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N.N.

Flugschriften. Gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten

Im Gegensatz zum traditionellen Linkskommunismus, dessen Überlebende sich nach wie vor an der Arbeiterklasse als potentiell revolutionärem Subjekt orientieren, ohne diesem Subjekt mit avantgardistischen Interventionen von außen auf die Sprünge helfen zu wollen, hat die Freiburger Initiative Sozialistisches Forum, die sich als “Arbeitskreis unabhängiger Linkskommunisten” versteht, jedwedem positiven Bezug auf die Arbeiterklasse den Konsens radikal gekündigt. Spätestens die vom Faschismus bzw. “Nazifaschismus” – die Verwendung des allgemein üblichen Begriffs Nationalsozialismus stößt hier merkwürdigerweise offensichtlich immer noch auf tradierte linke Denkhemmungen – organisierte und von den Arbeiterorganisationen, insbesondere den Gewerkschaften ideologisch und praktisch unterstützte Integration der Arbeiterklasse in das nationale Kollektiv der Volksgemeinschaft hat jegliche Dialektik von Reform und Revolution ad absurdum geführt: “Das Lehrstück zeigt, daß die bürgerliche Gesellschaft sich mit all ihren Widersprüchen, die einmal als ebenso revolutionsträchtig wie revolutionsfähig betrachtet werden konnten, in der totalen Vergesellschaftung durch das Kapital aufgehoben hat.” Der vom völkischen deutschen Kollektiv exekutierte Massenmord an den Juden “bestimmt Deutschland als das Produktionsverhältnis des Todes, als die Gesellschaft, die ihre innere Einheit und Identität nur finden kann in Vernichtung und Massenmord”. Angesichts dieser “volksgemeinschaftlichen Ausrottungsaktion”, die “das Grundgesetz und das Gründungsverbrechen dieser BRD (ist)”, versteht sich das, was nach der klassenübergreifenden Vergesellschaftung von Marx übrig bleibt, der “Materialismus der Kritik, das heißt die Notwehr gegen die Rationalisierungsleistungen des Theoretisierens und ergo Ideologisierens”, als die stete Denunziation dieser völkisch zusammengeschweißten bürgerlichen Gesellschaft und insbesondere jener, die sich als tradierte oder modernisierte Linke als deren reformistisches oder revolutionäres alter ego verstehen, ohne wahrnehmen zu wollen, daß sie integrierter Bestandteil des Kollektivs sind. “Es bleibt da”, so hat man jedoch erkannt, “nur eine Schwierigkeit, die der Materialismus der Kritik angesichts des Nazifaschismus hat. Wie verhält sich die Bestimmung, Deutschland sei das Produktionsverhältnis des Todes zur marxistischen Bestimmung aller Produktionsverhältnisse als Klassenverhältnisse?” Der Hinweis darauf, daß deutsche Arbeiter sich nahezu widerstandslos ins völkische Kollektiv integriert haben – was bürgerlicher Soziologie und bürgerlicher Geschichtsforschung längst schon bekannt ist, von der Linken in identitätsstiftender Absicht aber lange Zeit ,übersehen‘ wurde – kann diese Schwierigkeit jedoch insofern nicht lösen, als der “Materialismus der Kritik” sich zwecks negativer Identitätsstiftung programmatisch mit dem Blick auf die beschränkten deutsche Verhältnisse begnügt. Dies gilt auch für die in dem Band Flugschriften. Gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten (Freiburg: ça-ira Verlag, 2001, 158 S.) versammelten Texte der “Initiative Sozialistisches Forum” aus den Jahren 1989 bis 2001, die “als Interventionen gedacht” waren und “sich jetzt als Kommentare zum Aufklärungsverrat” lesen – es ist wohl müßig darauf hinzuweisen, daß der in der Arbeiterbewegung und in der Linken traditionell beliebte Begriff des “Verrats” wenig kritisch und schon gar nicht materialistisch ist.

Aus: Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstands N° 17 ( 2003), S. 827 f.

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