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Anton Panner

Rezensionen

Der Generalangriff der “Krisis”-Gruppe gegen den Kapitalismus ist erst einmal gescheitert. Nach langjährigen Vorbereitungen und einer zumindest publizistisch erfolgreichen Verabredung mit dem “Kollaps der Modernisierung” startete die Gruppe den Angriff im Sommer 1999 mit einem leichten Geplänkel in Form eines “Manifests”, verschärfte im Herbst die “Attacken” und läutete im Dezember des Jahres den endgültigen “Abgesang” ein. Müßig zu erwähnen, daß der Gegner sich von dem ganzen Unternehmen schlichtweg unbeeindruckt zeigte. Als das eigentlich bemerkenswerte in den Schriften der “Krisis”-Gruppe und insbesondere ihres Protagonisten Robert Kurz erweist sich einmal mehr die insbesondere im “Schwarzbuch” nach langjähriger Erprobung fast schon virtuos gehandhabte Fähigkeit, den inhaltlich längst zum eintönigen Singsang gewordenen Abgesang auf den Kapitalismus einem in verwirrter Glaubenssehnsucht verharrenden Publikum als tröstende letzte Gewißheit zu verkaufen. Kurz rekapituliert einmal mehr diverse Aspekte der Geschichte des modernen Kapitalismus vom philosophischen Liberalismus bis zur dritten industriellen Revolution, ohne letztendlich älteren Erzählungen und neueren Analysen einen einzigen innovativen Gedanken hinzuzufügen; das Spezifische seiner eigenen Erzählung besteht darin, die mit geradezu protestantischem Fleiß zusammengetragenen Bruch- und Fundstücke zur Kritik am Kapitalismus im allgemeinen und der alten Arbeiterbewegung im speziellen – eine Kritik, die im übrigen keineswegs so neu ist, wie Kurz und seine Anhänger so gerne vorspiegeln – in einem zeitgemäß weitgehend locker und flockig geschriebenen und an manchen Stellen durchaus angenehm polemisch zu lesenden Jargon vorzutragen. Allerdings wird dies alles in einer Manier präsentiert, die Lenin – Kurz wird sich erinnern – als eklektizistisch bezeichnet hätte. Auffällig dabei ist die Manie, mit der die – inhaltlich ohne Zweifel berechtigte – Kritik an der sich als marxistisch definierenden Arbeiterbewegung vorgetragen wird; kein Wunder, daß die Vermutung aufkommt, daß Kurz etwas aufzuarbeiten und nachzuholen hat und daß sich diese Vermutung mit der Frage verbindet, welche Interessen von Kurz und “Krisis”-Gruppe eigentlich bedient werden. Da ist wohl zum einen das Milieu frustrierter Altlinker, insbesondere aus der Szenerie der früheren Marxisten-Leninisten jeglicher Provenienz, die sich, soweit sie nicht “grün” geworden sind, nach dem Scheitern ihrer schon immer merkwürdig anmutenden Organisationsversuche zwischen Partei und sogenanntem “Zirkelwesen” in einem letzten Delirium gemütlich an ihren Stammtischen zurücklehnen können, um sich in ihrem Glauben bestätigen zu lassen, daß der Kapitalismus nun endlich und endgültig vor jenem “Kollaps” steht, den sie einst herbeiorganisieren wollten und der jetzt – Kurz mit seinen Mannen hat es den von den “Nürnberger Nachrichten” regelmäßig verbreiteten verstreuten Meldungen aus aller Welt mit kritischem Geist entnommen – ganz von alleine kommt; es bedarf dazu nicht einmal mehr jener komplizierten Modellrechnungen, die von dem einen oder anderen Marx-Adepten zu den seligen Zeiten der Zweiten und Dritten Internationale regelmäßig unter dem gutgläubigen Parteivolk verbreitet wurden. Als zweite Zielgruppe läßt sich eine jugendliche Linke zwischen Sekundarstufe II und universitärer Zwischenprüfung ausmachen, deren noch etwas diffuser Weltveränderungselan in den kecken Sprüchen von Kurz den Zustand der kapitalistischen Welt auf den Begriff gebracht fühlt und schließlich meldet sich mit zunehmender Begeisterung jene feuilletonistische Linke zu Wort, der die soziale und politische Geschichte der linken Emanzipationsbewegungen – vom “Pöbel” und den Maschinenstürmern des frühen 19. Jahrhunderts über die Gewerkschaften und Parteien der Arbeiterbewegung bis zum weitgehend in Kleingruppen marginalisierten sozialen Widerstand der Jetztzeit – ansonsten nicht nur herzlich gleichgültig, sondern insbesondere auch ein Buch mit erheblich mehr als bloß sieben Sigeln ist. Schon mit dem “Kollaps der Modernisierung”, von Enzensberger zielgenau in seiner “Anderen Bibliothek” positioniert, hatte Kurz in den Feuilletons der mehr oder minder guten bürgerlichen Presse einigen Wirbel verursacht; immerhin ist er sich bewußt, daß, auch wenn das “Schwarzbuch” fast schon erwartungsgemäß zu einem veritablen Knüller des bewußtseinsbildenden Feuilletons geworden ist, der “universelle Zugriff' der Bewußtseinsindustrie “kaum durch die Attitüde individueller Partisanentätigkeit von Intellektuellen unterlaufen werden” kann. Nichtsdestotrotz hat ein Rezensent das “Schwarzbuch” in der insgesamt wohl doch eher konservativen “ZEIT” zum wichtigsten bundesdeutschen Buch der letzten zehn Jahre gekrönt, eine Krönung, die, einmal abgesehen davon, daß man gar nicht nachfragen möchte, was der entsprechende Rezensent in den letzten zehn Jahren alles nicht gelesen hat, nicht von ungefähr einer Heimholung gleichkommt und einmal mehr deutlich macht, wie groß der unersättliche Magen der Bewußtseinsindustrie ist. Zu fragen ist auch – wie dies schon beim “Kollaps der Modernisierung” der Fall war – ob und inwieweit eine solche Heimholung, der Kurz mit seiner zwiespältigen Bezugnahme auf konservative Autoren wie Ernst Jünger durchaus entgegenkommt, nicht einer zeitgeistgemäßen Erweiterung des kulturpessimistischen Inventars deutscher Intelligenz gleichkommt, die ganz nebenbei ein beredtes Zeugnis vom alternden Zerfall der bundesdeutschen Linken zeugt: in der Jugend kulturkritisch, im Alter kulturpessimistisch.

Es ist manchmal schon verblüffend, in welch selektiver Manier Kurz sich theoretische Debatten, praktische Erfahrungen und entsprechende Forschungs- und Diskussionsergebnisse aus der Geschichte der Linken aneignet. Da werden z.B. Überlegungen zu den Sozialrevolten der Vormärzzeit, zu den Räteströmungen der Jahre 1918/19 oder auch – ein Lieblingsthema der “Krisis”-Gruppe – zu der fatalen Apologie protestantischer Arbeitsideologie in der sozialdemokratischen und parteikommunistischen Tradition in einem Gestus vorgetragen, als seien sie in der Schreibstube von Kurz und seinen Mitarbeitern ganz neu entwickelt worden; peinlich wird es nur, wenn man immer wieder feststellen kann, daß die mit großer Attitüde vorgetragenen Erkenntnisse bloß aus irgendwelcher Sekundärliteratur exzerpiert und fleißig zusammengeschrieben worden sind. Wenn Kurz z.B. sowohl im Hinblick auf die Pariser Kommune als auch im Hinblick auf die Rätedebatten in Rußland und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg behauptet, daß man seinerzeit nur “eine radikale ‘politische‘ Emanzipation” angestrebt habe, ohne den Status der vorgeschalteten ökonomischen Formen auch nur im geringsten zu klären, dann kann man daraus zwar entnehmen, daß Kurz ein gläubiger Leser von Lenins “Staat und Revolution” war oder vielleicht auch noch ist, muß aber zugleich konstatieren, daß die von ihm vorgenommene Reduktion der damaligen Emanzipationsbewegungen auf den “politischen” Aspekt schlichtweg einer Geschichtsfälschung gleichkommt, die sich wohl daraus erklären läßt, daß sie seiner heutigen Argumentation einen schicken radikalen Anstrich gibt. Völlig unbekannt scheint auch zu sein, daß z.B. im rätekommunistischen Milieu bereits in den dreißiger Jahren ausführlich über “alte” und “neue” Arbeiterbewegung diskutiert worden ist; die entsprechende Literatur ist wohl noch nicht durchgearbeitet oder vielleicht auch noch gar nicht auf dem Lektüreplan verzeichnet. Beispielhaft läßt sich die Kurzsche Manier verkürzender Rezeption auch anhand einer der elf “Attacken” nachvollziehen; dort beschäftigen sich Kurz und Norbert Trenkle mit der “Aufhebung der Arbeit” und in diesem Kontext auch mit dem italienischen Operaismus, der kurzerhand fälschlicherweise in die siebziger Jahre verlegt wird, was sich wohl daraus erklärt, daß die beiden Autoren ihre Erkenntnisse einer als Buch veröffentlichten Hamburger Diplomarbeit entnommen haben, die sich mit der Geschichte der bundesdeutschen Autonomen beschäftigt. Daß kein einziger italienischer Operaist auch nur namentlich erwähnt wird, ist schon merkwürdig, daß dem Operaismus sowohl “Klassen-Soziologismus” als auch “Subjektivismus” vorgehalten werden, verdankt sich wohl einer lange eingeübten besonderen Variante dialektischen Denkens. Wenn die Autoren dann zu allem Überfluß auch noch besserwisserisch darauf verweisen, daß der Operaismus sich “des Problems kategorialer Kritik” nicht in angemessener Weise angenommen habe, dann kann die Empfehlung nur lauten: Zurück zum Anfang, Panzieri und Tronti studieren und noch einmal starten.

Zu dieser selektiven, der eigenen Argumentation sich anschmiegenden Aneignung paßt dann sehr gut, daß die sozialen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre auf den von Dutschke propagierten “Marsch durch die Institutionen” reduziert und verkürzend als eine Art Demokratisierungsbewegung interpretiert werden. Es ist zwar ohne Zweifel richtig, daß dieser gar nicht so lange Marsch auch “in kapitalistische Regierungen und auf Ministersessel führen sollte”, aber Kurz übersieht dabei, daß z.B. der angesprochene “revolutionäre Kämpfer” Fischer im Mai 1976 nicht ohne Grund ein ganz persönliches Saulus-Paulus-Erlebnis hatte. Kurz hätte gut daran getan, sich jene sozialen und politischen Diskussionen einmal näher anzuschauen, die nicht nur in den Milieus, in denen Fischer sich in den Jahren vor diesem Richtungswechsel bewegte, geführt wurden. Dabei hätte er feststellen können, daß vieles von dem, was er in seinem “Schwarzbuch” zum besten gibt, bereits in den sechziger und frühen siebziger Jahren – abgesehen davon auch bereits viel früher und auch noch später – in diversen linken und linksradikalen Milieus, gerade auch in Auseinandersetzung mit der tradierten Arbeiterbewegung, diskutiert wurde und in entsprechenden Publikationen zu lesen war. Der Igel Fischer könnte dem sich abhetzenden Hasen Kurz also durchaus amüsiert zurufen: Bin schon dagewesen, was den Hasen allerdings nicht dazu verleiten sollte, dem Igel auch weiterhin nachzuheizen.

Dieses enthistorisierende, ursprüngliche Zusammenhänge vielfach souverän mißachtende und entsprechend zusammenhanglos zusammengewürfelte Konglomerat aus Wiederaufbereitung und Verdrängung ist nicht zuletzt deshalb so impertinent, weil es mit dem Gestus eines verspäteten und deshalb etwas hektisch agierenden Weltgeistes vorgetragen wird. Regelrecht amüsant allerdings wird die kritische Wiederaufbereitung alter Themen bei dem merkwürdigen Versuche der “Krisis”-Gruppe, dem zwar noch interessierten, angesichts des trotz lautstark intonierten “Abgesangs” ausbleibenden Zusammenbruchs des Kapitalismus mittlerweile aber auch ungeduldiger werdenden Publikum neuerdings auch konkrete Perspektiven anzubieten. “Arbeitskritik”, so vermelden Kurz und Trenkle in der erwähnten “Attacke”, “ist erst jenseits des Klassenkampfs möglich als Selbstkonstitution einer Emanzipationsbewegung”. Wenn dann Kurz im Anschluß an eine solche, wohl programmatisch gemeinte Aussage, die jedem beliebigen Sponti- oder Alternativblättchen der siebziger Jahre entnommen sein könnte, als “ Übergangsphase” – der Traditionsmarxist läßt grüßen – eine “ Gegengesellschaft” propagiert, “die bestimmte soziale Räume gegen die kapitalistische Logik eröffnet, aus denen Markt und Staat vertrieben werden”, oder an anderer Stelle, frei nach dem offensichtlich auch wieder aufgegabelten “Prinzip Hoffnung”, “ein emanzipatorischer gesellschaftlicher Fokus” imaginiert wird, der dann “entsteht, ... wenn durch Hausbesetzungen oder Mietstreiks damit begonnen wird, den Wohnbereich aus der Sphäre der Warenproduktion herauszulösen und zum Beispiel gleichzeitig im Stadtviertel eine autonome Infrastruktur von sozialen und medizinischen Einrichtungen, Treffpunkten, Kommunikationszentren usw. aufzubauen”, dann fragt man sich, einmal abgesehen davon, daß die “Krisis”-Gruppe mit solchen offensichtlich ernst gemeinten Ratschlägen ihre Waren- und Wertanalyse komplett ad absurdum führt, in welcher Welt Kurz und seine Mitstreiter eigentlich in den siebziger und frühen achtziger Jahren gelebt haben. Der marxistisch-leninistische Durchgang durch blaue und braune Bände hat ihnen damals offensichtlich die Hirne dermaßen vernebelt, daß sie von dem, was um sie herum als seinerzeit neueste linke Moden en vogue war, nichts mitbekommen haben – eine Audienz bei “street fighting man” Joschka Fischer könnte auch diesbezüglich ohne Zweifel aufklärend wirken. Daß – analog zu den beim Publikum offensichtlich so beliebten Raubzügen durch verspätet rezipierte und angelesene zweihundertjährige soziale Erfahrungen und politische Debatten – solcherlei Alternativillusionen der frühen Spontibewegung wieder aus der Klamottenkiste ausgegraben und ernsthaft propagiert werden, läßt allerdings einmal mehr darauf schließen, daß es sich bei der “Krisis”-Gruppe und ihrem Chefrezipienten um nichts anderes als eine Art “Wiederaufbereitungsanlage” angelesener theoretischer und praktischer Erfahrungen handelt, die in ihrer der jeweiligen historischen Entstehungszusammenhänge entsorgten Fassung als Staffage für mittlerweile eher larmoyante als apokalyptische Abgesänge auf den Kapitalismus herhalten müssen.

Angesichts all dieser hier nur angedeuteten und ohne weiteres zu ergänzenden Redundanzen, den verkürzten Aneignungen und den großzügigen Auslassungen, ist zu vermuten, daß sich hinter dem Projekt “Krisis” mehr und anderes versteckt als der wohlklingend intonierte Schwanengesang auf den Kapitalismus. Man muß nicht unbedingt über die von der “Initiative Sozialistisches Forum” in ihrer grundlegende Fragen der Wert- und Krisentheorie thematisierenden “ideologiekritischen Skizze” beschworene “Einsicht ins an sich Unverständliche und Widersinnige der paradoxen Vergesellschaftung durchs Kapital” spekulieren, um den Hinweis auf die “tiefe Ambivalenz des Kapital, das beständige Oszillieren zwischen Wertformanalyse und Philosophie der Arbeit, zwischen Kritik und Theorie” aufzugreifen, der nicht nur auf jene in der traditionellen Arbeiterbewegung unter dem Stichwort “Marxismus” gehandelte und zur Weltanschauung geronnene Theorie verweist, die mit Kritik nichts, mit System aber um so mehr zu tun haben wollte, sondern auch auf deren neueste Variante, jene nämlich, die von der “Krisis”-Gruppe seit mittlerweile rund fünfzehn Jahren auf dem Markt der Ideen angeboten wird. Was Adorno – und nicht nur Adorno – bereits in den vierziger Jahren aufgefallen war, ist Kurz und Anhang – da die Tragödie der sozialdemokratischen und parteikommunistischen Arbeiterbewegung offensichtlich erst noch einmal als Farce gelebt werden wollte – erst in den achtziger Jahren langsam zu Bewußtsein gekommen: Das real existierende Proletariat hatte seine ihm geschichtsphilosophisch zugemutete Rolle als revolutionäres, den Kapitalismus stürzendes Subjekt, aus welchen Gründen auch immer, nicht spielen wollen. Folglich hat man in der “Krisis”-Gruppe zu einer vehementen, aus – so hat man manchmal den Eindruck – persönlicher Beleidigung und Enttäuschung gespeisten Kritik an der traditionellen Arbeiterbewegung ausgeholt, die zwar keinerlei neue Erkenntnisse zu Tage förderte, aber – wie bereits angemerkt – mancherlei verkürzte Geschichtsrezeption mit sich brachte. Zugleich hat man aber vom Ende des Kapitalismus nicht lassen wollen oder können; da von einem Sturz des Kapitalismus mangels aktiv stürzendem Subjekt nicht mehr die Rede sein konnte, hat man kurzerhand den aus Diskussionen im Rahmen der alten Arbeiterbewegung durchaus bekannten Zusammenbruch des Kapitalismus wiederbelebt. Da dieser Zusammenbruch, wie seinerzeit vorschnell prognostiziert, im Anschluß an die Implosion der realsozialistischen Systeme noch nicht erfolgte, ist man mittlerweile verschärft dazu übergegangen, ihn in der Manier von Kaffeesatzleserei aus den Wirtschaftsnachrichten der bürgerlichen Presse herauszudestillieren. Offensichtlich verwechselt man dabei das alltägliche Phänomen der betriebs- oder volkswirtschaftlichen Verwertungsschwierigkeiten mit dem, was bei Marx mit Krise gemeint ist. Das Kapitalverhältnis ist immer ein Krisenverhältnis, das Kapital befindet sich von daher immer in der Krise und die Krise ist jener Motor, der in der bürgerlichen Ideologie als Fortschritt gehandelt wird; die Schlußfolgerung, daß es nicht irgendeine Krise sein wird, die das Kapitalverhältnis beenden und den Zusammenbruch herbeiführen wird, liegt nahe. “Krisis”, so resümiert die “Initiative Sozialistisches Forum”, “begründet ihre Zusammenbruchsthese gerade nicht allein mit Marx, sondern in einer komplexen Mischung aus Marxschen und marxistischen Kategorien, quantifizierenden Hypothesen und vor allem mit historisch-empirischen Daten, aufgrund der, Logik und Geschichte zusammengenommen und auf die aktuelle Situation bezogen, das Zusammenbrechen des Kapitals in naher Zukunft anstehe.”

Kritik der traditionellen Arbeiterbewegung, die aus der Enttäuschung über das “Versagen” des revolutionären Subjekts resultiert, und der Glaube an eine aus Verwertungsschwierigkeiten resultierende und zum endgültigen Zusammenbruch führende Endkrise des Kapitalismus verdichten sich im ideologischen Haushalt der “Krisis”-Gruppe zu jener Gemengelage, die als Weltanschauung wohl auch organisiert sein will und, im Rückgriff auf die bereits angesprochene Verweigerungsidylle der siebziger Jahre, dem gläubigen Anhang zur Lebensphilosophie geworden ist. Dies kommt ohne Zweifel der antiintellektuell gesinnten bundesdeutschen Linken entgegen, die da, wo sie intellektuell sein möchte, bloß akademisch ist und in ihrem intellektuell redundanten, politisch gewendeten Machbarkeitswahn den dummen August der Kapitalverwertung abgibt, insbesondere da, wo sie alternative Avantgarde spielte und tatsächlich zum Spielball einer materiellen Logik wurde, die sich im soziopsychischen Haushalt der Beteiligten als Konkurrenzverhalten im Milieu begrenzter Ressourcen niederschlug. Man mag gar nicht darüber spekulieren, wann es Kurz und Anhang dämmern wird, “daß der Kapitalismus in seinen Krisen geradezu begierig seine Linke dazu drängt, die Rolle des Krankenhelfers zu spielen. Dagegen", so die Schlußfolgerung der “Initiative Sozialistisches Forum”, “ginge es der Kritik darum, zu begreifen, daß der Kapitalismus in seiner Existenz die Krise ist; er also gar nicht erst in eine Krise geraten kann.”

Aus: Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstandes N° 16 (2001), S. 793 - 798

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