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Ottmar Mareis

Rezension zu Scheit, Quälbarer Leib

In seinem neuen Buch mit dem vielsagenden Titel weicht Scheit nicht vom Schema seiner letzten Veröffentlichungen ab. Er ist wohl einer der orthodoxesten Adorno-Exegeten, obwohl er einer Generation angehört, die erst Anfang der 60er Jahre geboren ist. Zu Beginn seiner Ausführungen stellt er die Theorie von Lukács in einen religiösen Zusammenhang, um sie weitgehend zu verdammen. Das verwundert; denn für den Leser wäre durchaus interessant, inwieweit Lukács Adorno nicht nur im Allgemeinen, sondern en detail beeinflußte. Spannender jedoch wäre eine Rekonstruktion der gegenseitigen Beeinflussung oder auch Abgrenzung gewesen, zumal einige Neuveröffentlichungen zum späten Lukács ein neues Licht auf dieses Verhältnis werfen. Bekanntlich hat Lukács selbst seine frühen Theorien kritisiert und nicht unerheblich modifiziert; der späte Lukács aber ist im Allgemeinen unter Geisteswissenschaftlern kaum bekannt. Deshalb ist eine Kritik, die sich nur auf sein frühes Denken bezieht, schlecht informiert und wird ihm, wie auch im Falle Scheits, nicht gerecht.

Im zweiten Kapitel analysiert Scheit, inwiefern die Theorieansätze von Arendt, Sartre, Adorno und Amery den quälbaren Leib als unhintergehbare Prämisse, gewissermaßen als archimedischen Punkt, in ihre Theoriekonstruktionen mit aufnehmen oder ausschließen. Dabei bringt er diese Theorieansätze gekonnt ins Gespräch miteinander. Arendt kommt dabei am schlechtesten weg; Sartres Reflexionen zur Judenfrage und seine spezifische, aufs Individuum zugeschnittene Form des Existentialismus werden am meisten gelobt. In “Das Sein und das Nichts” werde der Abgrund der menschlichen Existenz gegenüber jeder anderen sichtbar, der zugleich die Möglichkeit eröffne, den Anderen als bloßes Objekt zu betrachten. Als letzte, nicht hintergehbare Erfahrung werden die enigmatischen Schriften Jean Amerys zitiert, in denen die Foltererfahrungen verarbeitet werden, die er unter der Nazi-Herrschaft gemacht hat. Dabei bleibt Adorno der durchgängige Bezugspunkt. Zitiert wird etwa ein Interview, in dem Adorno dafür plädiert, eine Ohrfeige, die dazu dient, einen anderen Gewaltprozeß zu beenden, als positiv zu beurteilen. Obwohl Scheit Adorno größtenteils, wie in seinen bisherigen Büchern, hofierend interpretiert, läßt er ihn hier durch Amery kritisieren, der ihm vorwirft, Auschwitz als dialektisches Exerzitium zu mißbrauchen.

Im folgenden Kapitel wird wieder einmal Adornos Jazz-Kritik referiert und gegen diejenigen verteidigt, die darin das schwächste Glied in Adornos Theorie erblicken. Off-Beat und Synkope trügen zwar, dem Dreivierteltakt der Straußschen Walzer vergleichbar, das Schema der Kulturindustrie in sich, doch in einer gesteigerten Ironisierung, die auch das Leiden der ehemals unterdrückten Black Communities zum Ausdruck bringen. Das Jaulen und Quäken der Blasinstrumente inszeniere das Aufbegehren und mache es zugleich lächerlich. Dadurch würde die Angst noch einmal unterdrückt, die mit ihm verbunden sei. Bisher kam noch niemand auf die Idee, die Elemente des Jazz, die Adorno negativ psychologisch interpretierte, positiv gegen Adornos Pauschalverdammung zu wenden. Tatsächlich könne eine allgemeine Ironisierung Herrschaft durchaus in Frage stellen. Als Beispiel führt Scheit an, daß 1917 die Navy, die in New Orleans stationiert war, ein Vergnügungsviertel schließen ließ, weil der Amüsierbetrieb für die Kampfmoral der Soldaten bedrohliche Ausmaße annahm. Kneipiers, Jazzmusiker und Publikum wurden des Orts verwiesen. Sie alle kamen in einer großen bunten Parade mit Phantasieuniformen zusammen und spielten parodierend militärische Märsche, während sie im Stechschritt aus dem Viertel auszogen, gefolgt von Prostituierten mit geschulterten Matratzen.

Penibel arbeitet Scheit heraus, wie der Humor der Sitcoms, der Vorabendserien oder des “Tatorts” funktioniert, indem er sie mit Becketts “Endspiel” und Adornos “Versuch, das Endspiel zu verstehen” vergleicht. Damit prolongiert er das Kulturindustrie-Kapitel der “Dialektik der Aufklärung” in die aktuelle Postmoderne. Scheits Buch, so könnte man meinen, hebe sich damit wohltuend von dem allgemeinen, positivistischen, affirmativen und geschwätzigen Mainstream in den Sozial- und Kulturwissenschaften ab. Andererseits aber zeichnet es die Gegenwart in einer exzessiven Negativität und einer Rabenschwärze, die die Schwärze des Bucheinbandes übertrifft und auch die Schwärze von Adornos und Horkheimers Negativität noch überbietet Was bei Adorno und Horkheimer eng mit ihrer Biographie und der leibhaftig erfahrenen Geschichte zusammenhängt und Glaubwürdigkeit besitzt, hat sich bei Scheit völlig verselbständigt. Des öfteren klopft bei der Lektüre des Buches die Frage an, ob Scheit wohl bemerkt hat, daß wir uns zwar in einer sicherlich zu kritisierenden Postmoderne befinden, daß es aber aktuell wie schon geraume Zeit keine Vernichtungslager mehr gibt. Nicht zuletzt ein Verdienst der Kritischen Theorie und ihrer Erziehungsanstrengungen nach Auschwitz!

Im letzten Kapitel kommt Scheit wieder einmal auf Adornos kategorischen Imperativ zurück, dem zufolge es zu denken gelte, “daß es sich nicht mehr wiederhole, daß nichts dergleichen [noch einmal] geschehe”. Ganz so, als ob wir noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit oder der postnazistisch verdrängenden “Nachkriegswirtschaftswunder-Ara” lebten, die der Kritiken Adornos dringend bedurften. In Vergessenheit geraten ist dagegen Adornos Aussage, daß jede Theorie an einen Zeitkern gebunden ist. Folgt man Scheits Schriften, so hat sich von 1933 oder 1945 bis heute kaum etwas verändert, weder kulturindustriell noch vernichtungstechnisch. Erwägenswert wäre dagegen, ob seine Analysen durch einen unvoreingenommeneren Blick nicht realistischer gerieten und ihren Gegenständen gerechter würden. Zu fragen wäre insbesondere, ob die stupende Negativität nicht schon auf einer fortgeschrittenen Depression beruht, die wiederum kulturkritisch zu deuten wäre. Scheit verbaut sich dadurch eine Sicht auf die Eigenbewegung und Idiosynkrasie der postmodernen Objekte. Nicht zuletzt avisierte die Negative Dialektik doch, die Phänomene selbst sich aussprechen zu lassen!

Aus: Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie N° 55 (2012), S. 141 - 143

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