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ça ira-Verlag

Presseerklärung zu den Auseinandersetzungen mit der Erbengemeinschaft Johannes Agnoli

Freiburg, 18. April 2004

Was bislang geschah

Vor einem Jahr starb nahe Lucca Johannes Agnoli, emeritierter Professor der Politikwissenschaft in Berlin und Autor u.a. des Buches “Die Transformation der Demokratie”, das als die “Bibel der ApO” (taz) weithin bekannt wurde. Fast 15 Jahre lang, seit 1990, hatte der Freiburger ça ira-Verlag seine “Gesammelten Schriften” in sechs Bänden publiziert, dazu, zu Geburtstagen, zwei Festschriften, außerdem den Text des Interview-Films: “Das negative Potential” von Christoph Burgmer. Kaum war der Autor, unser Freund und Genosse, tot, da hatte die Witwe das Sagen und das Kommando. Also befand sie, einer der letzten Vorträge Agnolis – gehalten 2001 in Wien und gedruckt im Oktober 2003 in dem von Stephan Grigat herausgegeben Buch “Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weh zum demokratischen Faschismus” (ça ira), mit Beiträgen von Ulrich Enderwitz, Uli Krug, Clemens Nachtmann, Heribert Schiedel, Simone Dinah Hartmann und Florian Markl – sei “nicht autorisiert” und politisch dort fehl am Platze, außerdem gäbe es nicht genug oder gar kein Geld dafür. Sie versuchte, Agnolis Verlag einen Verstoß gegen das Urheberrecht nachzuweisen. Sie sprach von “Raub” und “Betrug”, von “Leichenfledderei” und “politischer Instrumentalisierung” durch sog. Antideutsche, d.h. durch die Kommunisten. Sie versuchte, ihren Insinuationen eine juristische Qualität zu verleihen. Sie beantragte einen Erlaß auf Einstweilige Verfügung, um das Buch zu verbieten und aus dem Handel zu ziehen. Sie konnte damit am 1. April 2004 vor dem Landgericht Berlin nicht durchdringen und sah sich genötigt, ihren Antrag zurückzuziehen. Sie versucht seitdem, das, was sie nicht beweisen kann, in solchen für ihre journalistische Qualität bekannten Medien wie “linkeseite” oder “indymedia” glaubhaft zu machen. Sie verlegt sich aufs Politische, in der Hoffnung, dem ça ira-Verlag an den Karren fahren und ihn in jeder Hinsicht schädigen zu können.

Und was jetzt geschieht

Seit 1990 veröffentlichte Johannes Agnoli seine Gesammelten Schriften (sie umfassen mittlerweile sechs Bände mit ca. 1.400 Seiten) im ça ira-Verlag, der, wie jeder wissen kann (und wie schon ein Blick auf die WebSite www. isf-freiburg.org zeigt), auf das engste mit der Initiative Sozialistisches Forum (ISF) in Freiburg verbunden ist. Diese Zusammenarbeit mit ça ira ist von Johannes Agnoli zeitlebens nie infragegestellt worden. Sie hat seinerseits nie zu Klagen Anlaß gegeben, die über die üblichen Querelen – etwa bei Verzögerungen im Erscheinen einzelner Bücher – hinausgegangen wären. Nachdem sich beide Seiten im Verlauf der erweiterten Neuauflage von “Transformation der Demokratie” kennen und schätzen gelernt hatten, wurden alle Absprachen zur Veröffentlichungspraxis, zur Finanzierung, zur Autorisierung der Texte usw. mündlich und informell getroffen. Dies keineswegs, weil eine Seite die andere in strittigen Fragen zu übervorteilen gedachte, sondern weil ein – nicht nur auf persönlicher Wertschätzung beruhendes, sondern auch politisch fundiertes – Vertrauensverhältnis bestand, das schon die Denkmöglichkeit juristischer Auseinandersetzungen völlig absurd erscheinen ließ. Daher hat sich Johannes Agnoli niemals über die Arbeit des Verlags oder über das Lektorat beschwert – ganz im Gegenteil, wie schon sein Vorwort zu “Subversive Theorie. Die Sache selbst und ihre Geschichte” von 1996 zeigt.

Das Verhältnis seiner Ehefrau Barbara Agnoli zu ça ira dagegen war stets konfliktgeladen, insbesondere, nachdem der Verlag ein Manuskript von ihr abgelehnt hatte. Sie fühlte sich verkannt und, wie sie sagte, als “blöde Tippse” in den Schatten gestellt. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. Meist ging es um ihre Unterstellung, der Verlag würde sich an den Schriften Agnolis bereichern, der Familie Honorare vorenthalten oder verhindern, daß Agnolis Schriften jene Verbreitung fänden, die sie zweifellos verdienen. Der Vorwurf des Betrugs indes zeugt nicht nur von Unkenntnis, sondern, da ça ira seinem Autor selbstverständlich ökonomische Transparenz gewährte, von Bösartigkeit. Nebenbei verhält es sich nachweislich und im Gegenteil so, daß die ISF die Edition der Gesammelten Schriften massiv subventioniert hat. Jedem, der die Konjunkturen der Linken seit 1968 verfolgt hat, wird die vollendete Haltlosigkeit dieser Vorwürfe offensichtlich sein. Auch Johannes Agnoli wußte, daß seine Bücher, spätestens seit der Etablierung der grünen Partei, “am Bedarf vorbei” (FAZ) produziert wurden. Jederzeit aber wäre es ihm, aus welchen Gründen auch immer, möglich gewesen, dem Verlag zu kündigen und zu Bertelsmann oder Suhrkamp zu gehen. Ça ira hätte dagegen keine Einwände erhoben. Autoren, die sich im politischen (oder menschlichen) Umfeld des Verlags nicht zuhause fühlen, werden schon aus Prinzip keine Steine in den Weg gelegt – eben deswegen konnte auf Verträge etc. pp. weitgehend verzichten werden. Er hat es nicht getan, auch nie damit gedroht. Er hat sich von uns zu Vorträgen einladen lassen, nach Wien, oder auch, 1998, nach Freiburg.

Wir werden uns in der Öffentlichkeit zu den persönlichen Motiven, die Frau Barbara Agnoli angetrieben haben mögen, nach dem Tode ihres Mannes im Mai 2003, gegen ça ira, gegen die ISF und gegen ihren Freundeskreis derart massiv vorzugehen, weder jetzt noch in Zukunft weiter äußern. Wir haben versucht, uns bisher jedweder Stellungnahme zu diesem seit Dezember 2003 inszenierten Schlamassel zu enthalten – zum einen, weil wir glaubten, es handle sich nur um persönliche Animositäten, zum anderen, weil wir davon ausgingen, die Angelegenheit sich selbst überlassen zu können, indem der Verlag Frau Agnoli in allem entgegenkam, was irgendwie zumutbar war, etwa in Urheberrechtsfragen oder in den Modalitäten der Abrechnung.

Doch mittlerweile hat sogar Frau Agnoli davon Kenntnis erlangt, daß man in der deutschen Linken unschwer Anerkennung und Zuspruch findet, wenn man deren Bedürfnis befriedigt, sich für die ihr von sogenannten “Antideutschen”, “Bellizisten” und “prozionistischen Grüppchen” um die Redaktion der Zeitschrift “Bahamas” und die ISF zugefügten intellektuellen Blamagen zu rächen. Daher hebt sie die Auseinandersetzung ins Politische. Zwar sind diese “Antideutschen” weiter nichts als kommunistische Individuen und Gruppen, die versuchen, der Tradition der Kritischen Theorie auch in der Gegenwart gerecht zu werden – egal. Ging es Frau Agnoli anfangs, wie sie wiederholt erklärte, “nur” darum, den Verlag in den Bankrott zu treiben und seine Mitarbeiter in die Sozialhilfe – gegenwärtig führt sie Prozesse bzw. anwaltliche Auseinandersetzungen an gleich drei Fronten, denen nur das eine gemein ist, daß sie dermaßen hanebüchen sind, daß selbst Frau Agnoli zuweilen den Überblick verliert –, oder darum, seine sehr bescheidenen Arbeitsressourcen allein für Unfug zu vergeuden (unter anderem mit unendlichen Telefon- und Faxbombardements, die sich auf den kompletten Freundeskreis des Verlags ausdehnten und die Qualität von Telefonterror annahmen), so geht sie nun zunehmend dazu über, zwischen dem Verlag und der ISF einerseits, Johannes Agnoli andererseits einen politischen Antagonismus zu halluzinieren – eine aus der Luft gegriffene Agitation beginnt, die mittlerweile den Spielplatz “Indymedia” verlassen hat und bereits im “Neuen Deutschland” (16.4.2004) und der “Frankfurter Rundschau” (17.04.2004) angekommen ist.

Weder die ISF noch ça ira werden in diese “Debatte” eintreten. Was Johannes Agnoli zu Staat und Kapital, zu Souveränität und Demokratie zu sagen hatte, das steht in seinen Büchern; was die ISF dazu zu sagen hat, in den unseren. Diese Ausführungen erfordern weder unsere Interpretation noch die seiner Witwe oder ihrer Pressesprecher. Diese Gesellschaftskritik bedarf nicht der Beglaubigung durch Autoritäten – hießen sie auch Marx, Freud, Adorno. Wir haben es auch nicht nötig, irgendwen für irgendetwas zu “instrumentalisieren”, schon gar nicht, wie die FR schreibt, als “Zugpferd”. Wir sind nämlich motorisiert. Und ça ira verfolgt ein Verlagsprogramm, dessen Tendenz und Perspektive für sich selbst spricht: das Programm, die Etablierung der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft zu befördern, d.h. die Intentionen der Kritischen Theorie verwirklichen zu helfen, auch und gerade gegen Deutschland.

Wir setzen uns jedoch entschieden gegen den Versuch zur Wehr setzen, Johannes Agnolis Werk dazu zu verfremden, die materialistische Kritik an Deutschland, dem Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, und seinem geopolitischen Bündnispartner, dem Islamfaschismus, ins Zwielicht zu setzen. Der wesentliche Grund, warum Johannes Agnoli 15 Jahre lang am ça ira-Verlag festgehalten hat, dürfte darin gelegen haben, daß niemand dem anderen nach dem Munde geredet hat, daß politische Differenzen im Hinblick auf ihren Vernunftgehalt, nicht im Hinblick auf ihr Machtpotential ausgetragen wurden.

An einer Debatte über die “richtige” Interpretation der Werke Johannes Agnolis werden wir uns schon deshalb nicht beteiligen, weil das auf nichts anderes hinausliefe als auf die “Transformation” dieses Staatsfeindes in einen Volksfreund. Seit Karl Marx sind derlei Volksfreunde der vornehmste Gegenstand jeder Kritik gewesen, die der herrschaftsfreien Gesellschaft, keineswegs aber der Gemeinschaft des repressiven Konsenses verpflichtet ist.

Und wer hätte den herrschaftlichen Konsens mehr verachtet und strikter kritisiert als eben – Johannes Agnoli?

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