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Seb Bronsky

„Produktionszwang und Faschismus“

Ein Leben muß schon ganz schön durcheinandergeraten, damit in einem Kopf die Marxsche Theorie vom Wertgesetz, die Hochofenkunde und die Geheimpolitik der Ruhrmagnaten einander begegnen können.
Harun Farocki

Alfred Sohn-Rethel wurde 1899 als Sohn deutscher Künstler »aus einer alten, kulturell alten und finanziell hochgestellten Familie«[1] in Paris geboren. Da er nicht auch Maler werden sollte, wurde er mit der Einschulung für ein paar Jahre zu einer Pflegefamilie gegeben – ein ›Zufall‹, der für das zu besprechende Buch von zentraler Bedeutung ist. Wie einige Bürgerkinder jener Zeit, die vom imperialistischen Schlachten angewidert waren, sympathisierte Sohn-Rethel mit der Arbeiterbewegung und interessierte sich früh für den Marxismus, mit 16 Jahren wünschte er sich zu Weihnachten die drei Bände »Das Kapital« von Marx. Nach dem Weltkrieg studierte er in Heidelberg und Berlin Ökonomie, Philosophie, Geschichte und Soziologie, promovierte 1928 mit einer Kritik der Grenznutzentheorie bei dem austromarxistischen Ökonomen Emil Lederer (siehe Sohn-Rethel: »Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft. Frühe Schriften«, Ça ira 2012). Sohn-Rethel versuchte nun erfolglos, sich dem Frankfurter Institut für Sozialforschung anzuschließen (er war seit Mitte der 1920er mit Adorno, Krakauer, Benjamin und Bloch bekannt), ebenso wollte ihm kein anderer Einstieg in eine akademische Karriere glücken (einen Ruf an die Universität Bremen erhielt er erst 1972). In der inzwischen ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise waren auch andere berufliche Aussichten mau und so erinnerte Sohn-Rethel sich des Versprechens seines Pflegevaters, dass dieser ihm eine Anstellung besorgen würde. Der Pflegevater war nämlich Ernst Poensgen, Vorstandsmitglied der Phoenix AG, Mitbegründer und späterer Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke AG, »einer der mächtigsten Wirtschaftsführer Deutschlands«[2]. Durch ihn kam Sohn-Rethel 1931 als wissenschaftlicher Assistent zum »Mitteleuropäischen Wirtschaftstag« (MWT).

Die Bezahlung war schlecht, der MWT hatte kaum Personal (neben dem Geschäftsführer Dr. Max Hahn und Sohn-Rethel nur noch Sekretärinnen) und trotzdem war die Stelle einmalig: »Ein Placement, das zwar meiner Gesinnung nicht entsprach, aber einen umso besseren Schutzschirm bedeutete, auch einen recht guten Ausblick auf das politische Geschehen, so etwa zweiter Rang Mitte« (Brief an Walter Benjamin, 12. August 1936). Denn der MWT war der Thinktank des deutschen Monopolkapitals. »Die Gründergruppe des neuen MWT war der ›Stahlhof‹ in Düsseldorf gewesen, Tilo v. Wilmowsky, der Leiter der Leiter der F.A. Krupp AG in Berlin, wurde der Vorsitzende.« Seine Mitglieder waren »alle nennenswerten Konzerne und Gruppen des deutschen Finanzkapitals«: I.G. Farben, Stahlverein, Bergbaulicher Verein, Kali-Syndikat, Stickstoff-Syndikat, Fahrzeugindustrie, Maschinen- und Apparatebau, Elektroindustrie, Dresdener Bank, Verarbeitungsindustrie, Essener Zweckverband, ADAC, Verein Deutscher Maschinenbauanstalten, Deutscher Städtetag, Reichsverband der Deutschen Industrie, die Großagrarier – »um nur einige zu nennen«. »Enge Beziehungen spannten sich mit der Preußischen Handelskammer und natürlich mit dem Auswärtigen Amt an«, dazu »ständige enge Fühlung mit der Reichswehr, speziell mit dem Kriegswirtschaftsamt (Thomas), dem Heeresverpflegungsamt (Karmann) und der Abwehr-Abteilung«.

Der MWT hatte eine Bürogemeinschaft mit den ›Deutschen Führerbriefen‹ und so wurde Sohn-Rethel auch Teilnehmer von deren Redaktionskonferenz. Anders als der Name es nahelegen mag, waren die ›Führerbriefe‹ kein nationalsozialistisches Organ, sondern eine »›politisch-wissenschaftliche Privatkorrespondenz‹ [so der Untertitel], in der sorgsam gehütete Kulissengeheimnisse der Hauptakteure im Felde der großen und weniger großen Politik an einen eng umschriebenen Stamm von 1200 bis 1500 Lesern herangetragen und kommentiert wurden. Die Abonnenten [gehörten] den führenden Kreisen des Finanz- und Industriekapitals an, einschließlich ihrer politischen Vertrauensleute: Kabinettsmitglieder, Reichswehrspitzen, führende Großagrarier, die Umgebung Hindenburgs etc.« Die ›Führerbriefe‹ stellten ein »Sprachrohr des MWT und der Kräfte dar, die hinter ihm standen.« Alfred Sohn-Rethel kam so »als unerkannter Marxist in eines der inneren Aktionszentren des Finanzkapitals, noch dazu an einem solchen Knotenpunkt der Entwicklung«, denn der MWT »hat wie kein anderer zu der neuen Konzentration der großen Kapitalinteressen beigetragen, die an die Stelle der vorhergegangenen, durch die große Wirtschaftskrise hinfällig gewordenen treten mußte, bevor die Diktatur von 1933 politisch möglich wurde.«

Sohn-Rethel zufolge unterscheiden sich nun auf der gemeinsamen Basis dieser notwendigen Voraussetzung die verschiedenen Systeme der bürgerlichen Konsolidierung nach den Bedingungen, die hinzukommen müssen, um den Staat und das Bürgertum bis in breite Schichten der gespaltenen Arbeiterklasse hinein zu verankern. Für die Konsolidierungsphase zwischen 1924 und 1930 benennt er vor allem die von der Arbeiterbewegung und den Gewerkschaften erkämpften lohn- und sozialpolitischen Errungenschaften. Diese wurden von der deutschen Sozialdemokratie dazu genutzt, den „revolutionären Ansturm“ der Arbeiterklasse in einer Art Schleusenmechanismus zu kanalisieren und damit die Spaltung des beschäftigten und fest organisierten Teils der Arbeiterkasse einerseits und des zunehmend verarmenden und erwerbslosen Teils andererseits noch zu vertiefen.

Die Informationen, die Sohn-Rethel bei der Arbeit erhielt, fing er an, in einer »hochqualifizierten Gerüchteküche« (Peter von Haselberg) systematisch zu ergänzen. »Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß unterm Faschismus alles politisch Wissenswerte nur noch hinter verschlossenen Türen vor sich geht und daß nichts Glaubhaftes mehr in den Zeitungen steht. Wer informiert sein und die Dinge wirklich verfolgen will, muß die entsprechenden Kontakte haben, und die gab es damals selbstredend nur in Berlin. Wir, d.h. eine Gruppe von fünf Leuten, die einander vertrauen konnten, arbeiteten damals so, daß wir uns regelmäßig einmal in der Woche trafen, um Informationen und Mutmaßungen, die jeder im Laufe der Woche gesammelt hatte, gleichsam auszupacken, miteinander zu vergleichen und zu analysieren. Zu dieser Gruppe gehörte Wolfgang Hanstein, Sekretär des Deutsch-Französischen Studienkomitees, in dessen Räumen in der Bendlerstraße wir uns der quasidiplomatischen Sicherheit des Ortes wegen trafen; Hugo Richarz von der Preußischen Hauptlandwirtschaftskammer; Wolfang Krüger von der Reichswirtschaftskammer; Margret Boveri, eine ungeheuer kluge, vor allem außenpolitisch ausgezeichnet informierte Journalistin (›Frankfurter Zeitung‹ und ›Berliner Tageblatt‹), und ich. Nach Möglichkeit traf ich mich auch mit Kontaktleuten aus Stellen, wo gerade Wichtiges vor sich ging, zum Mittagessen, um zusätzliche Informationen oder Bestätigungen zu erhalten.«

»Die Situation war so unwahrscheinlich interessant, so spannend, daß ich mich nicht hätte davon wegreißen können.«[3] Aber dann drohte 1936 die Verhaftung durch die Gestapo. »Sie drohte aus relativ trivialen Gründen, die mit meiner Tätigkeit als Geschäftsführer einer Ägyptischen Handelskammer für Deutschland zusammenhingen, aber die Untersuchung wäre zweifelslos zu anderen Dingen vorgedrungen, die zu einem Todesurteil mehrfach genügt hätten.« Nämlich zu Sohn-Rethels Zusammenarbeit mit sozialistischen Widerstandgruppen, die er mit seinen Insiderinfos versorgte. So war er gezwungen in die Schweiz zu gehen und siedelte dann über Paris nach England über.

»Meine Kenntnisse und Urteile sind aus persönlichen Beobachtungen, Gesprächen und Erkundigungen und damals ›allgemein bekannten Tatsachen‹ geschöpft«, aber dieses Wissen alleine nützt nichts. Die »Grundlage muß die Kenntnis der ökonomischen Verhältnisse bilden, also der objektiven Interessenlage der maßgebenden Konzerne, der Bedingungen ihrer Produktionsweise sowohl wie ihrer Kapitalverwertung«. Dergestalt analysierte Sohn-Rethel sein Thema: »die wechselnden Interessengruppierungen innerhalb des deutschen Großkapitals, welche das Hitler-Regime ans Ruder gebracht und den Großteil seiner Politik bestimmt haben. Die Interessenkämpfe, die während der Krisenjahre 1930-1933 zwischen den führenden Großfirmen wie dem Stahlverein, der I.G. Farbenindustrie, Krupp, Siemens usw., aber auch mit den Großagrariern und der bäuerlichen Landwirtschaft ausgetragen wurden«.

Produktionszwang: Die ökonomische Nötigung zum Faschismus

Nach dem 1. Weltkrieg und der Wirtschaftskrise 1923 war 1924-30, »größtenteils auf Auslandskredite in Höhe von rund 25 Mrd. RM gestützt, der Wiederaufbau der deutschen Industrie und Landwirtschaft erfolgt. Dabei hatte in manchen Zweigen, besonders der Eisen- und Stahlindustrie, der Aufbau auf einer viel zu großen Stufenleiter stattgefunden«, denn die Hochkonjunktur »war in erster Linie eine Investitions- und Baukonjunktur, also auf die Produktion von Produktionsmitteln gerichtet, und erst in zweiter Linie auch eine Verbrauchsgüterkonjunktur. Sie schuf daher eine unverhältnismäßig hohe Nachfrage nach Produktion der Eisen- und Stahlindustrie, zumal letztere ihr auch mit ihrer eigenen Rationalisierung nachhaltig zu Hilfe kam.« Das größte Beispiel für die Rationalisierung der Montanindustrie war die Gründung der Vereinigten Stahlwerke AG 1926, einer Fusion von Thyssen, Stinnes und weiteren Firmen. Es entstand das größte Industrieunternehmen Europas, das seine Arbeitsproduktivität um über 50 % steigern konnte. Hintergrund dieser Rationalisierung war die Anwendung der Verbundwirtschaft. »Diese Methode war damals in fast allen Zweigen industrieller Großanlagen zum Zuge gelangt. Aber in der Eisen- und Stahlindustrie nahm sie freilich eine besonders starre Form an. Nicht nur wurden die verschiedenen Betriebsabteilungen wie Roheisenerzeugung, Stahlguß, Walzstraßen, Drahtzieherei, Röhrenwerke, Gießereien etc. so weit wie möglich nach den Prinzipien der Fließbandarbeit organisiert, die verschiedenen Werksteile wurden auch ihrerseits wiederum miteinander zu einem Gesamtverbund verkettet durch die Ökonomie der Gichtgase. Diese im mittleren und oberen Teil der Hochöfen sich ansammelnden Gase waren früher nur sehr unvollkommen genutzt worden, aber schon seit 1905 oder 1906 hatte man in Amerika begonnen, sie aufzufangen und als Heizund Energiequelle für andere Werksabteilungen zu verwenden. Das Ergebnis war eine erhebliche Einsparung an Feuerungsanlagen und -stoffen, aber auch eine Verkettung der Werksanlagen in der Weise, daß sie nur noch als geschlossenes Ganzes wie ein einziges riesenhaftes Uhrwerk produzieren konnten.« Dadurch waren allerdings die fixen Kosten »auf einen neuen Gipfelpunkt gestiegen und hatten damit ein Höchstmaß an Krisenanfälligkeit des Gesamtunternehmens erzeugt. Denn die Gesichtspunkte der Konstruktion waren allein solche der Produktionsökonomie. Unter der Voraussetzung einer befriedigenden Kapazitätsauslastung machte die Produktionsökonomie der Rationalisierung ihre Vorteile geltend, in der Weltwirtschaftskrise, die nicht lange auf sich warten ließ, verwandelte sich der Segen dieser Rationalisierung in den Fluch der Irrationalität.« Denn der übergroße Anteil der fixen Kosten, die hohen Zinsen und hohen Abschreibungen, haben zur Folge, dass eine Verringerung der Produktion (die typische Reaktion auf eine Krise), die Kosten des Unternehmens kaum senkt. »Die fixen Kosten begnügen sich nicht damit, den Betrieb zu drängen, seine Kapazität trotz mangelnder Nachfrage voll auszunutzen. Sie drängen ihn zugleich, sich trotz mangelnder Nachfrage zu vergrößern«, wie der damalige Papst der Betriebswirtschaftslehre, Professor Eugen Schmalenbach, feststellte. Außerdem war die Verbundwirtschaft technologisch so aufgebaut, dass sie ein bestimmtes Produktionsmaß nicht unterschreiten konnte. Beim Stahlverein z.B. wäre die Maschinerie bei weniger als 66-68% der Kapazitätsauslastung schlicht kaputt gegangen. »Es ist offenkundig, daß Produktionsstätten dieser Art nicht nur keinen Profit mehr abwarfen, sondern daß sie auf Dauer ihr eigenes Kapital verschlingen mußten.« Was in der liberalen Phase des Kapitalismus nun logisch gewesen wäre, die betreffenden Unternehmen oder zumindest einige von ihnen pleitegehen zu lassen, ging in der neuen monopolistischen Epoche nicht mehr, weil ihr »Defizit so groß war, daß seine Aufrechnung aus Gründen der Kapitalverflechtung und der politischen Gefahr der Arbeitslosigkeit etc. … untragbar war, die Gesamtherrschaft der [kapitalistischen] Klasse aufs Spiel gesetzt hätte.« Zumal Deutschland die große Montanindustrie brauchte, wollte es die Ergebnisse des 1. Weltkrieges mittels Krieg revidieren.

Was also tun? »Werke dieses neuen produktionsökonomischen Typs stehen unter Produktionszwang, wenn sie nach privatkapitalistischen Maßstäben betrieben werden. Wenn nun keine Nachfrage echter Art, d.h. nach reproduktiven Werten, vorhanden ist, so muß eine andere Nachfrage, also eine nach nichtreproduktiven Werten geschaffen werden, um die Werke in Bewegung zu halten. Nicht-produktive Werte sind Produkte, die weder direkt noch indirekt der Erhaltung und Erneuerung der menschlichen Arbeitskraft oder materieller Produktionsmittel dienen. Dazu gehören in erster Linie Rüstungsgüter, in zweiter Linie Verschwendung wie überwiegend die moderne Raumfahrt, in dritter Linie auch Luxusgüter. Die Nachfrage nach solchen Gütern bedarf der Staatsmacht, die die Bezahlung solcher Produktion der Bevölkerung aufzwingt.« Dafür aber kam die halbwegs liberale Weimarer Republik nicht in Frage, denn der Zwang setzte die Zerschlagung der Arbeiterbewegung voraus. »Da die soziale Revolution ausblieb, bestand keine Alternative, als die kapitalistische Produktion unabhängig vom Markt nach rein betriebsökonomischen Notwendigkeiten weiterzuführen. Das ist die ökonomische Definition des Faschismus; der deutsche Faschismus war praktisch das Verzweiflungsprodukt des Bürgertums, das seine Wirtschaft nicht mehr kontrollieren konnte.« Diese Nötigung traf dabei nicht alle Kapitalfraktionen. Es gab auch in der Weltwirtschaftskrise deutsche Firmen wie Siemens oder MAN, die international konkurrenzfähig blieben und darum auf eine klassische Lösung der Krise hoffen und warten konnten, weswegen sie die Regierung Brüning unterstützten; sie waren nicht weniger imperialistisch, sie mussten nur nicht alles auf eine Karte setzen und scheuten das Risiko. Es waren die bankrotten Teile der Montanindustrie, allen voran die Vereinigten Stahlwerke, die diese Option nicht mehr hatten, sie konnten nicht abwarten, weswegen sie die Harzburger Front unterstützten und Hitler an die Macht bringen wollten. Erst als im Dezember 1932 Teile aus dem Brüning-Lager ins faschistische wechselten (IG Farben), war der Weg für Hitlers Ernennung zum Reichskanzler frei.

Bourgeoisie und Nazifaschismus

Daraus lässt sich interessanterweise zweierlei gerade nicht ableiten. Erstens gab es keinen »Masterplan« der Kapitalisten. »Der Kern der großkapitalistischen Macht sieht doch anders aus, als viele Zaungäste [stalinistische Historiker wie Kurt Gossweiler z.B.] ihn sich vorstellen. In diesem Kern herrscht bei aller Gerissenheit vollkommene Wirrnis, und nichts kann ihm fremder sein als sein eigener Begriff.« Der Begriff der Herrschenden ist eben den Kommunisten vorbehalten, diese interessieren die Kapitalisten nur als »Charaktermasken«, als »Personifikation ökonomischer Kategorien, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen.«[4] Zweitens hatte die Bourgeoisie die Nazis gerade nicht in der Hand. Sondern die Bourgeoisie war in einer »Zwangslage, deren objektive und blinde Gewalt sich in der Parteidiktatur ihrer faschistischen Klassengarde verkörperte. Die Faschistengarde der Bourgeoisie war keineswegs ausschließlich deren gehorsam dienendes Werkzeug zur politischen Entmachtung des Proletariats. Sie war vielmehr dieses Werkzeug nur, indem sie ihrerseits auf dem Buckel der Bourgeoisie im Sattel saß« und das nicht durch SA, SS, Gestapo, denen war die Reichswehr überlegen, sondern »die allen Machtmitteln der Bourgeoisie überlegene Herrschaftsbasis der Partei war die Verfangenheit der Bourgeoisie in die Widersprüche ihrer eigenen Interessenlage«: Hätte die Bourgeoisie die Nazis abgesetzt, wäre sie wieder in genau der Situation gelandet, die ihr gebot die Nazis an die Macht zu holen. Darum »die politische Gefangenschaft der Bourgeoisie in ihrer faschistischen Diktatur«.

Zur Edition

An einigen Stellen wünscht man sich eine sorgfältigere Edition und wahrscheinlich wäre ein anderer Aufbau sinnvoller gewesen, denn durch die chronologische Abfolge stehen am Anfang des Buches die Texte, die am wenigsten Aussagekraft haben, größtenteils keine theoretischen Reflexionen beinhalten und nicht unbedingt zum Weiterlesen einladen. (Die Ausnahme in dieser Werkgruppe ist der Aufsatz »Die soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus«, ein Coup Sohn-Rethels vergleichbar mit Bruno Bauers »Posaune des Jüngsten Gerichts« (1841) oder Gianfranco Sanguinettis »Wahrhaftem Bericht über die letzte Möglichkeit zur Rettung des Kapitalismus in Italien« (1975) – aus Platz-, Zeit- und Spannungsgründen wird hier nichts weiter von diesem Streich verraten…) Ein besonderes Schmankerl der Ausgabe ist die beigelegte DVD mit »Zwischen zwei Kriegen«, Harun Farockis Verfilmung von Sohn-Rethels Faschismustheorie.

Dem Ça ira-Verlag ist zu danken, daß er die vergriffenen Texte von Sohn-Rethel wieder zugänglich gemacht hat. Sie sind nicht alleine von historischem Interesse um die Entstehung des Nazi-Regimes und seine Wirtschaftspolitik besser verstehen zu können. Sie deuten ebenfalls an, welche Studien und Analysen über die Gegenwart fehlen. Auf solchen aufbauend, könnten Kommunistinnen und Anarchisten die aktuelle kapitalistische Totalität vielleicht doch noch anders auf den Begriff bringen als allein durch die Kritik von Kategorien, Strukturen und Ideologien, sondern auch um die Stellungen und Konkurrenzen der Fraktionen im kapitalistischen Getümmel und deren Auswirkungen wissen. Um eines Tages doch noch ins Weltgeschehen eingreifen zu können, brauchen ›wir‹ einen solchen.

 

[1]Sohn-Rethel im Gespräch mit Mathias Greffrath: »Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern«, Frankfurt a.M., New York 1989, S. 213.

[2]Carl Freytag: »Deutschlands ›Drang nach Südosten‹. Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag und der ›Ergänzungsraum Südosteuropa‹ 1931-1945«, Göttingen 2012, S. 18.

[3]Sohn-Rethel im Gespräch mit Mathias Greffrath, a.a.

[4]Karl Marx: »Das Kapital. Zur Kritik der politischen Ökonomie«, MEW 23, S. 16.


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