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Deutscher Filmriß

Klaus Blees

Was sagt es über die Zustände im Land der Richter und Henker aus, wenn ein ausgemachter Kitschfilm wie Schindlers Liste hier auf so breites, überschwengliches Lob gestoßen ist, es von Anfang an tabu war, sich mit dieser Schnulze und ihrer begeisterten Aufnahme durch das deutsche Publikum kritisch auseinanderzusetzen? Vor allem solchen Fragen gehen die Texte nach, die die Freiburger Initiative Sozialistisches Forum (ISF) in einem 1994 erschienen Buch gesammelt hat, damit gerade dieses Tabu brechend. Der Band entstand im Anschluß an eine Diskussionsveranstaltung der ISF zu diesem Film, enthält neben Einladungstext und Protokoll der Veranstaltung eine Reihe Beiträge sozialistischer und / oder jüdischer Autoren. Wo die Lobhudler des Films einen erfolgreichen, längst überfälligen Beitrag zur deutschen  Vergangenheitsbewältigung sehen, wird in dem Buch die Art der durch ihn ausgelösten Vergangenheitsbewältigung näher beleuchtet, ihre Entlastungsfunktion, die über die Identifikation der Zuschauer mit dem "guten Deutschen" Oskar Schindler zustandekommt.

Der idealisierte Held Schindler, der sich vom Saulus zum Paulus wandelt, "seine" ausgewählten Juden schließlich mit dem Geld freikauft, das er zuvor aus den jüdischen Zwangsarbeitern herausgepreßt hat, erinnert nicht zufällig an einen andern Spielberg-Helden, an Indiana Jones. Um ihn als solchen aufzubauen, treten die geretteten Opfer in den Hintergrund, werden zu Mitteln für diesen Zweck degradiert. Es gab eben auch gute Deutsche, denen die Opfer viel zu verdanken haben, und die sich im Kino ausgeweint haben, dürfen sich mit Schindler als solche fühlen, mit reinem Gewissen wieder mitspielen in der Welt.

Die Hervorhebung des Guten geschieht durch Kontrastierung mit dem Bösen in Gestalt sadistischer Nazis, insbesondere des Lagerleiters Amon Göth. Mit dieser klischeehaften Darstellung wird verschleiert, daß der Naziterror eben keine Ausgeburt perverser Hirne, die Massenvernichtung vielmehr ein rational durchgeplanter, mit bürokratischer Perfektion verfolgter, industriell vollzogener Vorgang war. Persönliche Übergriffe duldeten die Naziführer im allgemeinen nicht. Wenn der "produktive Kapitalist" Oskar Schindler, der den Wert der jüdischen Arbeitskraft für die Rüstungsproduktion zu schätzen wußte, den scheinbar irrational agierenden Nazis gegenübergestellt wird, die mit dem Massenmord an potentiellen Arbeitern und Soldaten und mit der Absorbierung der dazu nötigen Transportkapazitäten die deutsche Kriegführung sabotierten, so trübt dies den Blick für den zentralen Zweck ihres Handelns: Die Ausrottung der Juden!

Jedoch bleibt die industrielle Massenvernichtung bei der Präsentation der Ausnahmegeschichte einer Rettung im Hintergrund, Auschwitz dient als Kulisse für die Vorbereitung eines Happy End, das die unvorstellbar grauenhafte Realität des historischen Worst End in Vergessenheit geraten läßt. Nun ja, Spielberg wollte einen Unterhaltungsfilm drehen, wie aus Interviewäußerungen zu entnehmen ist.

Es geht den Autoren keineswegs um eine Abwertung der Rettungstat des historischen Oskar Schindler, "der im besten Moment seines Lebens kein Deutscher war und kein Kapitalist, sondern ein Mensch", so der Einleitungstext. Im Zentrum der Kritik steht die Kinogeschichte, die draus geworden ist und die Aufnahme der durch sie vermittelten falschen Botschaft. Lesenswert ist das Buch über den Entstehungsanlaß hinaus, da es zu einer angemessenen Auseinandersetzung mit Sinn und Zweck des Nationalsozialismus und seiner Verarbeitung seit 1945 einen wesentlichen Beitrag leistet. Veröffentlichungen der ISF gehören zu den seltenen Texten, die den Kopf klar machen können.

Aus: katz (Trier) N° 2 / Februar 1996

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