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Zur Kritik der subjektivistischen Oekonomie

Alfred Sohn-Rethel

a) Die Hypostasierung der wirtschaftlichen Ration

Man hat die Grundsätze der subjektivistischen ökonomischen Theorie auf sehr verschiedene Weise vertreten und formuliert – als ontologische Aussagen über den objektiven wirtschaftlichen Seinsbestand oder als methodologische Hypothesen von bloß heuristischem Geltungswert, als psychologische Realitäten, als phänomenologische Wesenheiten oder als logische Formen, und andere Verschiedenheiten noch –, und ungeachtet aller Unter­­­schiedlichkeiten in ihrer Auffassung und Bewertung sind diese Grundsätze selber mit frappierender Konstanz stets die gleichen geblieben. Manche (so Schumpeter) legen das nachdrücklichste Gewicht darauf, daß sie lediglich »wesentlich willkürliche Annahmen« seien, aber alle Willkür brachte es auch bei ihnen nicht zuwege, etwas wesentlich Andres anzunehmen als die Ontologen des Grenznutzens schon vor ihnen. Man formulierte die Grundsätze wohl ein wenig anders, man paßte sie einem andren erkenntnistheoretischen Standpunkte an, aber der Sache nach blieben sie ganz die gleichen. Die Meinungs­­verschiedenheiten betreffen faktisch bloß ihren Gebrauch, drehen sich um die Art und Weise, wie man im allgemeinen und im einzelnen mit der Handvoll Theoreme, die man hat – »Wertfunktion«, »Grenznutzen« und »Gesamtwert«, »Substitutionsprinzip« und »Tausch­­­relation«, »Zurechnung«, »Interdependenz« und »Gleichgewicht« – operieren solle, um die ökonomischen Probleme, die gestellt sind, am besten zu erfassen. Es ist ein Streit um die Methodologie der subjektivistischen Grundsätze, nicht um diese selbst. Von ihnen läßt sich wohl sagen: Formuliert sie, wie ihr wollt, nehmt sie, wofür ihr mögt, sie bleiben immer dieselben.

Aber was sind dann diese Grundsätze? Wenn sie faktisch nicht aus der methodologischen »Wahl« der Theoretiker entspringen und nicht deren mehr oder weniger gelungene Einfälle sind – und das sind sie ganz gewiß nicht – , so haben sie innerhalb der subjektivistischen Oekonomie 15 axiomatischen Charakter und müssen einen ganz bestimmten, durchaus nicht variablen, sondern absoluten Ort ihrer Geltung und eine ganz eindeutige Wurzel haben. Welche ist das nun? Diese Frage ist wichtig, ja wir halten sie zur Beurteilung der gesamten subjektivistischen Theorie für entscheidend. Wenn diese Axiome ihr eigenes Wesen haben, so läßt sich mit ihnen methodologisch auch nicht machen, was man will, sondern sie bestimmen dann umgekehrt den Geltungscharakter, das Geltungsgebiet, die Grenzen und das Anwendungsgebiet der Theorie, der sie zu Axiomen dienen. Wenn etwa in dem eignen Wesen dieser Axiomatik beschlossen läge, daß sie in einem grundsätzlich andren Felde ihre Geltung hat, als das der ökonomischen Problematik des Kapitalismus ist, so würde daran kein methodisches »Arrangement«, wäre es auch noch so kunstvoll und durchdacht, etwas ändern und jene zur Erfassung dieser Problematik fähig machen können. Und wenn es gleichwohl zur Aufstellung subjektivistischer Theorien von der kapitalistischen Wirtschaft gekommen ist, so wäre durchweg deren tatsächliche Leerläufigkeit erweisbar, so nämlich, daß diese Theorien zwar in sich stimmig sind, daß sie aber das geschichtlich wirkliche Problem der kapitalistischen Oekonomie überhaupt nicht in die Fänge bekommen, sondern es außerhalb ihres Begriffsbereichs sich in dämonischer Gewalt vollziehen lassen, um eines Tages selbst von ihm verschlungen zu werden. Darum, wenn wir bei der Frage nach dem Wesen der subjektivistischen Axiomatik selbst einsetzen, so ist es das Problem der Adäquatheit der sub­­jek­­tivistischen Theorie im Ganzen zu ihrem Gegenstand, d.i. zur Problematik der kapitalistischen Wirtschaft in ihrer geschichtlichen Wirklichkeit, das wir aufzurollen gedenken. Und in der Tat ist dies der Sinn und die Richtung der gegenwärtigen »Kritik der subjektivistischen Oekonomie«.

Zunächst, wann und wie ist man auf diese Axiomatik gestoßen? Wie zu aller verkehrswirtschaftlichen Analyse war der theoretische Ausgangspunkt der Tausch. Auch für die Klassiker war er es gewesen. Aber die Klassiker hatten den Tausch als die Grundform einer sich selbsttätig nach allgemeinen Gesetzen regulierenden Gesellschaft vor sich liegen gehabt, und ihre Tauschanalyse war die Begründung dieser Selbsttätigkeit, der Tausch der Ort und Geltungsträger ihrer objektiven Norm, des Wertgesetzes. Die subjektivistische Theorie stammt aus der Zeit, als in diese Selbsttätigkeit ein Bruch kam. Die Anhänger der klassischen Grundsätze und Anschauungen, soweit es solche Gläubige noch gab, sahen in dem veränderten Wege, den der Kapitalismus in den siebziger Jahren in wichtigen Ländern einschlug, in der grundsätzlichen Abkehr vom Prinzip der freien Wirtschaft, in der Wendung zum Schutzzoll, zur Sozialpolitik, zur aktiven Anteilnahme des Staats an den Interessen und Geschicken der Wirtschaft, andererseits in dem bedrohlichen Anschwellen der politisch organisierten Arbeiterbewegung und in ihrem Eindringen in die Parlamente, und auf der Seite der Wirtschaft selbst in der Gruppierung ihrer Zweige zu geschlosseneren Formationen und ihrer Interessen zu politischen Mächten und Parteien, in der alsbald auch beginnenden Tendenz zu organisierter Marktpolitik durch Kartelle – kurz in dieser an den verschiedensten Stellen etwa gleichzeitig und mit unwiderstehlichem Druck sich durchsetzenden Transformation des ganzen Baues der Wirtschaft, des Staats, der Gesellschaft sahen die Verfechter der klassischen Doktrin den Bestand des gesamten Systems bedroht, weil seine Gesetze außer Kraft gebracht würden, sein Regulativ ausgeschaltet, die Verknüpfung der Arbeitsteilung mit der freien Konkurrenz, der Geltungsgrund des »Wertgesetzes«, aufgehoben würde. Es war also die Frage nach den Bestandsgrundlagen des kapitalistischen Wirtschaftssystems neu gestellt. Hing dieses wirklich von der freien Konkurrenz ab, waren das »freie Spiel der Kräfte« und das klassische Wertgesetz tatsächlich seine unerläßlichen Bedingungen, oder war sein Grundgesetz vielleicht von anderer und allgemeinerer Natur, so daß es in seinem Bestande von dem gegenwärtigen Methodenwechsel nicht gefährdet und betroffen wurde? Und hierauf gab nun die neue Theorie die positive Antwort. Wo die Klassiker von der »freien Konkurrenz« sprachen, sagte man jetzt »Substitutionsprinzip«, wo sie sich auf das »freie Spiel der Kräfte« und die »Harmonie der Interessen« beriefen, erwiderte man ihnen mit der »Interdependenz« der wirtschaftlichen Größen und dem »Gleichgewichtszustand« ihres Systems, wo sie auf das »Wertgesetz« pochten, hielt man ihnen die Bestimmung der Austauschverhältnisse nach dem bloßen »Grenznutzen« entgegen. Denn mit dem Prinzip der Interdependenz war der Schutzzoll durchaus verträglich, mit dem indifferenten Prinzip des Gleichgewichts auch eine imperialistische Wirtschaftspolitik im Einklang, nach der Logik des Grenznutzens war, wenn es sein mußte, selbst der Monopolist noch ein korrektes kapitalistisches Wirtschaftssubjekt, und das Substitutionsprinzip war überhaupt das Regulativ jedes Wirtschaftens schlechthin. Kurz, man hatte eine Basis gefunden, von der aus der Kapitalismus so gut freier Konkur­­renzkapitalismus wie staatlich gelenkter oder privatmonopolistisch sich organisierender Ka­­­pi­­talismus sein konnte, ja eine Basis, auf der, wie es schien, der Kapitalismus sich überhaupt durch jedwede äußere Verfassung intangibel mußte durchhalten können, denn in der neuen Fassung waren seine Gesetze identisch mit den allgemeinen Gesetzen von »Wirtschaft« überhaupt und mit allen Formen von Gesellschaft gleich vereinbar. Und indem man dergestalt für die »Wirtschaft« die Fesseln der liberalen Grundsätze abgeschüttelt hatte, setzte man sie auch aus dem verhängnisvollen Automatismus frei, der sie in den Kreis des von Marx gezeichneten Untergangsschicksals bannte.

So wie die neue Theorie ihre Grundlagen formulierte, war der Gang ihrer Entwicklung der Gesellschaft wieder in die Hand gegeben, die Wirtschaft nicht mehr Schicksal und Verhängnis, sondern Instrument für den Willen zur Macht und zur Dauer, zur Expansion und zur Führung. Die subjektivistische Theorie inauguriert die Ära des manipulierten Kapitalismus und ist die ihm adäquate »bürgerliche Oekonomie«! – An ihrem neuen Standpunkt wurden daher nun die bisherigen Positionen zum antiquierten Dogmatismus von Ideologen und Doktrinären, die die Welt in Prinzipien einzufangen und ihr Heil von deren Verwirklichung abhängig glaubten. Man konnte sie leicht ad absurdum führen, im übrigen aber ihren Scheuklappen überlassen, derweil man selber »positive Arbeit« leistete und der wirklichen Welt gab, was die wirkliche Welt brauchte. Denn indem man die kapitalistische Wirtschaft zur Wirtschaft überhaupt, zur ökonomischen Sache selbst machte, hatte man in der Tat die Wirklichkeit selber, in der man stand, neu begründet, und nicht nur in der Oekonomie, sondern auf allen Gebieten der Erkenntnis war diese Wirklichkeit wiederum zur kritischen Instanz darüber geworden, was bloße Metaphysik und was Wissenschaft war.

Man hatte die Wirklichkeit der alten Kampfposition um Sein oder Nichtsein der bürgerlichen Welt aus der Hand genommen und sie auf einer neuen Ebene zu bloßer Empirie neutralisiert, auf deren Basis von neuem begonnen werden konnte; auch die politischen Alternativen griffen nicht mehr an die Wurzel der bestehenden Ordnung selbst, sie wurden zu Parteien, deren Differenzen erst auf ihrem vorausgesetzten Grunde sich erhoben. Es war, mit einem Worte, von neuem gelungen, den Standpunkt der gegebenen kapitalistischen Wirklichkeit mit dem Standpunkt von Wirklichkeit überhaupt und mit dem Standpunkt der Wissenschaft, ja der Wissenschaftlichkeit selbst zu identifizieren. Nur noch das praktische »Resultat« innerhalb dieser Wirklichkeit und für sie entschied über den Wert der Standpunkte, eine absolute, die Erfahrung selbst präjudizierende Wahrheit der Voraussetzungen gab es nicht; die früheren philosophischen Systeme waren jetzt bestenfalls noch als gewisse »methodologische Standpunkte « zu werten, ihre Philosopheme allenfalls als »Arbeits­­hypothesen« akzeptabel, auf deren bloße »Brauchbarkeit« und »Fruchtbarkeit« für die jewei­­ligen Zwecksetzungen und Aufgabenstellungen der empirischen Forschung es ankam. Dieser Positivismus, Pragmatismus und Empirismus war die Einstellung und Haltung, mit der man den wieder offen und frei gewordenen Weg in die Zukunft beschritt, vor deren unbeschränkt erscheinenden Möglichkeiten man stand wie jemand, der aus dem lähmenden Alpdruck eines schweren Schlafs in die unbelastete Wirklichkeit zurückkehrt. Man hatte noch einmal wieder ein Pathos gefunden, das Pathos des Erfolgs und des Vorrangs der »positiven Leistung« über alle philosophischen Verbindlichkeiten. Auf dieser Grundlage der rekonsolidierten kapita­­­listischen Wirklichkeit regte sich überall das »Wiedererwachen der Theorie«, denn auf diesem Boden durfte sie wiedererwachen, ja auf ihm brauchte man sie, um dieselben Probleme jetzt im eignen Sinne aufzugreifen, die bisher als feindliche Gefahr alles Leben der bürgerlichen Theorie erstickt hatten. Die Philosophen erkannten nun die »Geisteswissenschaften« nicht nur an, sie entdeckten sie sogar und schufen ihnen »erstmalig« die wissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Grundlagen. Sogar im Marxismus erkannte man plötzlich wahre Gehalte, denn so wie die Voraussetzungen der bisherigen »Systeme« an dem Himmel der Metaphysik und der »Religion« entschwanden, sanken die sozialen Bewegungen, die sie trugen, in bloße Empirie hinab, und die Soziologie erneuerte sich an der Aufgabe, sie auf Empirie auch wissenschaftlich und methodengerecht zurückzuführen. Und diesem neuen Verhältnis zur »Wirklichkeit« entspricht nun auch die sachliche Grundlage der neuen ökonomischen Theorie. Sie besteht im Grunde in der gleichen alten These, auf der auch die klassische Theorie schon beruhte, für die man jetzt aber eine neue, anscheinend nur aus der Empirie gezogene Begründung fand.

Die These der »bürgerlichen Oekonomie« war immer gewesen, daß ihre Kategorien natürliche und normativ gültige, und keine sozial und geschichtlich bedingten Kategorien sind. Denn die »bürgerliche Oekonomie« besteht selber eigentlich darin, die »Wirtschaft«, d.i. die kapitalistische Wirtschaft, zum Gegenstande einer eignen, selbständigen Wissenschaft zu machen, ihr also eine eigne »Natur« und eine eigene, in sich selbst oder in der »Sache« begründete Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit zu vindizieren. Mit jener These steht und fällt somit die Möglichkeit der Oekonomie als selbständiger theoretischer Wissenschaft. In der Weise jedoch, wie die Klassiker auf dieser These fußten, konnte sie nicht mehr vertreten werden. Denn erstens leitete sich bei ihnen die normative Gültigkeit der ökonomischen Theoreme aus der natürlichen Vernünftigkeit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung selber her, d.h. sie behaupteten normative Gültigkeit der ökonomischen Kategorien nicht bloß im Sinne der Unabhängigkeit derselben vom Gesellschaftlichen, sondern begriffen dieses unter ihr mit, behaupteten sie also im Sinne ihrer gesetzgebenden Gewalt auch für die gesellschaftliche Ordnung. Und diese Ineinssetzung von Oekonomie und Gesellschaftslehre, die der klassischen Theorie so teuer zu stehen gekommen war, die sich aber eben auch nur aus ihren metaphysischen Prämissen erklärte, war jetzt vor allen Dingen zu zerschlagen; es war zu einer unbedingten »methodologischen« Forderung geworden, die Theorie der Wirtschaft von den Theorien über die Gesellschaft zu trennen. Zweitens hatten die Klassiker das bloß erkenntnistheoretische Postulat einer inneren Notwendigkeit und Logik in der Ordnung der »Wirtschaft« mit der ontologischen Behauptung der äußeren, geschichtlichen Notwendigkeit des Daseins dieser Wirtschaft verwechselt, und indem sie damit der kapitalistischen Ordnung die ontologische Sanktion zu geben glaubten, war gerade dieser Anspruch zur gefährlichen Angriffsfläche geworden und von Marx geradezu durch die ontologische Begründung des notwendigen geschichtlichen Untergangs dieser Ordnung ersetzt worden. Also war es eine unbedingte »erkenntnistheoretische« Forderung, allen ontologischen Charakter in der ökonomischen Wissenschaft auf das Peinlichste zu vermeiden und das Problem der Wirtschaft ganz und gar von den Problemen der Geschichte zu trennen. Endlich aber hatte die klassische Verkupplung der ökonomischen mit den sozialen Problemen auch zu dem praktischen Übelstand geführt, den intakten Bestand und das reguläre Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft an ganz bestimmte Formen der Gesellschaft als Bedingungen zu knüpfen. Und jetzt kam es grade darauf an, diese Bindungen zu durchbrechen, die kapitalistische Wirtschaft aus den bisher (zumindest theoretisch) festgehaltenen gesellschaftlichen und staatlichen Formen herauszulösen und sie unter anderen fortzuführen. Es kam mithin auch theoretisch darauf an, ihre eigentlich konstituierenden Prinzipien so zu bestimmen und zu formulieren, daß sie von allen und jeden besonderen gesellschaftlichen Formen unabhängig erschienen und als auf ein Gesetz gegründet, das inmitten aller gesellschaftlichen und geschichtlichen Wandlungen inalterabel und zeitlos gültig bleibt. Es galt mit einem Worte, jener allgemeinen These aller bürgerlichen Oekonomie dadurch eine Begründung zu geben, daß man neue normative und natürliche Kategorien für sie fand, und diese Kategorien mußten nunmehr die natürlichen und normativen Kategorien des »Wirtschaftens« schlechthin und an und für sich sein. Das heißt aber: Man mußte das kapitalistische Wertphänomen, den Warenwert, zum bloßen Problem der »wirtschaftlichen Ratio« an sich machen! Nur auf diese Weise war aufs neue ökonomische Theorie als normative Wissenschaft möglich, d.h. nur so war eine neue und die jetzt geforderte bürgerliche Oekonomie möglich. Mithin, die theoretische Grundlage der subjektivistischen Oekonomie und zugleich ihr ganzes und einziges Geheimnis ist: die Hypostasierung einer normativ autonomen wirtschaftlichen Ratio!

Wie aber läßt sich eine wirtschaftliche Ratio im normativen Sinne hypostasieren und was bedeutet diese Ratio? Wir wollen nicht von der Art und Weise ausgehen, wie die Begründer der subjektivistischen Theorie sie gewonnen haben, obgleich ihre Reduktion des Wertphänomens an Deutlichkeit in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig läßt. Besteht doch diese Reduktion in dem Regreß, worin sie von dem spezifisch gesellschaftlichen und geschichtlichen Phänomen des interpersonalen Tausches, also doch des Warentausches, auf die Reflexion der tauschenden Subjekte zurückgehen, um diese Reflexion eines warentauschenden Subjektes als Fall von wirtschaftlich rationalem Denken überhaupt zu statuieren, das sie seinerseits dann für gewöhnlich am Robinson als seiner idealen Exerzierpuppe des näheren demonstrieren und im einzelnen auf seine Prinzipien bringen. Wollten wir uns aber nur hieran halten, so möchte unsre Kritik vielleicht nur auf den besonderen Weg bezogen werden, welcher gerade hier und speziell von den »Psychologen« der Grenznutzentheorie eingeschlagen wird, um die normative wirtschaftliche Ratio zu gewinnen, nicht aber auf die innere Bedeutung, die diese an sich selber hat, nicht also auch auf die subjektivistische Theorie überhaupt und in ihrem von aller Begründungsweise unabhängigen Wesen. Halten wir uns daher nur an die wirtschaftliche Ratio selbst.

Wenn man überhaupt ein besonderes »wirtschaftliches Denken« annehmen will, das von andern Arten des Denkens oder unseres »Vernunftgebrauchs« durch eine ihm eigen­­tümliche Logik oder eine nur ihm eigene rationale Norm unterschieden sei, d.h. soll überhaupt von »wirtschaftlichem Denken« die Rede sein können, so kann dasselbe schlechterdings nur als Wertrechnung bestimmt werden. Einerseits ist klar, daß nicht das Werten selbst seine Sache ist, da ihm das Quale der Wertungen, als aus gänzlich andren, nicht rationalen Quellen gespeist, vielmehr »je schon« als gegeben vorliegt (darum auch alles das, was das Faktum des Wertens selber an empirischen Bedingungen psychologischer, physischer, umweltlicher und sonstiger Art in sich schließt). Vom Werten ist das wirtschaftliche Denken dadurch unterschieden, daß es Denken und durch und durch rational ist; es bezieht sich zwar auf Werte, aber nur, um mit ihnen zu rechnen, und dieses Rechnen und nur es ist der Inhalt aller seiner Operationen. Andererseits ist es von sonstigen Arten des Rechnens dadurch spezifisch verschieden, daß sich seine Ratio, obgleich pure Ratio, eben auf Werte bezieht, also daß es nicht das Rechnen überhaupt (bloße Algebra und Mathematik), sondern speziell das Rechnen mit Werten ist; und diese Werte und nur sie bilden den Maßstab seines Rechnens. Somit: Rechnen überhaupt, aber mit Werten, und Werte jeder Art, aber sofern mit ihnen gerechnet wird, – in diesem Sinne ist Wertrechnung die Definition von »wirtschaftlichem Denken«, und zwar die einzig mögliche Definition, die sich finden läßt, wenn man im normativen Sinne die besondere genus »wirtschaftliches Denken« prägt. Und in der Tat, wenn man die Frage stellt: Was ist ein »wirtschaftlicher Wert«? – so ist darauf materiell gar keine eindeutige Antwort zu geben, denn ein wirtschaftlicher Wert kann ebensogut ein Paar Schuhe wie die Farben eines Malers oder die Weihkerzen für einen Gottesdienst sein. Die Frage kann vielmehr nur heißen: Wann erhalten ein Paar Schuhe oder die Farben oder die Weihkerzen die Bedeutung von wirtschaftlichen Werten? Und darauf gibt nun die Praxis der modernen Gesellschaft die sehr eindeutige Antwort: wenn sie nur für Geld zu haben, d.h. wenn sie Waren sind; denn ihr Charakter als Waren zwingt dazu, mit ihnen als Werten zu rechnen. Die »wirtschaftliche Ratio« ist nicht Sache des Wirtschaftens – da sie ja eben nicht bloß wirtschaftliche, sondern geradesogut ästhetische, religiöse, moralische Sachgehalte betreffen kann –, sondern sie ist Sache der Warenform. Die Warenform ist es daher, und zwar essentiell, was in Wahrheit von der subjektivistischen Theorie zur normativ autonomen Ratio des Wirtschaftens hypostasiert und aller ökonomischen Wissenschaft als das System der »reinen Oekonomie« oder der »ökonomischen Statik« zugrundegelegt wird. Die subjektivistische Oekonomie ist der Standpunkt der absoluten Befangenheit im »Fetischcharakter der Ware«; während die klassische Theorie doch wenigstens noch das »ontologische« Bedürfnis hatte, in ihren »ökonomischen Gesetzen« die geschichtliche Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft zu fassen, hat die subjektivistische Theorie auch dieses Fenster noch geschlossen und sich licht- und schalldicht in die Warenform eingemauert, um sich deren Spiegelbilder als »reine Oekonomie« an die Wände ihrer Blindheit zu projizieren.

Die Identitätsreihe von wirtschaftlicher Ratio – Wertrechnung – Warenform enthält das ganze Geheimnis der subjektivistischen Wertlehre. Das ökonomische Wertphänomen steckt in der Warenform oder ist diese selbst. Die subjektivistische Theorie trennt es von ihr, verselbständigt es und macht es zur »wirtschaftlichen Ratio«. Damit erhält es einen Titel, unter dem es ein Andres geworden scheint, und durch ein Quid pro quo hat man den Deduktionsgrund gewonnen, aus dem das Wertphänomen aufs neue und als aus originärer Quelle hergeleitet werden kann. Und in Wahrheit ist doch die Findung dieses Andren eine bloße Hypostasierung und die Setzung der wirtschaftlichen Ratio nur das Voraussetzen des Wertphänomens; denn wirtschaftliche Ratio ist Wertrechnung, und eben das bloße Faktum von Wertrechnung ist schon das ganze Wertphänomen. Um jetzt noch das Begründung­­sproblem des Wertphänomens zu stellen, müßte man gradezu die Ursprungsfrage der »wirtschaftlichen Ratio« stellen und – stünde mitten in der uferlosesten Metaphysik; denn da die wirtschaftliche Ratio als normativ autonom hypostasiert ist, wäre das die Frage nach dem Ursprung des Normativen und der Geltung überhaupt, beträfe also die Antinomie von Geltung und Genesis, die sich bekanntlich bei allen idealistischen Problemstellungen als unlösbares Welträtsel auftut. Man sieht, das echte und wirkliche Begründungsproblem des ökonomischen Wertphänomens ist hier definitiv abgeriegelt, ist aus dem gesamten Fragekreis der Theorie ausgesperrt und eliminiert, es kommt vom Anfang bis zum Ende der subjektivistischen Oekonomie für dieselbe nicht mehr vor; es ist zu der unmöglichen Frage schlechthin geworden, und die wirkliche Begründungsfrage des Wertes steht im Zeichen purer Metaphysik. An ihrer Stelle steht die »bescheidene«, aber »einzig wissenschaftliche« Aufgabe, die Wertrechnung nur in sich selbst und nach ihren bloßen gedanklichen Voraussetzungen und Formen zu analysieren und diese Formen als die reinen, originären und logisch normativen Prinzipien der wirtschaftlichen Ratio überhaupt zu formulieren, sodaß sie nun als die apriorischen Geltungsnormen des Wirtschaftlichen über aller Geschichte schweben und den Warenwert als einen bloßen Spezialfall ihrer Anwendung unter sich begreifen. Zum Unglück ist aber die Ebene des Begründungsproblems des Wertphänomens die Ebene der gesamten geschichtlich wirklichen Problematik der kapitalistischen Warenproduktion, weil diejenige, deren Ausgeburt und bloßer Spielball gleichsam das Wertphänomen und die Warenform selbst erst sind, und so ist denn durch die Hypostasierung der wirtschaftlichen Ratio nichts geringeres als die gesamte wirkliche Problematik des Kapitalismus aus dem Begriffs- und Gesichtsfeld der subjektivistischen Oekonomie ausgeschlossen. An ihre Stelle tritt die Exegese der Warenform, die hier als »reine Oekonomie« die Weihen des character indelebilis empfangen hat; die Fluten der geschichtlichen Welt haben sich zerteilt in den normativen Kanon der »ökonomischen Geltung« hier und die formlose Mannigfaltigkeit von empirischen »Daten« dort, wobei die Mannigfaltigkeit der Gnade ökonomischer Ordnung und Gesetzmäßigkeit nur teilhaftig wird, soweit es durch »heuristische Konstruktionen« und kunstvoll durchdachte »Arrangements« dazu gebracht werden kann, sich jenem Kanon unterzuordnen und als ihm gemäß zu erscheinen. Wie bei Kant die objektive Erfahrung, so beruht bei den Subjektivisten die ökonomische Ordnung auf reinlicher Scheidung: der normative Kanon des wirtschaftlichen »Vernunftgebrauchs« ist ihre reine Form, das historisch »Gegebene« ihr bloßer Stoff. Und wie bei Kant an die Stelle des Begründungsproblems der Wirklichkeit die »Analytik der Er­­kenntnis«, so tritt in der subjektivistischen Oekonomie an die Stelle des Begründungs­­problems der kapitalistischen Warenproduktion die Analytik des »wirtschaftlichen Denkens«.

Das wirtschaftliche Denken ist ihr dabei originär gegeben, gegeben daher auch dessen essentialer Gehalt als Wertrechnung. Aufgegeben ist die Wertrechnung als das autonome Vermögen der wirtschaftlichen Ratio, die Quantifizierung der Werte als gemäß den bloßen Prinzipien derselben zu erfassen. Denn da die wirtschaftliche Ratio als normativ autonomes Vermögen und also als der originäre Urquell aller ökonomischen Geltung verstanden wird, so stehen ihr andre Hilfsquellen nicht zur Verfügung als die sie allein in sich selber hat (– die Warenform ist das alleinige und autonome Vermögen der ökonomischen Norm). Da nun Wertrechnung das Rechnen mit Größen nach dem Maßstab von Werten ist, so liegt ihr zuunterst eine Maßbestimmung von extensiven Data nach intensiven Data zugrunde. An und für sich aber haben äußere oder extensive Vorgänge ihrem empirischen Charakter nach mit inneren und intensiven Vorgängen nicht das mindestursprüngliche Beziehungs- und Vergleichsverhältnis, sie sind einfach nur anders, mag im übrigen im gegebenen Falle eine Kausalität zwischen ihnen bestehen bzw. angenommen werden oder auch nicht. Das Eigene der Wertrechnung jedoch ist, daß sie eine solche Beziehung, nämlich ein quantitatives Maß­­verhältnis zwischen beiden voraussetzt, es als bestehend fordert, und mit dieser Forderung hebt sie eigentlich an. Nun sollte wohl die Frage sein, woher diese Forderung stammt, das wäre aber, woher es zum Faktum der Wertrechnung selber kommt; diese Frage würde den fetischistischen Bannkreis sprengen, das Begründungsproblem des Wertes wieder aufbrechen, denn diese Forderung liegt in der Warenform verankert, in der die Gütermengen als Wertgrößen auftreten. Als Waren treten die Güter den Menschen so vor Augen, daß jene Forderung »je immer« erfüllt ist; die Frage wäre also, warum die Güter Waren sind, womit man sich im Felde geschichtlicher Wirklichkeit befände. Im subjektivistischen Ansatz ist aber dieser Weg gerade gesperrt; wie die Warenform selbst als normativ originäre wirtschaftliche Ratio, so tritt hier jene primäre Forderung der Wertrechnung als deren ursprüngliche Anlage und ihre Erfüllung als deren spontanes Vermögen auf. Damit entzieht sich das eigentliche Problem des Wertes vor allen weiteren Fragen ins Dunkel der apriorischen Möglichkeit, und für die subjektivistische Theorie ist die Frage nur, welche Form das Maßverhältnis hat, das hier statthaben soll, denn daß es statthat, ist in der Hypostasierung des wirtschaftlichen Denkens als Voraussetzung enthalten. Diese bloße Form des Maßverhältnisses ist aber axiomatisch und mit der Apodizität eines »transzendentalen Grundsatzes des reinen Verstandes« in dem Verhältnis gegeben, das überhaupt zwischen extensiven und intensiven Data besteht, wenn zwischen beiden ein Maßverhältnis postuliert wird, d.h. wenn postuliert wird, daß in quantitativer Hinsicht das eine Datum die Funktion des andren sein soll. Dieses Verhältnis ist nämlich, daß innerhalb einer solchen Beziehung die intensiven Quantitäten (als Grade) sich relativ zu den extensiven (als Mengen) immer überproportional verändern; und nur dies und nichts andres ist es, was die sogen. »Wertfunktion« ausspricht, nur dies also auch der eigentlich gültige Kern des sogen. »Grenznutzengesetzes«. Damit wäre aber, wenn das stimmt, die gesamte Grenznutzenaxiomatik, in welcher Form sie auch sonst immer vorgetragen werden möge, von A bis O als pure Logik angesprochen, nämlich als die Logik der Wertrechnung oder als die Logik desjenigen Verhaltens, das die kapitalistische Warenproduktion bei den waren­­tauschenden Subjekten impliziert: und es ist in der Tat unsre Ansicht, daß sie das sei.

Dieser Auffassung widerspricht nun allerdings die Art und Weise, wie das Grenznutzengesetz von den Begründern der neuen Theorie dargestellt worden ist, denn von ihnen wird es als rein empirischer Tatbestand ausgegeben, der auf Seiten der Güter in ihrer (relativen) »Seltenheit« und auf Seiten der Subjekte in der Natur der menschlichen Bedürfnisse und ihrer Befriedigung, nämlich im »Gesetz der Bedürfnissättigung«, gründe. Ohne nun zunächst auf die Frage einzugehen, ob diese Begründungsweise in sich selber stimmt, wollen wir uns zuvor darüber klar werden, was denn hier eigentlich begründet werden soll, oder was begründet werden müßte, damit dem Anspruch der subjektivistischen Methode, eine Methode der ökonomischen Theorie zu sein, Genüge geschähe. Was also steht für die subjektivistische Theorie in ihrer Wertlehre eigentlich in Frage? Wenn die subjektivistische Methode die Warenform als wirtschaftliche Ratio hypostasiert, so logifiziert sie die Warenform. Sie folgt dem allgemeinen Rezept alles bürgerlichen Denkens, die Eigentümlichkeiten der bürgerlich kapitalistischen Welt zu normativen Problemen der Subjektivität zu machen; in dieser erscheinen sie dann als die unmittelbaren und ursprünglichen Formeigentümlichkeiten unserer »Ratio«, unseres »Denkens«, unserer »Vernunft«. In der Warenform aber stecken auch die besonderen Voraussetzungen, die ihr in der Geschichte faktisch zugrundeliegen; aber sie stecken auf eine besondere Weise darin, nämlich nur, soweit sie im gedanklichen oder begrifflichen Gehalte der Warenform und auch ihres subjektiven Korrelates, der Wertrechnung, als denknotwendige Voraussetzungen, Bestimmungen, Folgen angelegt sind und somit nach der Methode der logischen Analyse herausgeholt, explicit gemacht, auf ihre Prinzipien gebracht werden können. Diese explicit gemachten und auf ihre Prinzipien gebrachten inneren Voraussetzungen und denknotwendigen logischen Momente der Warenform qua Wertrechnung sind die subjektivistischen Theoreme. Sie entsprechen also den wirklichen geschichtlichen Voraussetzungen der Warenform, aber auf eine sonderbar entstellte Weise, in der sich ihr faktischer materialer Gehalt oder ihre wirkliche ökonomische Bedeutung nicht ohne weiteres erkennen läßt. Was bedeutet also das subjektivistische Prinzip der »Seltenheit«, und was mithin die Gründung des wirtschaftlichen Wertes auf die »Seltenheit«?

Was den Menschen im jungfräulichen Urwald zuwächst, hat keinen wirtschaftlichen Wert, Luft, die wir beliebig atmen, hat keinen wirtschaftlichen Wert, Wasser, das uns als Naturgabe vors Haus fließt, hat keinen wirtschaftlichen Wert. Sondern wirtschaftlichen Wert hat nur, was sein Dasein und die Maße, Qualitäten, Umstände, in denen es existiert, der menschlichen Gesellschaft verdankt, und zwar von allen Jahrtausenden der menschlichen Geschichte auf Erden her. In der kapitalistischen Gesellschaft haben diese Dinge, die ihr Dasein der Gesellschaft von ihrem ganzen geschichtlichen Weg her verdanken, die Form der Ware. Marx nennt dasjenige, vermöge dessen die Menschen in ihrem gesellschaftlichen Dasein miteinander Dinge hervorbringen, die nicht schon von Natur da sind, die Arbeit, und zwar die Arbeit nicht in ihrer bloßen Unmittelbarkeit, sondern ausgestattet und ausgerüstet mit der gesamten Erbschaft aller in den voraufgegangenen Zeiten der Geschichte erworbenen Fähigkeiten und Mittel, aber dies Ausgerüstete als menschliche Arbeit. Und weil nun in der bürgerlichen Gesellschaft die aus der geschichtlichen Leistung der menschlichen Gesellschaft stammenden Dinge im Unterschied von allem, was nur von Natur aus und für die Natur da ist, auch eine spezifische Form annehmen, eben die Warenform, so wird hier zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit deren eigentliche Grundlage sichtbar, die Arbeit, und zwar als »Arbeit sans phrase«, als Arbeit in ihrer puren, kategorialen Gestalt von menschlicher Arbeit überhaupt. Der natürliche Mystizismus und mystische Naturalismus, worin den Menschen ihre eigne geschichtliche Welt als theologisches Mysterium erschien, verschwindet hier, der Mensch hat es nur mehr mit sich selbst zu tun; aber er hat es in einer so eigentümlichen Form mit sich selbst und seiner menschlichen gesellschaftlichen Welt zu tun, daß er sich selber nun in dieser Welt auf dem Kopfe stehend begegnet und seine eigenen gesellschaftlichen Produkte, nachdem sie zu Waren enttheologisiert sind, ihrerseits selbst in einer mystischen Verkleidung auftreten. Aber diese Mystik hat schon nichts mehr mit Religion zu tun, sie ist purer Fetischismus, die mystische Verkleidung nur noch ihrer eignen menschlichen Verhältnisse für die Menschen; d.h. diesen Fetischismus aufzudecken will nicht mehr Ende der Welt oder Kommen des Messias, es will soziale Revolution besagen. Die Produkte der gesellschaftlichen Arbeit, und zwar von allen Jahrtausenden der Geschichte der Menschheit her, treten hier nicht als Arbeitsprodukte auf, sondern sie sprechen ihre Herkunft aus menschlicher Arbeit dadurch aus, daß sie als Wertgrößen auftreten. Aber weil dies doch eben zu einer besonderen Form der Aussprache kommt, wenn auch zu einer eigentümlich entstellten und verkehrten, so bezieht sich doch die Wertgröße hier notwendigerweise auf Arbeit, und zwar auf die gesellschaftliche Arbeit von allen Jahrtausenden der gesamt­­menschlichen Geschichte her. Die Warenform der Produkte ist es also, was sie als Produkte der gesellschaftlichen Arbeit ausspricht, wenngleich dazu gehört, daß jede einzelne Ware dies so aussagt, daß sie Wert hat und ihren speziellen Wert aus ihren speziellen Produktionskosten ableitet. Und dies darum, weil hier, in der bürgerlichen Gesellschaft, die gesamt­­gesellschaftliche Arbeit, ausgerüstet mit dem Erbe aller Jahrtausende der gesamtmenschlichen Geschichte, so organisiert ist, daß sie sich als Kooperation von lauter Privateigentümern der Produkte vollzieht. Die Ware sagt nicht Arbeit, sondern Wert, weil sie nicht ihrem Produzenten, sondern dem Eigentümer ihrer Produktionsmittel gehört; es stammt also nicht aus den Produktivkräften und der gesellschaftlichen Arbeit der Menschen als solcher – wie die klassische Theorie es mit Marxschen Worten ausgesprochen angesehen hatte –, sondern bloß aus den besonderen »Produktionsverhältnissen«, unter denen die gesellschaftliche Arbeit mit allen Produktivkräften im Kapitalismus steht. Die Beziehung, in der Arbeitsprodukte als Waren oder als Werte fungieren, ihr Kauf und Verkauf, ist die Beziehung ihrer Eigentümer, nicht ihrer Produzenten zu ihnen, aber sie würden sie nicht kaufen und verkaufen, wenn nicht die Arbeit sie produziert hätte, sondern wenn sie bloß von Natur aus da wären. In der bloßen Tatsache, daß eine zahlende Nachfrage sie sucht, und ein Angebot sie nur gegen ein Äquivalent hergibt, spricht sich aus, daß die Waren die Produkte der gesellschaftlichen Arbeit der Menschen, nicht Geschenke der Natur sind.

Diese selbe Tatsache aber benennt die subjektivistische Theorie mit dem Namen der »Sel­­ten­­heit« und sucht sie abgelöst von ihrer Grundlage als ein ursprüngliches Naturverhältnis zu begründen.

((.... Das Folgende nur andeutend skizziert... ))

Der Begriff der Seltenheit spaltet hier vollständig die Seite der Ware, nach der sie Wertform hat, von der andern, nach der sie gesellschaftliches Produkt ist; die »Seltenheit« fungiert als der Wandschirm, der dem Wertphänomen sein eignes Spiegelbild zurückgibt und eben dahinter die Ursachen des Wertphänomens den Blicken entzieht. Der Anblick der Ware von ihrer bloßen Wertseite her und gleichsam gegen den leeren Raum gehalten, zeigt an Stelle ihres ganzen gesellschaftlichen und geschichtlichen Hintergrundes nur dies schattenblasse Schemen der »Seltenheit«, denn nur als dieses Schemen ist jener Hintergrund in der Wertgestalt der Ware als logische Voraussetzung (!) enthalten, die aus ihr analytisch erschlossen werden kann. Auf den bloßen Titel der »Seltenheit« bezogen ist aber die Wertform der Ware zugleich auch von dem Quell, aus dem sie wirklich stammt, abgesetzt, und die weite Welt steht offen, sie hinzudeuten, wohin man immer will. Die Wertform hat sich von ihrer Ankerkette losgerissen, sie ist dämonisch geworden und verheimlicht in ihrer richtungslosen Blindheit, daß es die kapitalistische Wertform ist, mit der man die Welt als mit Gespenstern bevölkert. Aber so wenig sie in der Geschichte die Realitäten sieht, die ihr nicht entsprechen, so blind ist sie gegenüber der kapitalistischen Wirklichkeit, die ihr entspricht, von der sie aber nicht mehr weiß, warum, wie lange und nach welchen Maßen sie ihr entspricht. Und weil von dem Ankergrunde ihres wirklichen Seins durch die Beziehung auf das Schemen der »Selten­­­heit« losgerissen, so muß die Wertform jetzt in dieser »Seltenheit« selber ihren Seinsgrund suchen, denn dieser liegt ja auch wirklich in dem, was dieses Schemen verbirgt. Und so kommt es denn zustande, daß die subjektivistische Theorie sich mit der bloßen logischen Analytik der Wertform alias der Wertrechnung alias des »wirtschaftlichen Denkens« nicht zufrieden gibt, nämlich sich nicht zufrieden gibt und zufrieden geben kann, nur diese logische Analytik geleistet zu haben, sondern daß sie in ihr eine Begründung des Wertphänomens selber sucht, um dies als in sich selbst begründet auszugeben. Was aber liegt denn darin wirklich vor? Es wird die Wertseite der Ware, d.i. die »Produktionsverhältnisse« des Kapitalismus, gegenüber der gesellschaftlichen Arbeit, welche die Werte wirklich hervorbringt, d.i. gegenüber den »Produktivkräften«, verselbständigt. Es liegt also vor, daß die subjektivistische Theorie nur eine eigentümliche und eigentümlich umständliche Formulierung dafür ist, daß für den Kapitalismus der Zeitpunkt gekommen, wo, mit Marx gesprochen, seine »Produktions­­­verhält­­­nisse aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte in Fesseln derselben umschlagen«. Die Theorie der dämonischen Wertform ist die Theorie der dämonisch gewordenen kapitalistischen Produktionsverhältnisse, und die Form, in der diese Produktionsverhältnisse dämonisch werden, ist die Kumulation der Eigentumsbeziehungen in den monopolistischen Gebilden, in welchen auf dem Rücken und auf der Basis der Eigentumsverhältnisse der freien Konkurrenz übergeordnete Eigentumsverhältnisse sich bilden, die das Moment der Konkurrenz der früheren Stufe in der veränderten Form des »Substitutionsprinzips« als intensives Struk­­turgesetz in sich hineingenommen und in sich »aufgehoben« haben. Die subjektivistische Theorie, die ihren Stolz darin sieht, im Unterschiede zu den Arbeitswertlehren auch Monopolpreis erfassen zu können, erweist sich damit eben diesem Monopolkapitalismus zugeordnet. Damit aber, daß sie auch den Monopolpreis noch erfaßt, nämlich als den Prinzipien der wirtschaftlichen Rationalität gemäß begreift, erweist sie in Wahrheit nur, daß ihr Kriterium der wirtschaftlichen Rationalität erschlichen ist. Denn sie stellt die wirtschaftliche Rationalität der kapitalistischen Ordnung, die sie vor sich hat, garnicht zur Kritik, – was doch als theoretische Oekonomie, die sie sein will, ihre Aufgabe wäre –, sie hypostasiert sie als in sich selber garantiert und sanktioniert den Monopolkapitalismus nach dem gleichen logischen Prinzip, nach welchem Münchhausen sich am eignen Zopf aus dem Sumpf zog.

Wenn man das in der bürgerlichen Gesellschaft empirisch gegebene Wertphänomen rein als solches auf das Moment der »Seltenheit« seiner sachlichen »Träger« bezieht, so liegt darin an und für sich von all solchen Konsequenzen und Problemen garnichts vor. Diese Beziehung sagt lediglich, daß man sich für jetzt nicht um die ganze Ursachenproblematik des Wertphänomens kümmern, sondern das Wertphänomen nur in sich selbst untersuchen wolle, nach demjenigen nämlich, was es rein gedanklich bei den wertenden Subjekten in sich schließt. Und rein gedanklich sagt die Tatsache, daß man einem Dinge wirtschaftlichen Wert beimißt, allerdings nichts von gesellschaftlicher Arbeit, von Geschichte der Menschheit, von Produk­­­tivkräften und Produktionsverhältnissen, sie sagt rein gedanklich nur, daß es einen logischen Grund haben müsse, wenn man eine Sache wirtschaftlich wertet. Und diesen logischen Grund der wirtschaftlichen Wertung bei dem Subjekte, das sie vollzieht, in der (relativen) »Seltenheit« des betreffenden Gegenstandes zu erblicken, mag seinen guten Sinn haben; in der Tat heißt diese »Seltenheit« hier nur »wirtschaftliches Gut« und unterscheidet es von einem »freien Gut«. Aber weil bloß der logische Grund des Wertes, so besagt die »Seltenheit« eben auch nur wiederum das Wertphänomen selbst, denn der Hinweis auf sie sagt im Grunde genommen, das Wertphänomen »ist, wenn man . . . «, und es ist in der Tat, wenn man für ein bestimmtes Gut, um es zu haben, bereit ist, andres hinzugeben, und, um es wegzugeben, etwas andres dafür verlangt. Das ist nichts als die nähere logische Auseinandersetzung des im Wertphänomen vorliegenden Tatbestandes, und man weiß jetzt nur mit andren Worten noch einmal, was es nun in der ökonomischen Theorie zu erklären gelte. Marx erklärt es, denn er fragt nicht nach logischen Gründen, die das Werten, wenn es statthat, innerlich voraussetzt, sondern er fragt nach den Ursachen dafür, daß es statthat, nach den Ursachen also, warum in der bürgerlichen Gesellschaft die Menschen an jede Bedürfnisbefriedigung mit der Frage heranzugehen gezwungen sind, was sie kostet, somit nach der Ursache dafür, daß in der kapitalistischen Gesellschaft die Gegenstände der menschlichen Bedürfnisbefriedigung Waren sind. Und weil eine Untersuchung von Ursachen und Wirkungen, so faßt die Marxsche Analyse das geschichtliche Wirklichkeitsproblem der kapitalistischen Ordnung, während die Frage nach den logischen Gründen des empirisch vorgefundenen Wertens eine rein innerrationale Angelegenheit ist und nur die Bedeutung einer logischen Untersuchung des darin speziell vorliegenden gedanklichen Zusammenhanges hat. Gegen eine solche Untersuchung ist gar nichts einzuwenden, sie kann sogar für die ökonomische Theorie einen gewissen propä­­deu­­­tischen Wert besitzen. Aber daß sie zur ökonomischen Theorie selbst auf einer toto coelo verschiedenen Ebene liegt, ist aus sich selber klar; die Ebenen überschneiden sich nicht einmal. Die Ursache des Wertphänomens kann sehr gut in der besonderen Produktionsordnung liegen, die den Kapitalismus ausmacht, und der logische Grund des Wertens die »relative« oder »spezifische Seltenheit« sein, – im Gegenteil, wenn diese logische Angabe stimmt, so ist es eben dies Werten wegen der Seltenheit, wofür Marx die ökonomische Erklärung gibt. Aber hiermit ist denn den Absichten der subjektivistischen Oekonomie freilich auch gar nicht gedient. Sie will ja selber ökonomische Theorie sein, und eine solche, die an die Stelle der Marxschen treten kann. Nur das ist für sie der Sinn ihrer ganzen Wertrechnungsanalyse, und mag deren bloß logische Bedeutung zehnmal ihr einziger Wahrheitsgehalt sein, um dessentwillen hätte sie sich nie die Mühe gemacht. Sie meint mit der »Seltenheit« nicht den logischen Grund des Wertens, sie meint damit den Realgrund des Wertes. Für sie ist die »Seltenheit« durchsichtig für alle die ökonomischen Probleme, die sie als Wandschirm verdeckt, sie steht genau an der Stelle der gesellschaftlichen Arbeit, der die Waren nach dem ursächlichen Zusammenhang verdanken, daß sie »wirtschaftliche« und nicht »freie« Güter sind. Und so muß nun aus der logischen Analytik der Wertrechnung eine Ursachentheorie des Wertes gemacht werden, durch die jetzt alles falsch wird. Und nur pro rata dieser Verfälschung wird aus der Wertrechnungsanalyse eine ökonomische Theorie, und dann allerdings die bürgerliche Oekonomie zum Monopolkapitalismus, weil sie die Verwandlung zur ökono­­mischen Theorie dadurch vollzieht, daß sie die Wertrechnung zur Wertursache, daher die Wertform zum Wertquell macht, mithin im ersten Ansatz schon an die Stelle der wirtschaftlichen Rationalkritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse die Hypostasierung ihrer wirtschaftlichen Rationalität setzt und so der monopolkapitalistischen Dämonie dieser Produktionsverhältnisse für alles Unheil ihr theoretisches Valet auf den Weg gibt.

Um nunmehr auf die Art und Weise zurückzukommen, in der die Begründer der neuen Theorie ihre Wertlehre und das Grenznutzenprinzip vertreten haben, so ist ihre psycho­­­logistische Argumentation eben eine der Methoden, wie man versucht hat, der Wert­­­rechnungsanalyse anstelle des nur logischen Charakters, den sie in Wahrheit hat, den reali­­stischen Charakter zu vindizieren, den sie haben müßte, wenn sie zur Grundlage der ökonomischen Theorie tauglich sein soll. Wenn man dieser psychologischen Begründungs­­­weise glaubt, was sie vorgibt, so würden wir nicht mit unsren Bedürfnisobjekten als mit Werten rechnen, weil sie Waren sind, sondern sie wären Waren, weil wir mit ihnen als Werten rechnen, und daß wir mit Gütern als Werten rechnen, entspränge originär aus dem »Gesetz der Bedürf­­­nissättigung«; dieses also verursachte den Charakter aller Bedürfnisobjekte als Wertgrößen und verursachte mithin, daß sie als Wertgrößen produziert werden müssen. Hiernach steht also die Sache vollständig auf dem Kopf, und grade so auf dem Kopf stehend braucht die subjek­­­tivistische Theorie sie. Um sie aber derartig auf den Kopf zu stellen, müßte in der Tat bewiesen werden, daß der Wert aus dem »Gesetz der Bedürfnissättigung« entspringt , daß die bloße Natur der Bedürfnissättigung aus purer eigner Kraft den Wertgrößencharakter der Güter erzeugt, daß sie der reine und voraussetzungslose Ursprung des Wertphänomens ist. Wirklich dies müßte die psychologische Begründung der Grenznutzenaxiomatik leisten, um die ontologische Begründung der subjektivistischen Oekonomie zu leisten, denn nur so wäre die logi­­sche Analytik der Wertrechnung oder des »wirtschaftlichen Denkens« als Begründungs­­­theorie des Wertes dargestellt, nur so bewiesen, daß die Wertform oder die kapitalistischen Eigentumsbeziehungen Regulativ und Schöpfer der Wirtschaftsordnung in Einem wäre, ohne daß das »wirtschaftliche Denken« die autonom normative und ursprüngliche Spontaneität wirklich ist, kraft deren es methodologisch zum Ursprung und sein Grenznutzenprinzip zum ordnenden Gesetz, zum »Sesam, öffne dich« der gesamten kapitalistischen Ordnung gemacht werden könnte. Ist es aber wirklich nötig, noch ausführlich nachzuweisen, daß dies die psychologische Unterbauung der Wertrechnungsanalytik nicht leisten kann, weil Psychologie mit diesem Anspruch überhaupt nicht das mindeste zu tun hat? Es gehört doch wahrhaftig wenig philosophische und erkenntnistheoretische Schulung dazu, um die Unsinnigkeit dieses Begründungsversuches einzusehen. Auch dürfte Bucharin in seiner »Oekonomie des Rentners« in diesem (!) Punkte das Nötige zu seiner immanenten Kritik geleistet haben. Wir fügen ihm nur hinzu, daß es unmöglich ist, die Begründung des Wertphänomens, nachdem man sie durch die Hypostasierung des wirtschaftlichen Denkens zuerst totgeschlagen hat, dann plötzlich aus der Psychologie wieder hervorzuziehen. Ein einziger Weg ist denkbar, auf dem für die eskamo­­­tierte Begründung des Wertes ein Ersatz geschaffen werden könnte, das wäre seine »transzen­­dentale Deduktion«; sie wäre das diesem Standpunkt einzig Adäquate. Man hat sie bisher noch nicht unternommen, wahrscheinlich, weil man sie nicht begriffen hat. Und heute würde sie freilich wohl zum Opfer von »Phänomenologen« werden.

Inzwischen hat man längst eine Auskunft gefunden, um diese ganzen Schwierigkeiten zu umgehen. Seit dem Ende des freien Konkurrenzkapitalismus ist im ganzen Feld der bürgerlichen Wissenschaft Ontologie zu einem verrufenen Komplex geworden, und das mit Recht, weil das bürgerliche Denken von da an den Kontakt mit dem geschichtlichen Sein verloren hat. Dies Faktum aber geht wohl keine Wissenschaft unmittelbarer an wie grade die bürgerliche Oekonomie, deren ganzer Inhalt in ihrer neuen, »subjektivistischen« Form darin besteht, das Regulativ des Kapitalismus so zu formulieren, daß es als in sich selbst bezw. im bloßen wirtschaftlichen Denken an sich begründet von allem objektiven Maße unabhängig sei. Und mit diesem Inhalt mußte sie notwendigerweise auch für ihre methodologische Haltung die Seinsblindheit zum Prinzip erheben. Der Agnostizismus in Ansehung der geschichtlichen Wirk­­­lichkeit wurde ihr »erkenntnistheoretisches« Dogma, und er wurde es um so rigoroser, je mehr das Regulativ des Kapitalismus sich zusamt der Warenform, der es innewohnt, von der Wirklichkeit des geschichtlichen Prozesses abhob und sie aus der Führung verlor. Von der Warenform aus ist in der Ära des Monopolkapitalismus eine Ontologie nicht einmal system­­technisch mehr zu gewinnen, weil die Warenform selber nicht mehr in der geschichtlichen Seinsebene spielt sondern zum inneren Gesetz und Regulativ der bloßen wirtschaftlichen Gebilde geworden ist. Mit der Selbsthypostasierung nun, die dem bürgerlichen Denken eigentümlich ist, erklärte es die ontologische Geltung, die ihm nicht mehr vergönnt war, für unmöglich an sich, und die subjektivistische Theorie vollzog die Wendung, daß sie eine solche Geltung, anstatt sie für sich zu beanspruchen, vielmehr für alle und jede ökonomische Theorie in Abrede stellt und in Sachen der ökonomischen Wissenschaft nur mehr »methodologische Standpunkte von rein heuristischem Geltungswerte« anerkennt. Auf diesem gemeinsamen methodologischen Nenner ist jetzt jedwede ökonomische Theorie von gleicher erkenntnis­­­theoretischer Qualität, und alle, die Marxsche Lehre natürlich inbegriffen, sind sie zu bloßen unterschiedlichen Methoden geworden, die Rechenexempel der Warenform auszulegen, die laut Voraussetzung immer aufgehen müssen. Was sie hierzu beizutragen haben, ist ihr wissen­­­schaftlicher Wert, alles Übrige scheidet sich davon als pure Spekulation ab. Erst hier tritt der Stand­­­punkt der subjektivistischen bürgerlichen Oekonomie in voller Durchbildung auf, denn hier wird die Warenform, die inhaltlich schon als autonomer Urquell der ökonomischen Ordnung schlechthin hypostasiert ist, zugleich auch erkenntnistheoretisch zum autonomen Kriterium der Wissenschaftsgeltung von ökonomischer Theorie gemacht. Der Standpunkt ist allseitig geschlossen; er schwebt geschlossen über der kapitalistischen Wirklichkeit und ist von keiner ontologischen Grundlagenkritik erreichbar, weil seine einzige ontologische Grundlage ist, keine zu haben. Das wirkliche Ganze des Kapitalismus ist ihm transzendent, weil die Waren­­­form es nicht mehr faßt, und die Wirklichkeit des kapitalistischen Ganzen Metaphysik, weil die Warenform zur Scheinrealität geworden. Man kann deswegen aber die subjekti­­vistische Theorie von dieser Observanz wirksam nur in ihrem Inneren, in ihrer eignen theoretischen Innenstruktur kritisieren.

Das allgemeine Wesen der subjektivistischen Theorie ist, daß in ihr die bloße innere Logik der Warenform unter dem Namen des wirtschaftlichen Denkens oder der wirtschaftlichen Wertrechnung zur vollständigen (hinreichenden und ausschließlichen) Grundlage der ökonomischen Theorie gemacht wird. Dazu gehört, daß man die Analytik der Wertrechnung für eine Begründungslehre des ökonomischen Wertphänomens ansieht, denn der springende Punkt liegt ja bei der Entscheidung darüber, ob der Wertgrößencharakter der Güter auf die Wertrechnung der Subjekte oder aber die Wertrechnung der Subjekte auf den zuvor schon gegebenen Wertgrößen- alias Warencharakter der Güter zurückgeführt werden solle. Der subjektivistische Standpunkt behauptet das erstere, vindiziert mithin der Analytik der Wert­­­rechnung die Bedeutung einer ökonomischen Wertlehre. Dies gilt für die subjektivistische Oeko­­­no­­­­mie überhaupt und jenseits aller unterschiedlichen Auffassung von ihrem methodo­­­logischen und erkenntnistheoretischen Charakter, denn es ist dasjenige, was sie überhaupt zu ihrem Versuche ökonomischer Theorie konstituiert. Der Unterschied zwischen den subjektivistischen Ontologen und den subjektivistischen Methodologen, um uns abgekürzt so auszudrücken, liegt erst darin, daß jene sagen, die Analytik der Wertrechnung sei an und für sich die wahre Wertlehre und weil sie das sei, müsse die gesamte ökonomische Theorie auf ihrer Basis unternommen werden. Dies haben wir – um es nochmal zusammenzufassen – mit dem Argument bestritten, daß die Analytik der Wertrechnung die Bedeutung einer ökono­­­mischen Wertlehre erst dadurch annehme, daß man der subjektiven Wertrechnung anstelle der Warenform eine normativ autonome wirtschaftliche Ratio unterlege; diese Unterstellung sei aber eben eine Unterschiebung oder eine bloße Hypostasierung, und weil (!) sie nur eine Hypostasierung ist, so werde nun in Wahrheit das Begründungsproblem des ökonomischen Wertphänomens, anstatt es zu lösen, eliminiert und totgeschlagen. Die »Methodologen« hin­­gegen legen auf die ontologische Wahrheit oder Unwahrheit der Annahme, daß die Analytik der Wertrechnung wirklich eine Wertlehre bedeute, kein unmittelbares Gewicht, sie arbeiten mit ihr als einer bloßen Hypothese, deren Wahrheitswert offen bleibt und deren methodologisches Recht oder Unrecht sich nach dem bloß heuristischen Kriterium ihrer »Frucht­­­barkeit« entscheide. Zwar sollte man wohl meinen, es müsse eigentümlich zugehen, damit eine Hypothese, deren ontologische Wahrheit allerdings nicht, deren ontologische Unwahrheit dafür aber um so eindeutiger bewiesen werden kann, sich durch besondere Frucht­­barkeit auszeichnen sollte; aber wir wollen dieses Erstaunen hier übergehen. Adäquater hat die Kritik dieses Standpunkts sich jedenfalls an den Anspruch auf diese Fruchtbarkeit selbst zu halten, auch weil sie ihm damit auf der Ebene seines eignen Maßstabes entgegentritt und sich also von seiner Seite den Anspruch auf Beachtung erwirbt. Nehmen daher auch wir für jetzt die Annahme, die Analytik des Wertrechnung bedeute eine Wertlehre, als Hypothese hin und kümmern uns nur um die Konsequenzen, zu denen sie rein inhaltlich führt.

Die Hypothese besagt, der Wertgrößencharakter der Güter lasse sich auf die innere Natur der subjektiven Wertrechnung zurückführen, und sie besagt daher sogleich weiter, es lasse sich auf die Wertrechnung auch zurückfuhren, daß die Güter als Wertgrößen und gemäß ihrer Wertgröße produziert werden. Das heißt, die unausweichliche und unmittelbare Konse­­­quenz, zu der ihre Grundhypothese die subjektivistische Oekonomie führt, ist das Zurech­­nungsproblem. Und mit der Zurechnungsproblematik tritt die subjektivistische Theorie allererst überhaupt aus dem analytischen Kreise der Wertrechnung heraus und beginnt als ökonomische Theorie zu walten. Es ist indes von großer Wichtigkeit, genau zu bemerken, daß das Zurechnungsproblem sich eben auch nur dadurch stellt, daß die Analytik der Wertrechnung als ökonomische Wertlehre gelesen und hierdurch zur Grundlage der ökonomischen Theorie gemacht wird! Die bloße Analytik der Wertrechnung als solche enthält garnichts von einem solchen Problem; sie stellt bloß die Formen fest, welche unser Rechnen mit Werten normativ bestimmen, und wenn dabei die Frage nach dem Gegebensein dieser Werte und den Bedingungen desselben vorkommt, so nur als die Frage, aus welchem logischen Grunde die betreffenden Dinge für uns Werte sind, aber nicht, aus welchen realen Ursachen diese Dinge selber existieren. Es ist wohl klar, daß hier zwei grundverschiedene Problemkreise vorliegen. Ob aber ein Ding von Natur da ist oder nur existiert, weil Menschen es produziert haben, betrifft eben die Ursachen seiner Existenz und nicht die Formen unsrer Wertrechnung, worauf die subjektivistische Theorie in andrem Zusammenhang – nämlich gegenüber der Arbeitswertlehre – auch das gebührende Gewicht legt. Und eben weil nun die Frage der Pro­­­duk­­­tion das bloße innere und logische Problem der Wertrechnung derart transzendiert, beginnt für den subjektivistischen Standpunkt grade mit ihr, d.h. mit ihrer Einbeziehung in die Problematik der Wertrechnung bezw. mit der Anwendung und Ausdehnung der normativen Wertrechnungsprinzipien auf das Produktionsproblem erst überhaupt das Gebiet der empi­­rischen ökonomischen Wissenschaft. Das Zurechnungsproblem ist das Charakteristikum der subjektivistischen Oekonomie, nämlich dasjenige Merkmal, durch das inhaltlich die Wertrechnungsanalytik sich in ihrer Eigenschaft als einer bloßen logischen Untersuchung unterscheidet. Und an der grundsätzlichen Lösbarkeit oder Unlösbarkeit des Zurechnungs­­­problems entscheidet sich die sachliche oder inhaltliche Möglichkeit oder Unmöglichkeit, von der Analytik der subjektiven Wertrechnung aus eine Grundlage der ökonomischen Theorie zu gewinnen, daher die Möglichkeit oder Unmöglichkeit subjektivistischer Oekonomie. Der ganze innere Zusammenhang ist wohl klar. Der Anspruch, von der Analytik der Wertrechnung aus die ökonomische Theorie begründen zu können, hängt daran, daß man diese Analytik für eine Wertlehre hält, genauer für eine Lösung des Begründungsproblems des ökonomischen Wertphänomens. Und wenn man sie dafür hält, so steht man mit der bloßen Analytik der Wert­­rechnung vor der Aufgabe, das Zurechnungsproblem zu lösen. Und wäre diese Analytik tatsächlich eine ökonomische Wertlehre, so müßte sich mit ihr dieses Problem auch notwen­­­digerweise und unbedingt lösen lassen, sofern kapitalistische Wirtschaft, ja überhaupt mensch­­­liches Wirtschaften und Produzieren nur länger die Sache der Menschen sein soll (und nicht etwa ein Blendwerk von Dämonen). Wer daher nicht durchschaut, daß die subjektivistische Analytik nur dank der bloßen Hypostasierung eben der Ratio, die hier auf dem Spiele steht, den Schein einer Wertlehre erhalten hat, der wird sich auch dem logischen Zwange keiner der durch diese gesetzten Konsequenzen entziehen können und wird eher an der Menschheit und seiner eigenen Vernunft verzweifeln, als daß er die prinzipielle Lösbarkeit des Zurechnungsproblems in Zweifel stellt. Ihren innersten Voraussetzungen entsprechend muß für die subjektivistische bürgerliche Oekonomie die prinzipielle Unlösbarkeit des Zurechnungsproblems den Bankrott der menschlichen Vernunft schlechthin bedeuten.

Eben dieses Denkzwanges wegen, unter dem es auf dem Boden dieser Vorausset­­­zungen solcherweise steht – und diese Voraussetzungen akzeptieren wir ja für jetzt als heuri­­­stische Hypothese –, kann aber das Zurechnungsproblem nicht gut anders kritisiert werden, wie man etwa seinerzeit den Glauben ans perpetuum mobile kritisiert hat. Mit ihm hat das Prinzip des Zurechnungsgedankens ja wohl auch sonst noch die Verwandtschaft, daß die Lösung des Zurechnungsproblems in der Tat nichts Geringeres dartun würde, als daß die ökonomische Ordnung der kapitalistischen Gesellschaft gänzlich in der Warenform beschlossen und durch sie als ein sich in sich selbst genügendes und bestimmendes System in Gang gehalten werde, das, aus ökonomischen Rücksichten wenigstens, ewig müßte bestehen können. Man kann sich natürlich auch an jede Zurechnungstheorie im Einzelnen halten, um nachzuprüfen, ob das in ihr gewählte Prinzip die Rechnung nach den geforderten Bedingungen zum Aufgehen bringt. Aber wenn man selbst auch für jede bestehende Zurechnungstheorie bewiesen hätte, daß sie nicht stimmt, nämlich dem eigentlichen Problem nicht Genüge tut, so wird zwangsläufig dem Boden der subjektivistischen Voraussetzungen eine neue Zurechnungstheorie entsprießen und entsprießen müssen. Solange das Prinzip des Zurechnungsproblems selbst nicht widerlegt ist, ist dieses Problem von solcher Denknotwendigkeit begleitet, daß man von immer erneuten Lösungsversuchen der gleichen Aufgabe garnicht ablassen kann. Welches ist aber, allgemein vorgestellt, diese Aufgabe? Sie besteht, in einem Worte gesagt darin, aus den logischen Gründen der Wertbestimmung gegebener Dinge auf den Wert der Bedingungen ihres Daseins zu schließen.

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