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Helmut Reichelt

Rezension der Schrift Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen „Kapital“

Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen „Kapital“, 2. Bd., Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1968, 680 S.

Die neuere Marxforschung in den westlichen Ländern, die sich immer mehr den Problemen der Darstellung im Marxschen Werk zuwendet, verfährt – bewußt oder nicht bewußt – nach einem zentralen Motiv der Dialektik: abgelöst von den darzustellenden Inhalten ist über die Methode nichts auszumachen. Roman Rosdolsky legt mit seiner zweibändigen Entstehungsgeschichte des Marxschen „Kapital“ ein Werk vor, das zur Klärung der Darstellungsmethode beitragen wird. Die Einschätzung des Verlags, daß die Arbeit von Rosdolsky für viele Jahre den Rang eines unentbehrlichen Standardwerkes einnehmen wird, dürfte kaum übertrieben sein, denn Rosdolsky ist in der Tat der einzige Autor, der einen umfangreichen Kommentar zum Rohentwurf des „Kapital“ aus den Jahren 1857/58 verfaßt hat. Dieser Rohentwurf, der mit dem Titel „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ in den Jahren 1939 und 1941 im Verlag für fremdsprachliche Literatur in Moskau erschienen ist und seit 1953 als fotomechanischer Nachdruck dieser Ausgabe vom Dietz Verlag in Berlin vertrieben wird (seit 1967 auch bei der Europäischen Verlagsanstalt), hat, wie jeder feststellen wird, der auch nur oberflächlich mit dem Gesamtwerk von Marx vertraut ist, gerade für die Erörterung methodologischer Probleme Schlüsselcharakter.

Daß aber gerade dieses annähernd 1000 Seiten starke Manuskript so wenig in der neueren Marxinterpretation erwähnt wird, dürfte nicht zuletzt auf die komplizierte Struktur des Gesamttextes zurückzuführen sein, in dem – wie Marx in einem Brief an Engels schreibt – alles „wie Kraut und Rüben durcheinandergeht“. Um so verdienstvoller ist die Arbeit von Rosdolsky, der die zentralen Gedankengänge herauspräpariert hat und auf die Weise den Zugang zu diesem schwer verständlichen Werk ungemein erleichtert.

Neben dem russischen Wissenschaftler W. Wygodsky ist Rosdolsky der einzige Marxforscher, der den detaillierten Nachweis erbringt, daß der gesamte Rohentwurf des „Kapital“ im Grunde nur die Entwicklung des ersten Abschnittes des Planes aus dem Jahre 1857 ist, nämlich die „Darstellung des allegemeinen Begriffs des Kapitals“. In einer überaus exakten Dokumentation vergleicht er die Struktur des Rohentwurfs mit dem „Kapital“ wie es von Marx bzw. Engels herausgegeben wurde, und zeigt, daß auch die drei Bände des „Kapital“ im wesentlichen eine Präzisierung und Ausweitung dieses „allgemeinen Begriffs des Kapitals“ darstellen.

Diese Entdeckung wird für die gesamte zukünftige Auseinandersetzung mit Marx richtungsweisend sein, und man wird die Qualität einer Arbeit daran zu messen haben, inwieweit der Autor die Implikationen dieses Darstellungsprinzips entfaltet hat. Leider befand sich aber Rosdolsky zu sehr im banne der Fachökonomie, wie übrigens auch Wygodsky, um die Tragweite seiner eigenen Entdeckung völlig abschätzen zu können. Bezeichnend für seine Interpretation des Rohentwurfs ist seine Äußerung auf dem Frankfurter Kongreß im September 1967. Einerseits glaubt er in seinen „Bemerkungen über die Methode des Marxschen Kapital und ihre Bedeutung für die heutige Marxfoschung“, daß man seit Erscheinen des Rohentwurfs Lenins Rat, daß man „die ganze Logik Hegels durchstudieren müsse“, um das „Kapital“ zu verstehen, vernachlässigen könne, da der Rohentwurf zeige, wie „durch und durch dialektisch der Aufbau des Kapital“ ist, andererseits entschuldigt er sich vorweg für etwaige Fehlschlüsse, da er „kein Philosoph von Fach“ sei. Rosdolsky bemerkt nicht, daß sich in der Darstellung des „allgemeinen Begriffs“, der Darstellung der „Verhältnisse, wie sie ihrem Begriff entsprechen“, die Übernahme des Hegelschen Wahrheitsbegriffs verbirgt, demzufolge nicht nur danach gefragt wird, ob der Begriff der Sache entspreche, sondern ob auch die Sache dem Begriff entspreche, ob auch die Sache eine wahre sei. Der Nachweis des „durch und durch dialektischen Aufbaus“ beschränkt sich bei Rosdolsky infolgedessen auf ausschließlich terminologische Vergleiche. Inwieweit hinter dieser terminologischen Übereinstimmung eine strukturelle Identität von Hegelschem Geistbegriff und Marxschem Kapitalbegriff zu suchen ist, wird nicht untersucht, so daß ihm gerade das entscheidende Moment der dialektischen Darstellungsform, nämlich die Entfaltung der Kategorien auf dem Wege des „immanenten Übersichhinausgehens“, das von Hegel auf der Grundlage der ausschließlich kategorialen Fassung des Nichtidentischen in der Logik praktiziert wird, völlig entgeht. Der Vernachlässigung dieses Aspekts entspricht die häufige Aneinanderreihung von Textstellen, die gerade wegen ihrer Hegelschen Terminologie schwer verständlich sind und erklärungsbedürftig scheinen.

Wenn auch das Buch von Rosdolsky somit für den „Eingeweihten“ in mancher Hinsicht unbefriedigend ist, so bleibt doch die von ihm durchgeführte Nachzeichnung der Darstellung des Systems der Kategorien der politischen Ökonomie die notwendige Voraussetzung für die Erörterung subtilerer Fragestellungen. Die Aneignung der wesentlichen Konstruktionen der Marxschen Theorie wird darüber hinaus noch erleichtert durch einen Anhang mit kritischen Exkursen, die ebenfalls beitragen werden, das Buch zu einem Standardwerk werden zu lassen. In der gegenwärtigen Literatur über Marx dürfte kaum eine ähnlich übersichtliche Wiedergabe der verschiedenen theoretischen Positionen und ihrer politischen Funktion im Streit um die Marxschen Reproduktionsschemata zu finden sein, mit deren Hilfe Prognosen über Stabilität oder Instabilität des Kapitalismus formuliert wurden. Informativ sind auch eine Auseinandersetzung mit Böhm-Bawerk über das Problem der qualifizierten Arbeit sowie die Erörterung der Einwände von Joan Robinson gegen die Marxsche Werttheorie, da an repräsentativen Werken der Marx-Kritik nahezu die gesamte Skala der traditionellen Argumente durchdiskutiert wird. Eine Reihe kritischer Anmerkungen findet sich auch zu den neomarxistischen Versuchen von Oskar Lange. Rosdolsky will sich mit dessen Interpretation des Marxschen Begriffs der Naturwüchsigkeit nicht abfinden. Die Eliminierung der kritischen Dimension dieses Begriffs in den Arbeiten der Ökonomen der sozialistischen Länder ist ihm Indiz einer sozialen Praxis, die sich vom Geist des Marxschen Werkes immer mehr entfernt.

Soziale Welt. Zeitschrift für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis, 20. Jahrgang 1969 – Heft 3, Göttingen

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