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Patrick Hagen

Antizionismus = Antisemitismus?

“Linke Antisemiten gibt es nicht!” lautete 1976 der Titel eines Aufsatzes von Gerhard Zwerenz. Die Linke könne per Definition nicht antisemitisch sein. Das zur Schau getragenen gute Gewissen, das die deutsche Linke bewegte, wird sinnbildlich durch eine unter Autonomen einmal sehr beliebte Demo-Parole verdeutlicht: “Wir sind die Guten.” Mit diesem Diktum sollte jede Eigen- und auch Fremdkritik unmöglich gemacht werden. Wir sind die Guten – Antisemitismus in der radikalen Linken ist so auch der Titel eines Buches, das den Blick auf den “eigenen, verborgenen Antisemitismus” lenken will. Die Herausgeberinnen schreiben im Vorwort, daß “wir uns [solange] im Kern nicht von Walser unterscheiden, wie wir mit dem Finger auf andere zeigen und uns selber für die Guten halten”.

Die Internationale Solidarität und die Autonome Antifa sind zwei der Themenfelder, mit denen sich die Berichte in dem Buch befassen. Die Autorinnen untersuchen diese auf antisemitische Strukturen und kommen zu dem Schluß, daß die Auseinandersetzung mit Antisemitismus für die antifaschistischen Bewegung ohne Bedeutung ist. Viele Texte sind vor allem Berichte persönlicher Erlebnisse in autonomen Gruppen und Anekdoten zum Thema Antisemitismus, die zumindest die Aufgabe erfüllen, den Mythos der “Guten” gründlich zu kippen.

Antisemitismus auf Antifa-Veranstaltungen zu thematisieren, sei nach den Erfahrungen der Autorinnen häufig auf Widerstände gestoßen. Als Erklärung dafür, daß der Antisemitismus in der Antifa “fast nie ein Thema war und auch nicht werden sollte”, sieht Tobias Ebbrecht unter anderem die in der antifaschistischen Bewegung beliebten vereinfachten Faschismusanalysen, die sich in Parolen wie: “Hinter dem Faschismus steht das Kapital” zeigt. “Die Besonderheiten des Nationalsozialismus und mit ihnen der Antisemitismusgehen in .dieser Analyse unter”, so Ebbrecht. Solche Vereinfachungen bergen die Gefahr von Verschwörungstheorien und der Personifizierung von Kapitalverhältnissen.

Die Autorinnen kommen aus der autonomen Bewegung, und so geraten einige Beiträge doch stark zur Nabelschau: Die Texte haben beispielsweise Überschriften, wie “Entdeckungen und Erfahrungen bei dem Versuch Antisemitismus in den eigenen Kreisen zu enttabuisieren – Fragmente”. Die Betroffenheit der Autorinnen gipfelt in Sätzen wie: “Unser Antisemitismus ist nicht schlimmer oder harmloser als der anderer gesellschaftlicher Gruppen, wir sollten uns mit unserem Antisemitismus jedoch besser auskennen.”

Die Auseinandersetzung mit den Dritte-Welt- und vor allem Palästina-Solidaritätsgruppen findet in Form einer Collage statt. Hier sind Flugblätter und Texte dokumentiert, in denen Israel als faschistischer Staat bezeichnet wurde, die Vertreibungen von Palästinensern als neuer Holocaust bezeichnet werden und zum Boykott israelischer Waren aufgerufen wird. Der Antizionismus lieferte für deutsche Linke häufig den Vorwand, ihren Hass auf Israel und die Jüdlnnen ausleben zu können, so die These der Autorinnen.

“Das Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus” will auch ein dieses Jahr im Freiburger ça-ira-Verlag erschienenes Buch klären. Unter dem Titel Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie rechnen die Herausgeber, die Initiative Sozialistisches Forum (ISF) mit der Neuen Linken und ihren Nachfolgerinnen ab. Bis 1967 waren Antifaschismus und Sympathie für Israel noch eng verbunden. Zwischen dem Sechs-Tage-Krieg und dem' Schwarzen September 1972 kippte die Stimmung, parallel zur Anerkennung Israels durch die Politik und eine israelfreundlichere Politik der Bundesregierung. “Der linke Philosemitismus transformierte sich (...) in den linken Antizionismus”. Dabei habe sich “die Linke” als “äquivalentes Moment des Spiegelspiels der Politik” verhalten, bilanzieren die Autorinnen vom ISF.

“Ist der Antizionismus nur die Erscheinungsform des Antisemitismus von links?” “Kann man mit gutem Gewissen Antizionist sein, ohne Antisemitismus zu befördern?” Das sind zwei der – rhetorischen – Fragen, denen die, sich als “Linkskommunisten” bezeichnenden, Autorinnen des ISF in ihrem Buch “polemisch, also sachlich” nachgehen wollen. Politikbegeisterung und Unwillen zur Ideologiekritik werfen die Autorinnen den meisten Fraktionen der Linken vor. Dadurch, daß sie den “Ausbeutungscharakter der Ökonomie mit politischen Mitteln aushebeln” will, hat sie teil am Antisemitismus und erweist sie sich als unfähig zu seiner Bekämpfung.

Der “Sehnsucht [der Linken] danach, Politik zu machen” setzen sie Ideologiekritik und die Kritik der politischen Ökonomie entgegen. Im besten Hegeischen Sinne setzen sie auf einen, universalistischen Wahrheitsanspruch. Ein erfreuliches Ergebnis dieser Methode ist, daß das Selbstbestimmungsrecht der Völker und der Antiimperialismus theoretisch entsorgt werden: ”An-tiimperialismus (...) läßt das Vernünftige am proletarischen Internationalismus: die Grenzüberschreitung, in der Addition rebellischer Nationalismen untergehen und zur Vereinheitlichung 'aller Völker, die Befreiung wollen' verkommen.”

Die Wurzel des Antisemitismus leiten die Autorinnen vom ISF politökonomisch ab: Sie ist in der “objektiven Selbstverschleierung des produktiven Grundes der Ausbeutung” zu finden. Dies brachte ihnen früher schon den Vorwurf ein, über den Wertbegriff, das Irrationale (Auschwitz) doch noch zu radikalisieren. Diese Kritik Günther Jacobs und diskurstheoretische Ansätze zum “Verständnis” des Antisemitismus werden von den FreiburgerInnen als “Heideggerisierung der Linken” abgetan.

Aus: Philtrat N° 36 / Oktober 2000

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