daß ihm die wesentlich historische Bestimmtheit des Bildes, das er von der Gesellschaft als einer wertabstraktiv-staatsrepressiv formierten entwirft, gar nicht mehr in den Blick gerät, daß ihm vielmehr der dieses Bild prägende Faschismus der Gegenwart als transzendentaler Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt erscheint.

aus: Kritik und Krise 6 (1993),
hrsg. von der Initiative Sozialistisches Form, ça ira Verlag 1993

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