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ça ira-Verlag

Wolfgang Braunschädel

Buchbesprechung

Aus: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, 2016, ARCHIV 20

Der 1899 geborene, aus großbürgerlichem Haus stammende Alfred Sohn-Rethel hatte in den zwanziger Jahren etwas entdeckt, das er – gewissermaßen als Synthese der Kritik der Politischen Ökonomie von Marx und der Erkenntniskritik von Kant – die „geheime Identität von Warenform und Denkform“ nannte, stieß mit dieser Entdeckung und dem Versuch einer Ausarbeitung einer materialistischen Erkenntniskritik allerdings auf keinerlei Gegenliebe, auch nicht bei denen, die später zu Protagonisten des „Instituts für Sozialforschung“ wurden – ,,So'n Rätsel“ lautete der Spitzname, den er bei Adorno und Benjamin hatte. Sohn-Rethels Versuche, sich in späteren Jahren immer mal wieder dem „Institut“ als Mitarbeiter anzudienen, waren allesamt zum Scheitern verurteilt und ließen ihn zu einem lange Zeit kaum zur Kenntnis genommenen Außenseiter werden. Abgesehen von seiner 1928 angenommenen und 1936 veröffentlichten Dissertation „Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft“ produzierte er in den folgenden Jahren einige Exposés zu geplanten, aber nie ausgeführten Projekten. Seit September 1931 arbeitete er als wissenschaftliche Hilfskraft beim als Interessenorganisation führender Industrieunternehmen, Banken und Verbände gegründeten „Mitteleuropäischen Wirtschaftstag", wo er Einblicke in Überlegungen zu einer Umstrukturierung von Einflußsphären in Mittel- und Südosteuropa gewinnen konnte und veröffentlichte diverse Beiträge in den 1928 als Privatkorrespondenz gegründeten „Deutschen Führerbriefen“ sowie in der Wochenschrift „Der Deutsche Volkswirt“. 1936 emigrierte Sohn-Rethel nach England, von wo er Anfang der siebziger Jahre in die Bundesrepublik zurückkehrte, wo er einige Jahre lang an der Universität in Bremen lehrte, ehe er 1990 starb. Späte Anerkennung wurde Sohn-Rethel mit seiner 1970 erschienen, auf frühere Überlegungen zurückgehenden Arbeit „Geistige und körperliche Arbeit“ zuteil, die 1989 noch einmal in einer revidierten und ergänzten Fassung neu aufgelegt wurde. Es folgten diverse, zum Teil alte Manuskripte und Texte aufgreifende Publikationen, ehe nunmehr seine gesammelten Schriften in einer Werkausgabe vorgelegt werden, von der bis jetzt zwei Bände erschienen sind: Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft. Frühe Schriften. Herausgegeben von Oliver Schlaudt und Carl Freytag (Freiburg: ca ira Verlag 2012, 294 S.) und Die deutsche Wirtschaftspolitik im Übergang zum Nazifaschismus. Analysen 1932-1948 und ergänzende Texte. Schriften II. Herausgegeben von Carl Freytag und Oliver Schlaudt. Mit Beiträgen von Harun Farocki und Madeleine Bernstorff sowie dem Film Zwischen zwei Kriegen von Harun Farocki (Freiburg: ca ira Verlag 2016, 510 S.). Der erste Band enthält im Anschluß an zwei einleitende Beiträge der Herausgeber die titelgebende Dissertation Sohn-Rethels sowie diverse Dokumente, darunter Vorarbeiten, weiterführende Texte und spätere Kommentare zur Dissertation. Der zweite Band enthält im Anschluß an einen ausführlichen einleitenden Beitrag des Mitherausgebers Carl Freytag die angesprochenen Texte Sohn-Rethels aus den „Deutschen Führerbriefen“ und dem „Deutschen Volkswirt“, in einem zweiten Teil Texte aus den Jahren 1936 bis 1945, darunter den erstmals 1992 veröffentlichten Band „Industrie und Nationalsozialismus“, bei dem es sich wiederum um eine revidierte Fassung des 1973 erschienen Titels „Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus“ handelt und in einem dritten Teil Texte aus der Nachkriegszeit. Abgeschlossen wird der Band mit Texten von Harun Farocki zu seinem Film „Zwischen zwei Kriegen“ (der als DVD beiliegt) sowie einem Anhang mit einem Literaturverzeichnis, einem Verzeichnis der von Sohn-Rethel zitierten Texte, Textnachweisen, einem Glossar und einem Personenverzeichnis.

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