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Aljoscha Jegodtka

Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten

Über Israel und die linksdeutsche Ideologie

Das Autorenkollektiv Initiative Sozialistisches Forum (ISF) veröffentlicht in diesem Buch Arbeiten, die vom Antizionismus und Anti­semitismus in der Linken handeln. Entstanden sind die Texte zu unterschiedlichen Anlässen, meist 1991. Trotzdem ist dieses Buch keine Stückelei, wie sie des öfteren bei Neuveröf­fentlichungen und Bündelung vorkommt.

Die deutsche Linke habe sich dahingehend um den deutschen Nationalismus und darum auch Antisemitismus verdient gemacht, weil sie »mit Hilfe des Antizionismus die deutsch­völkische Kontinuität wahr[te] und die Nation entschuldig[te]« (S. 9). Nicht einen Gedanken daran verschwendend, warum das deutsche Volk mehrheitlich für den Nationalsozialismus war, soll die Linke mit ihrem Antizionismus drei Funktionen »für das noch nicht zum ›Wir sind das Volk‹ geeinte[n] Deutschland« (S. 8) erfüllt haben: Erstens war der Antizionismus »die objek­tive Agentur des Antisemitismus im Lager der Linken, die eben dadurch … ihre Zugehörig­keit zum nationalen Kollektiv demonstrierte« (S. 8). Des weiteren sei »der Antizionismus die Repräsentanz des durch die Sowjetunion … dargestellten Hegemonialanspruchs des Marxismus-Leninismus über die Linke« (S. 8), »und drittens erlaubte der Antizionis­mus … die Wiederaneignung der Idiotie von Volk, Vaterland und Muttersprache« (S. 8). Deswegen setzt sich die ISF in »Zehn The­sen über die linksdeutsche Ideologie, Israel und den Klassenkampf am falschen Objekt« (S.15 – 92) mit den oben angeführten Fragenauseinander.

»Nerv des Antisemitismus« sei »die feti­schistische, barbarische Kritik der bürgerlichen Gleichheit. Antisemitismus ist … Ausdruck der repressiven Egalität, die der politische Sou­verän … organisiert, deren unheilbarer Aus­beutungscharakter nur in der verkehrten und verdrehten Form des gleichen, freien und ge­rechten Tausches erscheinen kann« (S. 15). Dagegen ist daran festzuhalten, daß die Öko­nomie im Kapitalismus zwar anders erscheint als sie ist, deswegen aber nicht zu folgern ist, daß dann der Antisemitismus hieraus folgt. Stimmen kann es deswegen nicht, weil die Auseinandersortierung von In- und Auslän­dern – zu denen der Antisemit die Juden und Jüdinnen zählt – vom Staat vorgenommen und von Nationalisten rassistisch in die Natur der Menschen verlegt wird.

Eine Linke, die »nichts ist als ein bloßer Be­standteil des Pluralismus und ein dynamisches Moment des Spiegelspiels der Politik, hat … am strukturellen Antisemitismus der bürger­lichen Gesellschaft teil« (S. 15). Wenn die Linke nichts besseres zu tun weiß und hat, als diese Gesellschaft an ihren Idealen zu messen, »dann ist diese ›Linke‹ insofern antisemitisch, als sie sich als unfähig zur Bekämpfung des Antisemitismus erweist« (S. 16). Kein Wun­der, daß die Linke, theoriefeindlich wie sie ist, jede theoretische Auseinandersetzung über die Gesellschaft, die sich nicht sofort in ihre Pra­xis umsetzen läßt, damit meint zu kritisieren, daß sie als Gedanke, also abgehoben, elitär usw. denunziert wird. So soll die Linke gerade damit die »völkische Denkform par excel­lence« (S. 22), »den Gegensatz des Freischwe­benden zum Bodenständigen« (S. 22) pflegen.

Ihre Überlegungen über den Antisemitismus hindert die ISF leider nicht daran, in den alten skeptizistischen Fehler zu verfallen und der Shoa Unerklärlichkeit zu attestieren – was dann ja zumindest erkannt sein muß, so daß der prinzipielle Zweifel sich selbst aufhebt. Die Shoa erklären zu wollen, soll vielmehr eine »Rationalisierung« (S. 29) sein, welche bei der Linken direkt zu der absurden Gleich­setzung von Faschismus und Zionismus führe, wie ihn einige Linke nach dem Motto: »Es muß doch irgend etwas dran sein am Antise­mitismus der Nazis, von nichts kommt nichts« (S. 30) pflegen.

Antisemitismus, der eine falsche Erklärung der Welt ist, die regelmäßig mörderische Kon­sequenzen zeitigt, hält die ISF für eine Art Krankheit, die »nach der Seite des Individuums … vielleicht heilbar und psychoanalytisch zu therapieren« (S. 32) sei. Dieser Gedanke, den auch schon Hitler hatte, verdankt sich der Überlegung, daß Auschwitz der »gesellschaft­lich vollzogene Bruch mit Ratio überhaupt« (S. 29) sei. Gesellschaftlich aber muß dem »›Agi­tator‹ … das Gesagte als wirklich Gemeintes auf den Kopf zugesagt werden« (S. 32 f.).

Zionismus ist nicht der Name für den Natio­nalismus Israels, sondern behauptet gleich­zeitig immer auch mit, daß Israel eigentlich kein Existenzrecht habe; »Israel, zum Gene­ralfeind nationaler Identität und zum anti­völkischen Volk schlechthin geadelt, hat« für den Antizionisten »den Unterschied zwischen guter Herrschaft und willkürlicher Regierung zu veranschaulichen« (S. 46). Deswegen kann Zionismus nicht als Name für israelischen Nationalismus benutzt werden. Dieses anzu­erkennen, soll »die Vorbedingung jeder Dis­kussion« (S. 46) sein.

Der Zionismus, die »nationale Befreiungs­bewegung der Juden« (S. 46), soll erstens ein Fehler und zweitens die einzig mögliche Ant­wort auf den Antisemitismus sein. Weil die Gründung Israels die ursprüngliche Akkumu­lation mit ihren Grausamkeiten »vollzog wie im Zeitraffer« (S. 64), »erscheint es bürger­lichen Philosemiten deshalb als das reinste Wunder, während den linken Antizionisten die Selbstbehauptung Israels als die Grausamkeit an sich vorkommt« (S. 64). Aus diesen un­schönen Seiten jeder Staatsgründung und dem Ideal einer garantiert völkischen Herrschaft ziehen die antizionistischen Pöbeleien gegen den ›imperialistischen Brückenkopf Israel‹ ihr Material (vgl. S. 65-74).

Aus diesen Überlegungen zieht die ISF den Schluß, daß eine staats- und klassenlose Ge­sellschaft erstens notwendig ist und daß zwei­tens aber bis dahin, da »die Juden das gleiche Recht auf Palästina haben wie die Palästinen­ser, die Georginer oder die Gagausen« (S. 91), es wegen »der nationalen Verfassung der Weltgesellschaft … legitim ist, aus Notwehr oder Nothilfe dieses ›Besuchsrecht‹ zu er­zwingen« (S. 91).

Im Anhang (vgl. S. 95 – 146) wird an Hand von drei Fallstudien der Antisemitismus in der Linken untersucht. Erstes Beispiel ist der zweite Golfkrieg und der Umgang der deut­schen Friedensbewegung mit der irakischen Drohung, Israel mit Giftgas zu beschießen. Richtig wird festgestellt, daß »Kriege … zum Kapitalismus [gehören] wie Vulkanausbrüche, Überschwemmungen und Erdbeben zur Na­tur« (S. 102). Daraus wird aber ohne weitere Argumente, außer ihrer Moral, geschlossen, daß »insoweit der Krieg um Kuwait jedoch zum Krieg gegen Israel eskaliert wird, … etwas anderes auf der Tagesordnung« (S. 103) steht. Als zweiter Fall wird eine Radiosendung des Radio Dreyeckland (RDL) angeführt und die daran anschließende Auseinandersetzung, in der eine antisemitische Gruppe von der weite­ren Nutzung des Radios ausgeschlossen wer­den sollte, was von der Mehrheit der Radio­nutzer verhindert wurde, da zwar klar sei, daß antisemitische Sendungen nicht stattfinden dürften, es aber leider »nicht leicht und mit Konsens festzustellen« ist, »was und warum … antisemitisch ist« (S. 112). Der dritte Fall dreht sich um den Umgang mit der Kritik an der RDL Sendung. Diese wurde abgeschmet­tert mit dem, nicht nur, aber auch in der Linken üblichen Umgang mit Kritik: Sie gehört sich einfach nicht, verstoße gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung und außerdem sei nicht jeder Jude ein Zionist, aber jeder Zionist ein Nazi, was man ja wohl kritisieren dürfe …

Das Buch der Initiative zu lesen ist unfrei­willig erheiternd, da sehr gekonnt auf den Idiotien der Linken herumgeritten wird. Gleichzeitig bleibt es einem im Halse stecken genau wegen der, allerhöchstens euphemistisch so zu nennenden Idiotien. Leider kommt hinzu, daß die Initiative Sozialistisches Forum eine psychoanalytische Theorie vertritt, so daß die Kritik an der Psychoanalyse natürlich auch auf ihre Theorie zutrifft. Auch in anderen Be­reichen ist die Theorie sicherlich nicht ausge­reift. Natürlich lohnt es sich trotzdem, dieses Buch zu lesen.

Aus: Utopie kreativ. Diskussion sozialistischer Alternativen Nr. 140

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